Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 6 / Ausland

Schuften bis zum Tod

Japan: Großunternehmen drängen Beschäftigte zu exzessiver Mehrarbeit. Kommunisten kritisieren Maßnahmen der Regierung

Von Michael Streitberg
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Der Letzte macht das Licht aus: Ein Angestellter geht am »Kein-Überstunden-Tag« in den Feierabend (Tokio, 15.2.2017)

Beschäftigte, die bis zum letzten Atemzug ackern, und ein Staat, der dies fördert: Jene Zustände, für die das deutsche Kapital mit Phrasen wie »mehr Freiheit« oder »Flexibilisierung der Arbeitszeiten« trommelt, sind in Japan bereits bittere Wirklichkeit. Das Wort »Karoshi«, das den Tod durch Überarbeitung beschreibt, ist längst auch außerhalb des Landes ein Begriff.

Wie aus einem Bericht der Zeitung Asahi Shimbun vom Montag hervorgeht, hat sich an dieser Praxis nichts geändert – trotz aller Beteuerungen der rechtskonservativen Regierung unter Premierminister Shinzo Abe, das Problem der ausufernden Arbeitszeiten in den Griff zu bekommen. Das Blatt hatte untersucht, wie viele Überstunden in den 225 großen Unternehmen, die zur »ersten Sektion« an der Tokioter Börse zählen, derzeit verlangt werden. Dazu hatte es Regierungsbeamte, die die Einhaltung arbeitsrechtlicher Regelungen überprüfen, und die Unternehmen selbst befragt. Laut den Verträgen, die die Firmen im Oktober 2016 nach Verhandlungen mit den Betriebsgewerkschaften geschlossen hatten, konnten 125 von ihren Beschäftigten 80 oder mehr Überstunden im Monat verlangen, 41 konnten sogar 100 oder mehr fordern. Dabei gesteht selbst das Arbeitsministerium ein, dass 100 zusätzlichen Arbeitsstunden im Monat lebensgefährlich sind. Dies gelte ebenso für einen Durchschnitt von 80 Überstunden innerhalb eines Zeitraums von zwei bis sechs Monaten. Die gesetzlich vorgeschriebene reguläre Arbeitszeit liegt bei 40 Stunden pro Woche bzw. acht Stunden pro Tag – so arbeiten allerdings nur wenige japanische Beschäftigte.

Schuld an der Misere tragen auch die Betriebsgewerkschaften. Obwohl es mehrere nationale Gewerkschaftsdachverbände gibt, spielen die einzelnen Strukturen auf Betriebsebene, die individuelle Verträge mit den Unternehmern schließen, eine zentrale Rolle. Nicht wenige von ihnen betreiben Komanagement und können kaum als Interessenvertretung der Lohnabhängigen bezeichnet werden.

Auch die Führung des »sozialpartnerschaftlich« orientierten, etwa 6,8 Millionen Mitglieder zählenden Dachverbands Rengo zog im April den Zorn vieler Mitglieder und einzelner Gewerkschaftsgliederungen auf sich. Sie hatte ihre Unterstützung für ein Maßnahmenpaket der Regierung erklärt, das auch künftig bis zu 720 Überstunden im Jahr vorsieht und das weiterhin erlauben soll, bei Bedarf bis zu 100 Stunden schuften zu lassen.

Der Dachverband Zenroren, der der auch auch im Parlament vertretenen Kommunistischen Partei (JCP) nahesteht und laut staatlichen Zahlen 550.000 Mitglieder hat, übte seinerzeit deutliche Kritik an dem Abkommen. Er warf Rengo zudem vor, die anderen Beschäftigtenverbände nicht in die Verhandlungen mit der Regierung eingebunden zu haben.

Im September präsentierte diese ihr Vorhaben unter dem Schlagwort »Reform des Arbeitsstils« erneut. In einem Leitartikel in der Parteizeitung Akahata (Rote Fahne) vom 23. Oktober kritisiert die JCP, dass noch immer ein Limit von einmalig 100 Überstunden im Monat und durchschnittlich 80 in einem Zeitraum von zwei bis sechs Monaten vorgesehen sind – also just jene Arbeitsbelastung gefordert wird, die das Arbeitsministerium als gesundheitsgefährdend bezeichnet.

Damit nicht genug: Etliche hochqualifizierte Berufsgruppen sollen darauf verpflichtet werden, für die vertraglich festgelegte Zeit zu arbeiten und ihre Überstunden zusätzlich abzuleisten – unvergütet, versteht sich. Diese Maßnahmen, so die Autoren des Beitrags, würden den Unternehmen nur dabei helfen, sich vor ihrer Verantwortung, für sichere Arbeitsbedingungen zu sorgen, zu drücken.

Nötig sei vielmehr eine Neufassung des Arbeitsgesetzes, die eine Höchstgrenze von 15 Überstunden pro Woche und 360 pro Jahr vorschreibt. Außerdem müssten die Zuschläge für Überstunden erhöht und die Unternehmer bei Strafandrohung dazu verpflichtet werden, Mehrarbeit ordnungsgemäß zu dokumentieren.

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