Aus: Ausgabe vom 04.12.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Wacklige Stabilisierung

OPEC will Förderung bis Ende 2018 einschränken. Russland macht mit, ist aber uneins. Seine Interessen und die Saudi-Arabiens widersprechen sich

Von Reinhard Lauterbach
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Der saudi-arabische Energieminister Khalid Al-Falih auf einer Pressekonferenz nach einem Treffen der OPEC-Staaten (Wien, 30. November)

Die OPEC hat auf ihrem Ministertreffen in Wien am Donnerstag beschlossen, die weltweite Ölförderung bis Ende 2018 einzuschränken. Das solle der Stabilisierung des Ölpreises dienen, hieß es in einer Mitteilung nach der Konferenz. Im Moment liegt der Preis für ein Barrel Öl knapp über 60 US-Dollar.

Mit dem Konferenzbeschluss hat sich unmittelbar die Linie Saudi-Arabiens durchgesetzt; Russland ist formell kein Mitglied des weltweiten Ölkartells, hat aber beschlossen, sich einstweilen an die Vorgaben seiner globalen Konkurrenten zu halten. Energieminister Alexander Nowak hatte einige Tage vor dem OPEC-Treffen noch erklärt, eigentlich sei eine Verlängerung der Selbstbeschränkung nicht nötig, weil ein Großteil der »Überschüsse« schon vom Markt »verschwunden« sei.

Die Entscheidung war offenbar in Moskau auf oberster Ebene und nach längeren Diskussionen gefallen. Einige russische Ölunternehmen waren gegen die Verlängerung der Förderlimits und begründeten dies damit, dass sie gerade erst unter hohen Anfangsinvestitionen neue Felder erschlossen hätten. Der Rückfluss dieses Kapitalvorschusses ist naturgemäß abhängig von Fördermengen und Barrelpreisen; in gewissem Umfang ist die russische Ölbranche offenbar bereit, Profitmasse vor Profitrate zu setzen. Der russische Finanzminister sieht sich beim aktuellen Ölpreisniveau auf der sicheren Seite; das Budget ist nach Angaben des Ministeriums auf Basis eines Preisniveaus von etwa 45 Dollar pro Barrel kalkuliert.

Aber der Haushaltsausgleich ist nicht alles, was in dieser Kalkulation zu bedenken ist. In seiner aktuellen Höhe liegt der Ölpreis nur noch knapp unterhalb des Niveaus, ab dem die »unkonventionelle« Ölförderung in den USA aus Schiefern wieder rentabel zu werden beginnt. In den Jahren 2014 und 2015 hatten die im US-Inland produzierenden Ölkonzerne unter den Bedingungen des Preissturzes reihenweise Felder stillgelegt; Pipelineprojekte waren auf Eis gelegt worden. Keiner der traditionellen Ölförderer kann daran interessiert sein, diese Konkurrenten wiederzubeleben; die Rentabilitätsschwelle des Schieferöls ist damit gewissermaßen die obere Schranke, bis zu der die traditionellen Ölanbieter den Preis für ihren Rohstoff in die Höhe treiben können.

Welches Land in welchem Ausmaß auf höhere Ölpreise angewiesen ist, lässt sich nicht generell sagen. Es fällt aber auf, dass es ausgerechnet Saudi-Arabien war, das sich für die Stabilisierung des Preises aussprach. Der Grund dafür dürfte sein, dass das Land nicht nur eine interne Modernisierung und Diversifizierung seiner Volkswirtschaft anstrebt. Das Geld für die entsprechenden Investitionen muss erst einmal hereingeholt werden. Hinzu kommt der Krieg im Jemen, ein Stellvertreterkrieg in dem Konflikt, um den es Saudi-Arabien eigentlich geht: den Aufstieg und wachsenden Einfluss des Iran zu kontern.

Um das Spiel aus russischer Sicht noch delikater zu machen, stehen sich die geopolitischen Interessen Russlands und Saudi-Arabiens im Nahen Osten diametral gegenüber. Saudi-Arabien hat lange Jahre zu den Finanziers der »Opposition« gegen den syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad gehört, Russland hat dessen politisches Überleben durch seinen Luftwaffeneinsatz vorerst gesichert. Iran und Russland sind in der Region zumindest zeitweise Verbündete. Insofern ist das Stillhalteabkommen beim Ölpreis aus russischer Sicht eine Versicherung, dass Saudi-Arabien nicht wieder auf die Idee kommt, wie in den 1980er Jahren in Absprache mit den USA – die allerdings aktuell, Stichwort Schieferöl, ohnehin nur bedingt an einem allzu niedrigen Ölpreis interessiert sind – den Ölmarkt zu fluten, um Russlands Deviseneinkünfte zu schmälern.

Natürlich ist es nicht so, dass Russland einen höheren Ölpreis, wie er sich primär aus dem saudischen Bedürfnis nach Finanzierung seiner eigenen geopolitischen Ambitionen ergibt, nicht gern mitnähme. Zumal es selbst ja bekanntlich auch nicht ganz ohne solchen Ehrgeiz ist. Aber in den Wochen vor dem OPEC-Treffen hat es in russischen Medien eine auf den ersten Blick erstaunliche Diskussion darüber gegeben, dass ein allzu hoher Ölpreis für das Land sogar schädlich sein könnte. Ökonomen und Strategen argumentierten, dass ein hoher Ölpreis Russlands Volkswirtschaft »verführen« könne, es sich im »Ressourcenfluch« gemütlich einzurichten, also den Übergang von einer auf Rohstoffrenten basierenden Ökonomie, wie sie aktuell besteht, zu einer Reindustrialisierung zu verschlafen.

Das ist freilich in gewissem Maße eine Schönwetterüberlegung. Denn wenn der jüngste Appell Wladimir Putins an das russische Kapital, Reservekapazitäten für den Kriegsfall vorzuhalten, ernstgemeint ist, dann sind erhebliche Investitionen erforderlich. Ganz ohne staatliche Förderung werden die nicht zu stemmen sein. Auch der Militäretat stagniert seit 2015; etliche Projekte wurden schon auf Eis gelegt oder in die Zukunft verschoben. Insofern dürfte es Russland nicht allzu schwergefallen sein, einstweilen im Geleitzug mit der OPEC zu operieren.

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Zündstoff Öl Verteilungskampf um endliche Ressourcen

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