Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 5 / Inland

Lehrstellenmangel in Hauptstadt

DGB Berlin-Brandenburg hat seinen »Ausbildungsreport 2017« vorgestellt

Von Florian Sieber
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Ob sie fündig wurden? Tausende Jugendliche in Berlin fanden dieses Jahr keinen Ausbildungsplatz

Was macht einen guten Ausbildungsplatz aus? Keinesfalls, wie elegant er beworben wird und wie geschickt das Unternehmen sich zu verkaufen weiß, sagt Doro Zinke. »Bei der Wahl des Ausbildungsbetriebs sollte man nicht dorthin gehen, wo der Obstkorb steht, sondern fragen, ob es einen Tarifvertrag und eine Interessenvertretung gibt«, so die Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg. Die Ergebnisse einer neuen Untersuchung ihres Verbands geben ihr darin recht: Besteht ein Tarifvertrag, sind die Vergütungen der Lehrlinge meist höher, gibt es einen Betriebsrat, die Arbeitsbedingungen besser – und die Azubis zufriedener.

Am Mittwoch hat der DGB Berlin-Brandenburg den »Ausbildungsreport 2017« in der Hauptstadt vorgestellt. Diesjähriger Fokus des Papiers: die Bedingungen an den Berufsschulen. Grundlage der Studie ist die Befragung von etwa 1.800 Auszubildenden der beiden Bundesländer.

Der Report hält fest, dass in der dualen Berufsausbildung in den Ländern Brandenburg und Berlin einiges im argen liegt. So gehören berufsfremde Tätigkeiten für 63 Prozent der Befragten zur traurigen Realität. Obwohl durch das Berufsbildungsgesetz verboten, kommen solche nicht zulässige Arbeiten in jeder untersuchten Branche vor. Auch Überstunden, die von Lehrlingen nicht verlangt werden dürften, gehören für 28 Prozent von ihnen zur Arbeitsrealität. Dennoch sind die an den Berufsschulen Befragten meistens mit ihrer Ausbildung zufrieden: Insgesamt 76 Prozent bewerten diese als »sehr gut« (33 Prozent) oder als »gut« (43 Prozent). Nicht befragen konnten die Gewerkschafter bei ihren Berufsschultouren jedoch jene Jugendlichen, die ihren Vertrag aufgelöst und noch keine neue Lehrstelle gefunden haben. Über alle Branchen betrachtet, werden 34 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse in Berlin aufgelöst – neun Prozent mehr als im bundesweiten Vergleich.

Nur 58 Prozent bezeichnen ihre Berufsschulausbildung als »gut« oder »sehr gut«. Fast jeder fünfte Befragte fühlt sich nicht ausreichend auf die theoretischen Prüfungen vorbereitet. Die Zahlen zeigen, dass vor allem die Klassengröße für die Lernatmosphäre eine Rolle spielt. Diese liegt gemäß aktuellem Ausbildungsreport im Durchschnitt bei 21,8 Schülern und ist damit seit 2012 um 0,8 gestiegen, was mit dem Lehrkräftemangel erklärt wird.

Auf 17.512 gemeldete Stellen kamen im letzten Jahr 20.816 Jugendliche, die sich auf der Suche nach einer Ausbildung bei den Arbeitsagenturen oder Jobcentern des Landes gemeldet hatten. Damit kommen gerade einmal 0,84 Lehrstellen auf jeden Bewerber. Im Land Brandenburg waren es 14.332 Plätze für 14.521 Jugendliche. Ein Problem ist hier, dass die meisten Betriebe sich nicht um Nachwuchs an Fachkräften scheren. Gerade einmal 11,9 Prozent der Berliner Unternehmen bilden aus, womit das Land bundesweites Schlusslicht ist.

»Erheblichen Handlungsbedarf« sieht angesichts dieser Daten auch der Linke-Politiker Alexander Fischer, Berliner Staatssekretär für Arbeit und Soziales. Auch er bemerkte, dass der Ausbildungsplatzmangel im Land Berlin ein Dauerzustand sei. Die Berliner Koalition aus SPD, Linkspartei und Grünen wolle sich dem Thema annehmen und etwa über eine Umlage – Unternehmen, die keine Azubis aufnehmen, sollen einen Beitrag entrichten – gegensteuern. Auf jW-Nachfrage, wann mit einer solchen Regelung zu rechnen sei, sagte Fischer, das Vorhaben werde in dieser Legislaturperiode angegangen. Im kommenden Jahr wolle man auswerten, ob mehr Betriebe ausbilden.


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