Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 7 / Ausland

Spannung in Athen

Erdogan-Besuch und Schülerdemonstrationen sorgen in Griechenland für Unruhe

Von Alexandra Amanatidou, Athen
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Aufgestaute Wut auf die Verhältnisse: Junge Demonstranten protestieren in Athen gegen die Ermordung Alexis Grigoropoulos’ vor neun Jahren (6.12.2017)

Mehr als 3.000 Polizisten sind seit gestern im Stadtzentrum von Athen im Einsatz. Gründe dafür sind der neunte Jahrestag der Ermordung Alexis Grigoropoulos’ und der Besuch des türkischen Staatpräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Berichten zufolge sollen zudem zusätzlich 200 türkische Beamten für die Erdogan-Visite heute und morgen eingesetzt werden. Daneben hat die Regierung von Alexis Tsipras weitere Maßnahmen für den ersten Besuch eines türkischen Staatschefs seit 65 Jahren verfügt. So herrscht im Stadtzentrum der griechischen Hauptstadt ein Demonstrationsverbot. Straßensperrungen, Scharfschützen auf den Dächern, kreisende Helikopter und gepanzerte Autos bestimmen das Bild dieser Tage.

Den Auflagen zum Trotz rufen Autonome für Donnerstag abend zu Demonstrationen gegen den Besuch Erdogans auf. Ein Grund ist die Verhaftung neun türkischer Bürger durch die griechische Polizei am 29. November. Ihnen wird vorgeworfen, Mitglieder der Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front (DHKP–C) zu sein. Die Behörde hatte zudem Bilder und Privatinformationen der Verdächtigen an die Öffentlichkeit weitergegeben.

Spannungen gibt es auch in der nordgriechischen Provinz Thrakien, die Erdogan am Freitag besuchen will. Dort lebt die muslimische Minderheit des Landes. 22 nationalistische Gruppierungen erklärten den türkischen Staatspräsidenten unterdessen zur »unerwünschten« Person. Darauf reagierte die Regionalzeitung Millet, die diese Bekundungen als »rassistisch« bezeichnete.

Am Dienstag und am gestrigen Mittwoch fanden zudem landesweit Demonstrationen im Gedenken an den am 6. Dezember 2008 ermordeten Alexis Grigoropoulos statt. Die Proteste am Dienstag abend und Mittwoch morgen, unter anderem in Athen, endeten mit Auseinandersetzungen der Schüler und Studenten mit der Polizei. Die Beamten griffen die jungen Leute unter anderem mit Blendgranaten.

Vor neun Jahren gab es mehrere Wochen lang Zusammenstöße zwischen Linken und Polizisten in Athen und Thessaloniki, nachdem der 15jährige Alexis von einem Polizisten im Athener Stadtteil Exarcheia erschossen worden war. In dem Prozess gegen die zwei beteiligten Polizisten wurde der Schütze zu einer lebenslangen Haftstrafe und dessen Kollege zu zehn Jahre Gefängnis verurteilt.

Auch ein anderes Thema sorgt in Athen weiterhin für Spannung: Am Mittwoch sollen weitere Zwangsversteigerungen von Immobilien stattfinden. In den vergangenen Wochen kam es danach im Stadtzentrum immer wieder zu Unruhen.


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