Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Erinnerung an den Flaneur

Eine Sammlung von Walter Benjamins Stadt- und Architekturerkundungen

Von Michael Girke
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Ansichtskarte »Wintermorgen« aus dem Besitz von Walter Benjamin. Seine Familie wohnte bis 1900 in einem Mietshaus am Magdeburger Platz in Berlin

Die Szene ist zu einer ikonischen Vorstellung von einem Intellektuellen geworden: Walter Benjamin als Exilant in Paris, wie er, trotz quälender Geldsorgen, dazu von Gestapohäschern bedroht, täglich die Nationalbibliothek aufsuchte und unbeirrbar seine Studien weiterverfolgte. Zu Zeiten der Achtundsechziger wurde Benjamin, dessen Werke zu Lebzeiten nur einige wenige kannten, dann zu einem vielgelesenen Autor mit Kultstatus. Das ist lange her. Inzwischen besitzt sein Name zwar immer noch eine gewisse Strahlkraft, dass man aber seine Gedanken kennen und in aktuellen Debatten auf sie zurückkommen würde, lässt sich nicht behaupten.

Da ist es gut, dass nun eine von dem Literaturhistoriker Detlev Schöttker kompilierte Sammlung mit den wichtigsten Stadt- und Architekturbetrachtungen Benjamins zur Auseinandersetzung mit dem Denker einlädt. Darin enthalten ist etwa »Das dämonische Berlin«, ein 1930 entstandener und speziell für Kinder gedachter Rundfunkbeitrag, der um die Frage kreist, was E. T. A. Hoffmann, den zum Klassiker gewordenen Autor des Unheimlichen, schriftstellerisch angetrieben haben mag. Hoffmann, so Benjamin, war ein Augenmensch, einer, der täglich für Stunden Berlin durchwanderte, um die Städtebewohner und ihr Treiben genaustens zu beobachten. Dies habe Spuren hinterlassen: Hoffmanns Werke böten viel mehr als Spuk, sie steckten voller detailfreudiger Beschreibungen von Berliner Straßenzügen, Lokalen, Typen, seien Aufbewahrungsorte der alten, längst verblichenen Stadt.

Ob Benjamin seine Hörer für Hoffmann faszinieren konnte, ist nicht überliefert, seine Begeisterung für das Genre der Großstadtliteratur überträgt sein Rundfunkbeitrag aber auch nach reichlichen 90 Jahren noch trefflich auf den Leser. Andere Texte vertiefen und systematisieren dieses Thema. In seiner Rezension von Franz Hessels 1929 veröffentlichtem Buch »Spazieren in Berlin« legt Benjamin dar: Früher einmal wäre der Flaneur für die Leser von Zeitungsfeuilletons auf Entdeckungsreise gegangen. Aber gerade nicht in die Ferne, vielmehr in jene großstädtischen Bereiche, die uns umgeben, die wir aber oft übersehen. In der Moderne wäre dieser Typus von Medien wie der Fotografie und dem Film überflüssig gemacht worden, kehre mit Hessel aber nun triumphal zurück. Mit dem Spürsinn des Detektivs, so Benjamin, durchmesse Hessel Berlin und entdecke dort beispielsweise Spuren der alten Baukunst. Indem er diese mit dem Geist des neuen Bauens vergliche, schärfe er den Wirklichkeitssinn seiner Leser ungemein. Mit anderen Worten: Der Flaneur, diese Verbindung von Chronist und Philosoph, ist eine Figur der Aufklärung.

Dies vor Augen ist es äußerst spannend, zu verfolgen, wie Benjamin selbst als Flaneur agierte. Im Jahre 1927 reiste er nach Moskau, um der jungen Kommunistin Asja Lacis zu begegnen, in die er heftig verliebt war. Weil diese ihm aber fortgesetzt auswich, begab Benjamin sich auf Expedition durch Moskaus Straßen. Die dabei entstandenen Aufzeichnungen, von denen der Band einige enthält, sind ein eindrucksvolles Zeugnis für Benjamins Methode der Physiognomik, durch Erwanderung und vertiefte Betrachtung der Architekturen einer Stadt, die spezifischen Denk- und Verhaltensformen ihrer Bewohner sowie deren Geschichte an den Tag zu bringen.

War Benjamin wie E. T. A. Hoffmann ein Augenmensch? Die Antwort mag ein Vergleich mit den zur selben Zeit wie Benjamins Arbeiten entstandenen Großstadttexten seines Freundes Siegfried Kracauer ergeben. Der Benjamin, der uns in seinen Stadt- und Architekturimpressionen begegnet, zeigt stets viel Vergangenes auf, stellt immer wieder verblüffende Zusammenhänge her. Häufig argumentiert er jedoch philosophisch verklausuliert. Demgegenüber haftet Kracauers Blick konsequent am Immanenten, lässt sich auf das ihm vor Augen stehende Wirkliche der Berliner Hotellobbys, Lokale, Warenhäuser, Messen, Kinos, Fabriken, Wettbüros, Obdachlosenasyle und Arbeitsämter ein. Kracauers Stadtimpressionen fassen das physisch wie mental Reale der Weimarer Zeit weitaus präziser als diejenigen Benjamins.

Gleichwohl ist »Über Städte und Architekturen« eine lohnende Lektüre. Das liegt neben bereits Erwähntem auch daran, dass in diesem Buch etliche jener Postkarten abgebildet sind, die Benjamin begeistert sammelte oder an Freunde verschickte. Karten aus aller Welt, aus Neapel, Oslo, Weimar, Berlin, Moskau, Capri, Marseille, Pompeji, die zeigen, wie wichtig es Benjamin war, zu reisen, die Welt von verschiedenen Blickwinkeln aus zu erfassen. Dazu noch lässt »Über Städte und Architekturen« die formidable Gattung der Flaneursliteratur, die bei uns leider nurmehr ein kärgliches Randdasein fristet, endlich einmal wieder hochleben.

Walter Benjamin: Über Städte und Architekturen. DOM Publishers, Berlin 2017, 280 Seiten, 28 Euro


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