Aus: Ausgabe vom 04.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Und das Riesenrad dreht sich

»Die Leben des Käpt’n Bilbo«, aufgeschrieben von Ludwig Lugmeier, sind kaum zu fassen, aber wahr

Von Christof Meueler
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»Du musst weiter, Jack«: Der rastlose Käpt’n Bilbo

Dass man sich des öfteren neu zu erfinden habe, ist eine beliebte Forderung ökonomischer Antreiber, wenn beruflich bitte noch mehr geleistet werden soll. Locker bleiben, flexibel bleiben, kreativ bleiben, und alles für die Firma – das ist die kümmerliche Rhetorik, die von der einst euphorischen Parole »Die Phantasie an die Macht« aus der Revolte von »1968« übriggeblieben ist.

Doch manchmal muss man sich tatsächlich neu erfinden, von einem Leben in ein gänzlich anderes wechseln, wenn man denn überleben will. So eine wahre Geschichte hat der Schriftsteller Ludwig Lugmeier ebenso dicht wie packend aufgeschrieben, ein Abenteuerbuch über den Berliner Illusionisten, Künstler, Galeristen und Kneipier Jack Bilbo.

Vier Autobiographien

Auch wenn Lugmeier »Die Leben des Käpt’n Bilbo« einen »Faktenroman« nennt, kann man es kaum fassen, was diesem Mann alles passiert ist. »Und das Riesenrad dreht sich«, ist ein wiederkehrender Terminus des höchst elegant prosaisch formulierenden Lugmeier. Der von ihm geschilderte Jack Bilbo wirkt wie eine unpolitischere Ausgabe von Franz Jung, der ja den Irrsinn, der ihm hauptsächlich in der deutschen Linken widerfuhr, in seiner atemberaubenden Autobiographie »Der Weg nach unten« geschildert hat.

Bilbo hingegen hat gleich vier Autobiographien veröffentlicht. Die erste erschien 1931 in Fortsetzungen in der Münchner Illustrierten Presse. Darin erzählt er, wie er in den USA der Leibwächter des Gangsterbosses Al Capone war. Ein Bombenerfolg, auch weil der Abdruck genau an dem Tag begann, als in Chicago der Gerichtsprozess gegen Capone anfing. In Wahrheit hatte Bilbo in den USA nur für kurze Zeit als Bürobote, Tellerwäscher und in einer Konservenfabrik gearbeitet. Wie überhaupt sein Leben von Pleiten, Pech und Pannen geprägt war, obwohl er als Kind reicher Eltern geboren wird, am 13. April 1907 als Hugo Cyrill Kulp Baruch, dessen Vater Bruno Baruch ein kleines Imperium in Berlin gehört, mit Theatern, Kinos, einem Spielcasino und der Beteiligung an Banken. Doch seine Eltern trennen sich schon 1915. Der Junge will zum Vater, muss aber bei seiner depressiven Mutter Daisy bleiben, die morphiumsüchtig ist. Seine Reise in die USA wird auch so ein Fiasko: Er glaubt, er käme als geschäftlicher Vertreter einer der vielen Firmen seines Vaters, darf dann aber nur Hilfsarbeiten verrichten und schafft es kaum, das Geld für die Rückfahrkarte zu verdienen.

Den Teufel gesehen

Doch dann lernt er auf einer Party seines Vaters einen Verleger kennen, dem klar wird, »dass er mit einem talentierten Schauspieler spricht, der aber seine Rolle nicht kennt«, wie Lugmeier schreibt. Er unterbreitet ihm ein Angebot, »das den Teufel gesehen hat«: sein Leben so aufzuschreiben, wie es hätte sein können. Aus Hugo Baruch wird Jack Bilbo, einer der besten Männer aus der Bande von Al Capone. Und Bilbo ist einer, der seine Phantasien in die eigene Hand nimmt und so etwas entwickelt, was man einen legendären Ruf nennt. Das bleibt auch so, als er vor den Nazis flüchtet und in Spanien berühmte Bars aufmacht. Und als er nach dem Sieg von Franco sich mit gefälschtem Pass nach England durchschlägt, wo er anfängt, Bilder zu malen. Seinem Vater dagegen rauben die Nazis den gesamten Besitz, weil er Jude ist. Völlig verarmt, bringt sich Bruno Baruch 1935 im spanischen Sitges um, wo sein Sohn eine Kneipe betreibt, die auch noch »S. O. S.-Bar« heißt. Seine Mutter wird 1940 von den Nazis in einer Euthanasieanstalt ermordet.

Als der Spanische Krieg beginnt, evakuiert Bilbo ausländische Touristen und kämpft in Barcelona gegen die Faschisten. Das sind Geschichten, die er später gern erzählt und die ihm seine Tochter Merry Woodson nicht glauben will, die aber stimmen, wie sie erfährt, als sie eine Dissertation über ihren Vater schreibt. Eine wichtige Quelle für Lugmeier, der auch mit der Tochter und weiteren Zeitzeugen gesprochen hat. Über Bilbos Bilder zitiert er einen Galeristen von damals: »Auf fünf schlechte ein gutes. Unter zwanzig guten Bildern dann aber ein sehr gutes.« In England eröffnet Bilbo seine eigene Galerie, nachdem er zu Kriegsbeginn erst als Ausländer in einem Lager interniert wird, wo er seine große Liebe Anna Boivie kennenlernt und dann Soldat wird. Er ist bei den Pionieren, die sich um die Schäden kümmern, die die deutschen Bomber anrichten. Doch Bilbo wird das zuviel, und nach vier Monaten wird er aus der Armee wieder entlassen, weil er so tut, als wäre er verrückt.

Bei Lichte betrachtet, ist er das höchstens als Maler, der seine Kunst anfallartig produziert. Bilbo schrieb, er musste sich »befreien von den Bildern und Visionen, den Zweifeln und Ängsten, die furchtbar auf meiner Seele lasteten (…) Ich trug die Farben dick auf. Ich wusste überhaupt nichts. Ich wusste nur: Ich muss malen. Ich fluchte und schwitzte und wurde von Schauern geschüttelt.« Er malt postimpressionistisch Landschaften, Feuer, Blumen und Frauen mit mächtigen Figuren. Und immer wieder sich selbst, als Strichmännchen, als Clown – und als Kapitän.

Ans Steuer gebunden

Letzteres wird er nach Kriegsende tatsächlich, als er und Anna, mit der er mittlerweile verheiratet ist, einen alten Küstensegler kaufen, 17 Meter lang mit einem Dieselmotor, der ständig kaputtgeht. Darauf wohnen sie fortan und schippern auf der Themse Touristen durch die Gegend, mehr ist mit diesem Boot auch nicht zu machen, doch Bilbo fährt es trotzdem in einer lebensgefährlichen Aktion über den Ärmelkanal nach Frankreich. Prompt gerät er in einen Orkan, bei dem er sich ans Steuer festbinden muss und gegen die Brecher und Böen ankämpft, aber zu seinem großen Erstaunen kommt er heil in Calais an.

Diese Höllenreise ist der dramatische Höhepunkt von Lugmeiers Buch, das Symbol für Bilbos Abenteuer. Er geht nicht unter, sondern wird getrieben, von inneren Dämonen und den Katastrophen von Krieg und Vernichtung. »Du musst weiter, Jack«, notiert er in einer seiner Autobiographien rastlos und kreativ.

Schließlich kehrt er 1956 in seine Geburtsstadt zurück, nach Westberlin, wo er mit Anna in der Bleibtreustraße einen Trödelladen eröffnet und 1960 am Kurfürstendamm eine Kleinkunstkneipe übernimmt, die er natürlich »Käpt’n Bilbos Hafenspelunke« nennt. Für sein Publikum spinnt er stetig Seemannsgarn, neue Storys mit ihm als Kapitän, der Waffen nach China zum Kampf gegen Japan geschmuggelt oder eine Fregatte von Franco gekapert haben haben will, die er unter dem Jubel der Bevölkerung nach Barcelona gebracht habe. Eine phantastische Neudefinition der Wirklichkeit, denn es waren die Faschisten, die seine Familie erst ruiniert und dann ermordet haben, Bilbo zählt 84 Verwandte als Opfer der Schoah.

Trotz mehrerer Prozesse verweigert der postfaschistische Staat dem Überlebenden die Rückgabe des väterlichen Eigentums. Wenn er aus seiner »Hafenspelunke« tritt, schaut er ganz real auf sein Geburtshaus, das nun anderen gehört. Das einzige, was er bekommt, sind 22.000 DM für »drei Jahre Berufsschaden« seines Vaters, ein Witz im Land der Täter.

Bilbo selbst hatten SA-Männer schon Anfang Februar 1933, noch vor dem Reichstagsbrand, auf der Straße fast totgeschlagen. Am 19. Dezember 1967 stirbt er an den Spätfolgen dieses Überfalls.

Ludwig Lugmeier: Die Leben des Käpt’n Bilbo. Verbrecher-Verlag, Berlin 2017, 256 Seiten, 24 Euro


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