Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 8 / Ansichten

In falscher Form

IOC gegen Russland

Von Christof Meueler
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Funktionäre raus: IOC-Chef Thomas Bach (l.) und der frühere Schweizer Bundespräsident Samuel Schmid verkünden am Dienstag abend die Suspendierung des russischen NOK

Es gibt keine richtigen Spiele im falschen Sport. Nichts ist teurer als der Spitzensport, dessen Vermarktung jedes Jahr neue Höchstpreise erzielt. Rekorde werden nicht mehr von Sportlern erzielt, die sind physisch schon fast alle ausgereizt, sondern von Promotern, Fernsehsendern, Vermittlern, und Investoren. Die finanziellen Ergebnisse diktieren die sportlichen, alles andere ist Blendwerk. In diesen Verhältnissen so etwas wie einen sauberen Sport zu verlangen ist absurd. Gedopt wird immer, die Funktionäre sind korrupt und alles ist Geschäft. Normale Härte.

Neu ist, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) ein Nationales Olympisches Komitee (NOK) wegen Dopingvorwürfen suspendiert: Das russische NOK wird von den Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang im Februar ausgeladen, weil es jahrelang »Staatsdoping« praktiziert habe. Diese Vorwürfe gab es auch schon vor den Sommerspielen in Rio, als Teil der antirussischen Kampagne. Sportpolitisch wird versucht, was geopolitisch bislang nicht gelang: die Isolation der Russischen Föderation. Dort findet im Sommer 2018 die Fußball-WM statt, mit den olympischen Sommer- und Winterspielen das kommerziell wichtigste Sportereignis der Welt. So viel Prestige darf nicht sein. Es wird das Gerücht bearbeitet, das russische Team bei der WM 2014 sei komplett gedopt gewesen – allerdings hat es auch kein einziges Spiel gewonnen.

Endlose Diskussionen über Moral und Körper sind das Lieblingsthema der großen westlichen Medien. Dass die NATO den russischen Grenzen immer näher kommt, interessiert höchstens am Rande. Überhaupt erinnern die Vorwürfe gegen »die Russen« an den alten Antikommunismus vor 1989.

Doch es ist ein Antikommunismus der falschen Form: Russland mag vieles sein, aber nicht kommunistisch. Doch es ist zusammen mit China das Haupthindernis der westlichen Marktmacht. Und die mag keinen starken Staat. Wenn im Westen der Sozialstaat abgeschmolzen wird, dann wird behauptet, der Staat in Russland betreibe Doping. Denn der Staat ist immer böse.

In Russland geht es aber liberaler zu, als im Westen behauptet wird: Niemand bestreitet dort, dass es Doping gegeben hat – nur nicht im staatlichen Auftrag, sondern aus privater Initiative. Sportler und Trainer sind vorrangig Geschäftsleute. Das hat man in Russland begriffen, im IOC erzählt man weiterhin das Märchen von den lieben Amateuren. Denn es gibt keinen richtigen Ausschluss im falschen IOC. Die russischen Funktionäre dürfen nicht nach Pyeongchang kommen, die russischen Sportler aber schon, nur dürfen sie sich nicht so nennen, sondern »olympische Athleten aus Russland«. Das steht dann auf ihren Trainingsanzügen, als kämen sie aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Vorausgesetzt, sie können beweisen, das sie nicht gedopt haben. Als kämen sie aus einem Sport, den es nicht mehr gibt.


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