Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 12 / Thema

Der »Platz an der Sonne«

Vor 120 Jahren debattierte der Reichstag über maritime Aufrüstung und deutsche »Weltpolitik« – die war von langer Hand geplant

Von Reiner Zilkenat
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In der Kriegsmarine sah Wilhelm II. den »einheitlichen Reichsgedanken« verkörpert. Sein »Lieblingsspielzeug« fand im Zuge der Flottenpropaganda weite Verbreitung, Matrosenanzüge kamen in Mode, und selbst auf Spielplätzen wurden kleine Nachbauten von Kriegsschiffen aufgestellt – Karikatur aus der britischen Zeitschrift Moonshine (15.6.1898)

Am 6. Dezember 1897 trat der Reichstag zu einer mit großer Spannung erwarteten Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung stand die Beratung des Gesetzentwurfs der Regierung, der die Aufrüstung zur See, den Bau einer starken Flotte, darunter sieben Schlachtschiffe, zwei große und siebzehn kleine Kreuzer, bis zum Jahre 1904 vorsah. Die Kosten waren immens. Sie betrugen mehr als 400 Millionen Mark. Es kam hinzu, dass sich mit der Bewilligung des Kriegsschiffbaus das Parlament selbst entmachten sollte. Denn nach einer Frist von jeweils 15 (Kreuzer) bis 25 Jahren (Schlachtschiffe) sollte die Armada durch moderne Nachfolger ersetzt werden, wozu »die Mittel für die regelmäßigen Ersatzbauten rechtzeitig in den Reichshaushalt« eingestellt werden müssten, wie es im Gesetzentwurf hieß. Die dem Parlament zunächst verschwiegene Zielsetzung der Regierung war allerdings die Schaffung von Geschwadern. Denn die bewilligten Schlachtschiffe würden in größeren Verbänden mit den dazu gehörenden Kreuzern operieren. Also ging es im Reichstag perspektivisch darum, die Bewilligung solcher Seeverbände durchzusetzen, deren Schiffe nach einem vorherbestimmten Zeitplan »automatisch« durch moderne Einheiten ersetzt würden, ohne dass zuvor das Parlament die finanziellen Mittel genehmigen müsste.

Eine wirkliche Seemacht

Doch für diesen zweiten Schritt war die Zeit noch nicht reif. Es bestand die Gefahr, dass ansonsten auch bei »bewilligungsfreundlichen« Parteien und Politikern Skepsis und sogar Ablehnung die Oberhand gewinnen könnten. Admiral Alfred von Tirpitz, der Chef des Reichsmarineamtes, schrieb hierzu rückblickend in seinen Memoiren: »Nachdem 1897 die Nation die Frage, ob eine starke Flotte Daseinsberechtigung haben sollte, grundsätzlich bejaht, den materiellen Umfang aber eng begrenzt hatte, reifte die Zeit heran, wo wir uns zu entschließen hatten, ob der politische Schritt zur wirklichen Seemacht gewagt werden oder das ganze Unternehmen nur eine grundsätzliche Demonstration bleiben sollte.« Dieser »politische Schritt zur wirklichen Seemacht« sollte tatsächlich in den folgenden Jahren mit immer neuen Aufrüstungen der Marine und dadurch bedingten ausufernden Staatsausgaben erfolgen. Doch zurück zum Flottengesetzentwurf des Jahres 1897.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts galt: Aufrüstungspläne müssen begleitet werden durch lang anhaltende und medial gut organisierte Kampagnen, die bei möglichst vielen Menschen den Eindruck hervorrufen, dass angesichts einer angeblichen Bedrohung von außen der Ausbau der eigenen militärischen Stärke von ihnen akzeptiert, ja aktiv unterstützt werden muss. Außerdem sollte mit einer systematischen nationalistischen Propaganda das Gefühl verbreitet werden, in der Welt »zu kurz gekommen« zu sein und nicht den angemessenen Platz unter den Großmächten zu besitzen. Adressaten einer solchen Propaganda waren mit den Worten des marxistischen Publizisten Franz Mehring vor allem »die braven Spießbürger, die hinter dem Biertisch so tapfer ›Weltpolitik‹ treiben.« Deshalb wurde auf Initiative von Tirpitz am 17. Juni 1897 eine »Abteilung für Nachrichtenwesen und allgemeine Parlamentsangelegenheiten« im Reichsmarineamt installiert, deren Offiziere die Aufgabe hatten, Zeitungsredaktionen mit vorgefertigten Artikeln und »Hintergrundinformationen« zu versorgen, »Denkschriften« zum Nachweis der deutschen »Seeinteressen« auszuarbeiten, Professoren und andere Multiplikatoren für öffentlichkeitswirksame Beiträge zugunsten des Flottenbaus zu gewinnen und in ihrer Haltung schwankende Abgeordnete des Reichstages in Einzelgesprächen zu einem zustimmenden Votum für den Gesetzentwurf zu veranlassen. Diese »Nachrichtenabteilung«, die von der Firma Krupp finanzielle Zuwendungen erhielt, arbeitete bald mit dem am 30. April 1898 gegründeten »Deutschen Flottenverein« Hand in Hand, bei dessen Gründung wiederum Krupp Pate gestanden hatte. Dem neu konstituierten Verband stellte die Nachrichtenabteilung ihren Mitarbeiter Victor Schweinburg als Geschäftsführer zur Verfügung.

Der bedeutendste Propagandist eines forcierten Flottenbaus war allerdings kein Geringerer als Kaiser Wilhelm II., für den eine groß dimensionierte Marine die »Weltgeltung« des Kaiserreiches unterstreichen sollte. Seit er am 15. Juni 1888 als Deutscher Kaiser und König von Preußen die Nachfolge des »99-Tage-Kaisers« Friedrichs III. angetreten hatte, galten nicht wenige seiner öffentlichen Ansprachen dem Aufbau einer starken deutschen Seemacht. Am 18. Juni 1897 führte er in Köln anlässlich der Einweihung des Denkmals für seinen Großvater Kaiser Wilhelm I. aus: »Auf dem Postament des Denkmals sah Ich die beiden Figuren: Köln mit dem Ölzweige in der Hand, das Bild des Friedens, in dem der Gewerbefleiß des Bürgers unter dem Schutze des Monarchen sich entwickelt. Auf der anderen Seite: der Meergott mit dem Dreizack in der Hand, ein Zeichen dafür, dass seitdem unser großer Kaiser unser Reich von neuem zusammengeschmiedet, wir auch andere Aufgaben auf der Welt haben: Deutsche aller Orten, für die wir zu sorgen, deutsche Ehre, die wir auch im Auslande aufrechtzuerhalten haben. Der Dreizack gehört in unsere Faust.« Am 15. Dezember des gleichen Jahres erklärte er in Kiel: »Reichsgewalt bedeutet Seegewalt, Seegewalt und Reichsgewalt bedingen sich gegenseitig so, dass die eine ohne die andere nicht bestehen kann. (…) Möge einem jeden Europäer draußen, dem deutschen Kaufmann draußen, und vor allen Dingen dem Fremden draußen, auf dessen Boden wir sind oder mit dem wir zu tun haben werden, klar sein, dass der deutsche Michel seinen mit dem Reichsadler geschmückten Schild fest auf den Boden gestellt hat, um dem, der ihn um Schutz angeht, ein für allemal diesen Schutz zu gewähren.« Und er fuhr fort: »Sollte es aber je irgendeiner unternehmen, uns an unserem guten Recht zu kränken oder schädigen zu wollen, dann fahre darein mit gepanzerter Faust!« Die »Sinnsprüche« dieser Reden wurden auf massenhaft vertriebenen Fotografien des Kaisers, auf Kalendern, in Schulfibeln und in Almanachen reproduziert.

Tirpitz und Bülow

Neu war das nicht, was Wilhelm II. mit seinen Reden verkündete. Seit der »Reichsgründung« von 1871 hatten sich immer wieder Wissenschaftler und Politiker zu Wort gemeldet, die eine Veränderung der internationalen Mächtekonstellation zugunsten des Deutschen Reiches, die Inbesitznahme von Kolonien und eine starke Flotte forderten. Es wurde billigend in Kauf genommen, dass sich dabei die maritime und koloniale »Weltmacht Nr. 1« Großbritannien herausgefordert fühlen musste.

Eine prominente Stimme sei in diesem Zusammenhang zitiert. Der an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität lehrende nationalistische Historiker Heinrich von Treitschke schrieb 1884: Es sei jetzt an der Zeit, »dass der junge Riese, der sich soeben erst den Schlaf aus den Wimpern geschüttelt, seine starken Arme nun auch brauchen soll, um die Gesittung der Menschheit zu fördern und den deutschen Namen der Welt zugleich furchtbar und teuer zu machen«. Es ginge darum, dass Deutschland seine kolonialpolitischen Aktivitäten vermehre, zur »Weltmacht« aufsteige und dadurch »das Versäumnis dreier Jahrhunderte sühnen« werde. Bereits 1875 hatte er in einem Privatbrief seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, »den Zusammenbruch der englischen Seeherrschaft, die offenbar dem vergangenen Jahrhundert angehört«, selbst noch miterleben zu können. In seinem berühmten Kolleg »Politik«, das er an der Berliner Universität hielt, fielen die oft zitierten Worte: »Dieses Deutschland mit seiner widerwärtigen Küste ist einst doch die erste Seemacht gewesen und soll es, so Gott will, wieder werden.«

Kaiser Wilhelms Weltmachtphantasien trafen innerhalb der herrschenden Elite nicht nur auf Zustimmung. Das Auswärtige Amt, die Armeeführung, manche seiner engsten Berater und auch die Deutschkonservative Partei und der Bund der Landwirte, die mächtige Interessenorganisation der ostelbischen Junker, bevorzugten die Verstärkung und Modernisierung der Armee und wollten die Flotte primär auf die Aufgaben des Küstenschutzes beschränken. Dagegen waren führende Repräsentanten der Monopolbourgeoisie, angeführt vom »Haus Krupp« und Carl Ferdinand Freiherr von Stumm, genannt »König von Saarabien«, aus durchsichtigen Gründen Protagonisten einer forcierten maritimen Aufrüstung. Für den Bau zahlreicher Schlachtschiffe und Kreuzer, am besten dann auch noch auf der Kruppschen Germania-Werft, die das Unternehmen 1896 erworben hatte, waren schließlich Eisen und Stahl ebenso vonnöten wie großkalibrige Kanonen. Aber auch die sich um die Jahrhundertwende stürmisch entwickelnde Elektroindustrie, nicht zuletzt die Firmen Siemens und AEG, witterten mit Recht neue Möglichkeiten der Profitmaximierung.

Mit den Berufungen von Alfred Tirpitz zum Staatssekretär und Chef des Reichsmarineamtes am 15. Juni 1897 (siehe junge Welt vom 10./11.6.2017) und des Botschafters in Rom, Bernhard von Bülow, zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes am 20. Oktober 1897 betraten zwei Persönlichkeiten die politische Bühne in Berlin, die sich ganz im Sinne des Monarchen für den Aufstieg Deutschlands zu einer maritimen Großmacht einsetzten und langfristig Großbritannien als dominierende Weltmacht verdrängen wollten. Beide waren im Gegensatz zu Kaiser Wilhelm II. intellektuell in der Lage, die Planungen für ein derart anspruchsvolles Ziel systematisch und mit den hierfür nötigen Zwischenetappen auszuarbeiten und dabei die komplizierten innen- und außenpolitischen Voraussetzungen zu bedenken. Während einer viertägigen Klausur auf Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel vom 18. bis 21. August 1897 entwickelten der Kaiser und die Staatssekretäre Tirpitz und von Bülow die Grundlinien des dem Reichstag vorzulegenden Flottengesetzes. Bis 1905 sollten sich nicht weniger als 21 Schlachtschiffe und 46 Kreuzer im aktiven Dienst der Reichsflotte befinden. Bis circa 1920 war ein Anstieg der einsatzbereiten Schlachtschiffe auf nicht weniger als 60 Einheiten vorgesehen. 1897 verfügte das Kaiserreich über lediglich sieben Schlachtschiffe, während 38 solcher Kriegsschiffe unter der Flagge der Royal Navy über die Weltmeere fuhren. Natürlich waren derartig ambitionierte Planungen noch nicht Gegenstand von offiziellen Regierungsverlautbarungen. Aber im Jahr 1897 fiel der »Startschuss« für eine maritime Rüstungspolitik, die zugleich den Beginn eines Wettrüstens zur See bedeuten musste, wie man es bis dahin noch nicht erlebt hatte. Das musste zwangsläufig zu politischen Spannungen mit Großbritannien führen. In der Perspektive bestand die Gefahr, dass sich der durch den Flottenbau verschärfte Gegensatz zwischen beiden Staaten zur wichtigsten Quelle für die Gefährdung des Weltfriedens entwickeln würde.

Hochgespielte Zwischenfälle

Um in der Öffentlichkeit und im Reichstag eine Stimmung zugunsten des Gesetzesentwurfs zu erzeugen, wurden »Zwischenfälle« in China und auf Haiti von der Reichsregierung, den nationalistischen Verbänden und Gazetten hochgespielt und hatten als Beweis für die Notwendigkeit einer groß dimensionierten Flottenrüstung zu dienen. Worum ging es dabei?

Am 1. November 1897 wurden zwei deutsche Missionare in Kiautschou, dem heutigen Jiaozhou, gelegen an der Ostküste Chinas, ermordet. Dies wurde in Berlin zum Anlass genommen, um dem in asiatischen Gewässern kreuzenden Kriegsschiffgeschwader den Befehl zu erteilen, unverzüglich die Bucht von Kiautschou anzulaufen und die Stadt und die umliegende Gegend durch eine aus Matrosen bestehende Einheit besetzen zu lassen. Schon seit einiger Zeit hatte das Reichsmarineamt geplant, die Bucht zu okkupieren, um einen Flottenstützpunkt einzurichten. Da in der Nähe Steinkohlevorkommen vorhanden waren, konnten die Kreuzer der Kaiserlichen Marine hier die nötigen Brennstoffvorräte bunkern. Schließlich wurde China am 15. Januar 1898 ein Pachtvertrag aufgezwungen, der bis zum Jahr 1997 die faktische Abtretung der Bucht mit den umliegenden Inseln sowie eines bedeutenden Teils der Halbinsel Schantung, heute Shandong, an das Deutsche Kaiserreich beinhaltete. Die Verwaltung des »Pachtgebietes« oblag dem Reichsmarineamt. Die Ermordung der unter »deutschem Schutz« stehenden Missionare war damit »gesühnt« worden, ein erster Stützpunkt in China konnte errichtet werden.

Zur gleichen Zeit erhitzte der sogenannte Haiti-Zwischenfall die nationalistischen Gemüter. Ein harmloser Konflikt zwischen einem deutschen Kaufmann namens Emil Lüders und der haitianischen Polizei wurde zum Anlass genommen, die notfalls gewaltsame Vertretung deutscher Interessen in Übersee anzumahnen. Ein deutsches Kriegsschiff, das in der Karibik kreuzte, wurde aufgefordert, sich auf die Beschießung der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince vorzubereiten. Angesichts dieser Drohungen verzichtete die Regierung des Landes auf die Strafverfolgung des Kaufmanns und entließ ihn aus der Untersuchungshaft. Der sozialdemokratische Vorwärts benannte hellsichtig den Zweck dieses »Zwischenfalls« in einem Kommentar am 16. November 1897: »Und siehe da, was eine einflussreiche Clique wünscht und herbeisehnt, das ist da! Ein ›ernster Konflikt‹ mit einer auswärtigen Macht, der die Entsendung einer Kreuzerdivision im Interesse des Ansehens des deutschen Namens erheischt; der Zwischenfall mit Haiti wird als Vorspann für die Marinevorlage im Reichstage und bei den Wählern dienen müssen.«

Auftritt vor dem Parlament

Am 6. Dezember war es schließlich soweit. Im Plenum des Reichstages wurde die Lesung des Flottengesetzes aufgerufen. Bernhard von Bülow als der für die Außenpolitik des Kaiserreiches verantwortliche Politiker hatte seinen ersten großen Auftritt vor dem Parlament. Bülow, der aus einer uradligen mecklenburgischen Familie stammte und bislang eine Karriere im diplomatischen Dienst absolviert hatte, kam ohne Umschweife zur Sache. Nachdem er einleitend »Genugtuung« und »Entschädigung« für die angeblich ungerechte Behandlung des deutschen Kaufmanns auf Haiti gefordert hatte und dafür von der rechten Seite des Plenums ein »lebhaftes Bravo« erhalten hatte, widmete er sich der Okkupation von Kiautschou: »Wir empfinden durchaus nicht das Bedürfnis, unsere Finger in jeden Topf zu stecken. Aber allerdings sind wir der Ansicht, dass es sich nicht empfiehlt, Deutschland in zukunftsreichen Ländern von vornherein auszuschließen vom Wettbewerb anderer Völker. (Bravo!) Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront (Heiterkeit – Bravo!) – diese Zeiten sind vorüber! Wir betrachten es als eine unserer vornehmsten Aufgaben, gerade in Ostasien die Interessen unserer Schiffahrt, unseres Handels und unserer Industrie zu fördern und zu pflegen.« Und weiter: »Wir müssen verlangen, dass der deutsche Missionar und der deutsche Unternehmer, die deutschen Waren, die deutsche Flagge und das deutsche Schiff in China geradeso geachtet werden wie diejenigen anderer Mächte. (Lebhaftes Bravo!) Mit einem Worte: Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne. (Bravo!)«

Von nun an wurde die Formulierung vom »Platz an der Sonne« diejenige Redewendung, die prägnant den Anspruch des deutschen Imperialismus auf den Begriff brachte, neben den Großmächten Großbritannien und Frankreich eine ebenbürtige Stellung auf den Kontinenten Afrika und Asien einzufordern. Allerdings musste sich Bülow in der parlamentarischen Debatte den Widerspruch der sozialdemokratischen Fraktion anhören. Ihr Sprecher Bruno Schoenlank beendete seine Rede mit dem Satz, dem herrschenden System »auch nur einen Mann und einen Groschen zu bewilligen – das hieße der schwerste Frevel an den höchsten Lebensinteressen des deutschen Volkes«. Zuvor hatte er die Profitinteressen der Stumm und Co. an einem forcierten Flottenbau hervorgehoben und die Tätigkeit des »Nachrichtenbüros« im Reichsmarineamt einer beißenden Kritik unterzogen. Zu befürchten sei, dass durch eine Annahme des Gesetzentwurfs perspektivisch neue Konflikte auf der Welt verursacht werden würden und Deutschland zunehmend als aggressive Macht agieren werde. Aber er offenbarte auch die innenpolitischen Implikationen der Marinevorlage dahingehend, dass »der Reichstag, wenn er diese Flottenvorlage bewilligt, die erste Abschlagszahlung ans persönliche Regiment Wilhelms II. zahlt. Ist aber diese Abschlagszahlung gemacht, dann kommt der Appetit beim Essen. Die Reizbarkeit gegen den kleinsten Widerspruch wird immer höher, das Machtbewusstsein steigt, und eines Tages wird man auch nicht mehr sich zufriedengeben mit dem zertrümmerten Budgetrecht des Reichstags, man wird die ganze alte Form des Parlamentarismus, das allgemeine Wahlrecht zu zertrümmern versuchen, und dann tauchen auf die neuen Aspekte der Firma Stumm und Kompagnie: Staatsstreich und Verfassungsbruch.«

Auf dem Weg zum Weltkrieg

Und tatsächlich waren dies die von den Urhebern des Flottengesetzes angestrebten innenpolitischen Ziele, die gleichsam »nebenbei« durch eine Bewilligung der Rüstungspläne und die dadurch hervorzurufenden nationalistischen Stimmungen erreicht werden sollten. Vor allem Tirpitz dachte von Anfang an in die Richtung, die Schoenlank im Reichstag skizziert hatte. Das erste Flottengesetz, dessen Beratung am 6. Dezember 1897 eröffnet worden war, signalisierte lediglich den Beginn der Umsetzung einer Strategie, die außenpolitisch durch Hochrüstung und Abenteurertum charakterisiert und innenpolitisch auf den Abbau der ohnehin reduzierten demokratischen Rechte und auf Repressionen gegen die Arbeiterbewegung ausgerichtet war. Beides gehörte untrennbar zusammen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte unzweifelbar eine neue Entwicklungsetappe des Kapitalismus begonnen, was für viele Zeitgenossen aber noch nicht erkennbar war. Allerdings wurden die Artikel in sozialdemokratischen Publikationen zahlreicher, in denen die Herausbildung des monopolistischen Kapitalismus mit der für ihn charakteristischen Verschmelzung von Bank- und Industrie- zum Finanzkapital mit einem verstärkten Kapitalexport und verschärften innenpolitischen Repressionen thematisiert wurde. Vor allem die Bildung von Trusts und Kartellen und die sich im Flottenbauprogramm manifestierende, immer aggressiver agierende deutsche Außenpolitik wurden im Vorwärts und in der Neuen Zeit analysiert.

Der sich entwickelnde deutsche Imperialismus stellte die bereits weitgehend vollzogene Aufteilung der Welt zum eigenen Vorteil in Frage. Das erklärt seine besondere Aggressivität. Wer die Forderung nach einem »Platz an der Sonne« angesichts der konkret-historischen Kräfteverhältnisse an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert propagierte, musste konkurrierenden Mächten, konkret Frankreich und besonders Großbritannien, diesen Platz streitig machen. Deshalb war die Rede Bernhard von Bülows auch ein Vorzeichen der Juli-Krise von 1914 und somit für den Weg in den Ersten Weltkrieg.

Reiner Zilkenat schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. Juli 2017 über die Unterstützung Adolf Hitlers durch den Ruhrindustriellen Emil Kirdorf.

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