Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Gefallener Tycoon

Indiens Bierbaron und Airline-Pleitier Vijay Mallya in England vor Gericht. Neu-Delhi will seine Auslieferung durchsetzen

Von Thomas Berger
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Vijay Mallya verlässt am 20. November das Amtsgericht von Westminster. Das Interesse an dem Prozess ist groß

In London hat zu Wochenbeginn der Prozess gegen den indischen Multimillionär Vijay Mallya begonnen. Das Amtsgericht von Westminster muss entscheiden, ob der seit anderthalb Jahren im selbstgewählten britischen Exil lebende Geschäftsmann an sein Heimatland ausgeliefert wird. Mallya, dort als Bierbaron bekannt, will sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren.

Er und seine Verteidiger haben wiederholt ihre Sicht bekräftigt, dass die Anklage gegen ihn politisch motiviert sei. In Indien erwarte den gefallenen Tycoon kein faires Verfahren, wird behauptet. Am Montag hatte zunächst ein Feueralarm für eine Verzögerung des Prozessbeginns gesorgt. Danach war es am Anwalt der indischen Seite, als erster sein Eröffnungsplädoyer vorzutragen. Die Anhörungen unter anderem von diversen geladenen Experten sollen nach derzeitigem Zeitplan bis 14. Dezember dauern, mit einem Urteil ist demnach erst Anfang des neuen Jahres zu rechnen. Bevor Mallya am Montag das Gerichtsgebäude betrat, hatte er tags zuvor noch einen für ihn angenehmen Termin auf der Rennsportgala wahrgenommen. Schließlich ist er weiterhin Chef des Formel-1-Teams »Force India«.

Unter den Superreichen des Subkontinents, die sich Jahr für Jahr in immer größerer Zahl auf der einschlägigen Rankingliste des US-Magazin Forbes tummeln, war der Bier- und Schnapskrösus schon immer ein Paradiesvogel, der durch einen extravaganten und betont luxuriösen Lebensstil auffiel. Während etliche andere Wirtschaftsbosse der ersten Reihe ihren Reichtum eher im Verborgenen genießen und Schlagzeilen zu vermeiden trachten, liebte Mallya das mediale Rampenlicht. Dennoch galt er lange Zeit als seriöser, erfolgreicher Geschäftsmann, dem die Banken das Geld in Form immer neuer Kredite für den Ausbau seines Firmengeflechts regelrecht hinterherwarfen.

2003 stieg der Kapitalist ins Luftverkehrsgeschäft ein – rückblickend betrachtet, vermutlich die größte Fehlentscheidung seiner Karriere. Zwar schwang sich die »Kingfisher Airlines« bei den Inlandsverbindungen zwischenzeitlich zum zweitwichtigsten Konkurrenten der staatlichen Indian Airlines (inzwischen mit Air India verschmolzen) auf. Doch Gewinn machte die Gesellschaft, die 2005 formell den Flugbetrieb aufgenommen und als erste in Indien sogar den neuen Riesenjet »A380« von Airbus geordert hatte, in keinem einzigen Jahr. Im Gegenteil: Die anfangs noch halbwegs moderaten Verluste summierten sich, Kingfisher rutschte tiefer und tiefer in die roten Zahlen, musste Bestellungen für neue Maschinen stornieren, Verbindungen streichen, Personal entlassen. Auf umgerechnet beinahe eine Milliarde Euro beliefen sich schließlich die Außenstände, mehr als die Hälfte des Gesamtwertes der Airline. Das Fallbeil senkte sich vor fünf Jahren: Ab Oktober 2012 musste die gesamte Flotte am Boden bleiben, Ende Dezember folgte der formelle Lizenzentzug. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte Mallya die Unterstützung der Banken verloren, die nicht bereit waren, frisches Geld in seine Rettungspläne zu stecken.

Der umtriebige Geschäftsmann soll ganz bewusst schon länger mit falschen Zahlen und Sicherheiten operiert und seine Kreditgeber getäuscht haben, so ein Vorwurf, der gerichtlich erstmals 2014 erhoben wurde. Mehrere Institute aus dem 17-Banken-Konsortium, angeführt von der State Bank of India (SBI), hatten ihn vor den Kadi gezerrt. Und auch jetzt beim Prozess in London wird ihm im Kern bewusste Täuschung sowie Zweckentfremdung von Krediten vorgeworfen. Statt die letzten seinerzeit noch gewährten frischen Darlehen dem vorgegebenen Ziel einer Rettung der Fluggesellschaft zuzuführen, soll ein Teil des Geldes auf undurchsichtigen Wegen bei anderen Firmen seines hauptsächlich im Getränkesektor aktiven Dachkonzerns United Breweries verschwunden sein. Mit anderen Teilsummen soll er unter anderem Außenstände für seinen Privatjet bezahlt haben.

Die Ermittlungen gegen ihn in Indien liefen bald auf höchster Ebene. Während das CBI (eine Art Bundeskriminalamt) versuchte, Beweise zusammenzutragen, ordnete der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof des Landes, im April 2016 die Offenlegung seiner sämtlichen Vermögenswerte einschließlich der seiner Frau und seiner Kinder an. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Mallya bereits nach England abgesetzt, wo er wenig später gegenüber der Financial Times erklärte, nicht zurückkehren zu wollen. Sein Pass ist inzwischen eingezogen, und in der Heimat warten neben den Großbanken vor allem unzählige geprellte Kleinanleger und die einstigen Beschäftigten von Kingfisher Airlines (deren Lohnzahlungen zum Teil bis heute ausstehen) darauf, dass ihm dort der Prozess gemacht wird. Bis es soweit kommen könnte, ist der Weg aber selbst im Falle eines Westminster-Urteils zugunsten der Auslieferung noch lang. Denn der Angeklagte hätte dann die Möglichkeit, über zwei höhere Instanzen in Berufung zu gehen. Und vorerst ist der in einschlägigen Kreisen noch immer gern Gesehene gegen eine Kautionszahlung von 650.000 Pfund (gut 770.000 Euro) auf freiem Fuß.


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