Aus: Ausgabe vom 04.12.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Kommunisten vergessen

Dieter Nake vermittelt einen Überblick über die Nelkenrevolution in Portugal. Die Bedeutung der PCP erwähnt er aber leider nicht

Von Urte Sperling
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Ein portugiesischer Soldat während der Nelkenrevolution (25. April 1974)

Im Papyrossa-Verlag ist der Band »Portugiesischer April. Die Nelkenrevolution in Portugal 1974/75« von Dieter Nake erschienen. Der Verfasser ruft die damaligen Ereignisse in Erinnerung, den Sturz der Salazar-Caetano-Diktatur durch eine Gruppe von Offizieren, die sich als »Bewegung der Streitkräfte« (MFA) einen Namen machte. Damit will er zum »Nachdenken über Revolution« anregen.

Nake wählt das portugiesische Beispiel, weil seiner Meinung nach »die Akteure und Träger der portugiesischen Revolution 1974/75 einen bleibenden praktischen und theoretischen Beitrag zur Revolutionsgeschichte geleistet haben«. Während seit dem Ende des sozialistischen Weltsystems im vorherrschenden politischen Verständnis der Begriff Revolution in der Regel mit »Regime change«, das heißt, mit dem Übergang zu parlamentarischer Demokratie identifiziert wird, reserviert Nake diesen Begriff für soziale Erhebungen, die darauf zielen, Eigentumsverhältnisse so zu verändern, dass sie den besitzlosen Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Die Akteure entreißen den Kapitaleignern die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und nehmen sie in die eigenen Hände – eine historische Aufgabe, die angesichts der Weltverhältnisse als nicht gelöst betrachtet werden muss.

Der im Buch behandelte Zeitraum ist so abgemessen, dass die Aspekte der »Nelkenrevolution« im Fokus stehen, in denen eine sozialistische Perspektive aufschien, die aber sehr bald an den innen- und außenpolitischen Kräfteverhältnissen scheiterte. Die ausführliche Präsentation von programmatischen Texten gerade auch aus der »heißen Phase« der Revolution zwischen Umsturz und parlamentarischer Normalisierung sowie die akribische Rekonstruktion der Spaltungsprozesse innerhalb des MFA begründet der Autor damit, dass »Revolutionen sich immer auch in programmatischen Texten bis zur Ebene von Verfassungen widerspiegeln«.

Das Material für das Buch speist sich wesentlich aus dem Privatarchiv des Verfassers: Korrespondenzen der DDR-Nachrichtenagentur adn und die Berichterstattung in Tages- und Wochenzeitungen des Arbeiter- und Bauernstaates sowie Aufzeichnungen persönlicher Gespräche mit dem damaligen Korrenspondenten des Neuen Deutschland in Lissabon, Klaus Steiniger. Neben veröffentlichten Chroniken und Studien über die »Nelkenrevolution« bringt er auch Details aus den inzwischen zugänglichen »Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland«, in denen die Einmischung der SPD mit dem Ziel der Zurückdrängung der revolutionären sozialistischen Akteure erneut belegt werden.

Die Abwehr sozialrevolutionärer Ambitionen um jeden Preis besorgte im Inland maßgeblich die portugiesische Sozialistische Partei. Nake dokumentiert deren antikapitalistisches, linksradikal anmutendes Programm aus der Zeit vor dem Umsturz und kontrastiert es mit ihrer zügigen Entwicklung in Richtung prokapitalistischer Modernisierung. Er sieht seine These bestätigt, dass am Tor jeder Revolution »Wächter« zu finden seien, die einen möglichen Sieg der Revolution abwenden. Schließlich wird dokumentiert, was von den revolutionären Ambitionen nach dem Ende des MFA in die portugiesische Verfassung einging, dann aber sukzessive wieder an die kapitalistische Realität angepasst wurde.

Als Hauptakteur der revolutionären Ambitionen, so Nake, steht die »militärische Linke« im Zentrum des Buches. Ohne die Revolte im Militär hätte es keine Revolution gegeben. Doch ohne die »Volkserhebung«, die die aufständischen Militärs begleitete, wäre die Militäraktion nur ein Putsch geblieben. Als »Klassenkräfte«, die den Motor der sozialen Veränderungen bildeten, benennt der Autor das Landproletariat, die Industriegewerkschaften und Teile der städtischen Mittelschichten. Unter den Militärs wird Oberst Vasco Gonçalves besonders gewürdigt und zwei Reden von ihm ins Deutsche übersetzt. Gonçalves war vom MFA als Ministerpräsident eingesetzt worden und wurde eine Schlüsselfigur der revolutionären Phase, die denn auch mit seinem Rücktritt und der Ausschaltung der militärischen Linken endete.

Während in den meisten Darstellungen der portugiesischen Ereignisse die führende Rolle der Portugiesischen Kommnistischen Partei (PCP) positiv oder negativ hervorgehoben wird, lässt Nake ihre Strategie unkommentiert. Dies verwundert insofern, als die Politik, für die Ministerpräsident Vasco Gonçalves stand, Nationalisierungen, Sozial- und Agrarreformen umfasste. Diese entsprachen dem Programm der portugiesischen Kommunistischen Partei von 1965. Nake dokumentiert das leider nicht.

Dieter Nake: Portugiesischer April. Die Nelkenrevolution in Portugal 1974/75. Papyrossa-Verlag, Köln 2017, 239 S., 14,90 Euro


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