Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Wissen Sie, was die Adventszeit ist?

Von Kristian Stemmler
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Laufen, Kaufen, Saufen – hallelujah!

Morgen Kinder, wird’s was geben. Und übermorgen, und überübermorgen sowieso. Von Black Friday bis White Christmas ist Shoppen angesagt, Leute! Hopphopphopp, runter vom Sofa! Manche nennen diese Tage tatsächlich immer noch Advent oder Vorweihnachtszeit, aber das ist dummes Zeug. Die Wochen vor dem 24. Dezember sind nur noch eine Konsumorgie ohne Ende, ein Flächenbombardement des Einzelhandels, Amazon-Festspiele, Shoppingschlachten.

Nie tritt die Verlogenheit und Doppelmoral dieser Gesellschaft deutlicher zutage als in dieser Zeit. Das Gedröhne von den christlichen Werten, von »unserer Art zu leben«, wie das Politiker gebetsmühlenartig absondern, insbesondere nach Terroranschlägen, entpuppt sich als Schwindel. Es gibt nichts mehr zu verteidigen. Wie alles sogenannte Brauchtum ist auch Weihnachten restlos entkernt, eine leere Hülle, nur noch Anlass fürs Kaufen, Saufen und Fressen, für Parkplatzschlägereien und Familiendramen.

Mit dem Ursprung und Sinn des Festes hat das alles nicht mehr das geringste zu tun. Man muss ja mit dem ganzen Zinnober, überhaupt mit Religion, nicht unbedingt was anfangen können – aber dass das Christentum eine lange Tradition hat und dass dem Kirchenjahr eine innere Logik inne wohnt, lässt sich kaum leugnen. In der Abfolge der Feste ist ein Wechsel von Zeiten der Erwartung mit Zeiten der Erfüllung erkennbar, ein durchaus raffiniert konstruierter und auf die Jahreszeiten abgestimmter Rhythmus.

Der Advent zum Beispiel ist an sich, wie die Wochen vor Ostern, eine Fastenzeit, die der inneren Einkehr dienen soll und der mit der Weihnachtszeit dann Tage der Feier und Freude folgen sollen. Mit dem 1. Advent beginnt das Kirchenjahr, das eine Woche zuvor mit dem Totensonntag, den die Protestanten auch Ewigkeitssonntag nennen, seinen Abschluss findet. Die zweite Bezeichnung verweist darauf, dass es an diesem Tag nicht nur um Totengedenken geht, sondern auch um das von Christen geglaubte »Ende der Zeit«.

Aber will man von den konsumverblödeten Abendlandverteidigern unter den Polikern, bei den Militärs und natürlich bei Pegida erwarten, dass sie all das wissen?! Statt den Rummel anzuprangern, kämpfen sie gegen eine »Islamisierung«, entfachen einen Shitstorm nach dem anderen im Internet. Etwa weil die schleswig-holsteinische Kleinstadt Elmshorn ihren Weihnachtsmarkt in »Lichtermarkt« umbenannt hat, übrigens vor Jahren und ohne irgendwelche religiösen Beweggründe.

Wie weit muss man in ein Paralleluniversum abgedriftet sein, um nicht zu sehen, dass es allein der Kapitalismus ist, der alles platt macht? Alles was an Traditionen, Ritualen und Bräuchen, ob religiösen Ursprungs oder nicht, noch vorhanden ist, alles, was irgendwie noch Halt geben könnte. Haltlose Menschen sind die besten Konsumenten.


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