Aus: Ausgabe vom 04.12.2017, Seite 7 / Ausland

Neue Front im Jemen

Das Bündnis gegen die saudische Militärintervention droht zu zerbrechen. Schwere Kämpfe in Sanaa

Von Knut Mellenthin
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Kämpfe in Sanaa: Rauch steigt am Samstag nach Gefechten in der jemenitischen Hauptstadt auf

Im Jemen ist die Allianz zwischen der schiitischen Organisation Ansarollah und den Anhängern des früheren Präsidenten Ali Abdullah Saleh durch innere Widersprüche gefährdet. In der Hauptstadt Sanaa finden seit Mittwoch schwere Kämpfe zwischen den bewaffneten Kräften beider Seiten statt. Sie machen sich gegenseitig für die Eskalation verantwortlich und stellen die militärische Lage gegensätzlich dar.

Ein Sprecher des Obersten Politischen Rates, einer Art gemeinsamer Regierung und Verwaltung der bisherigen Verbündeten, erklärte am Sonnabend, die Lage in der Hauptstadt habe sich wieder »normalisiert«. Der Vorsitzende des Gremiums, Saleh Ali Al-Sammad, rief die Bevölkerung des Jemen, alle Parteien und Stämme dazu auf, »Geduld zu üben«, »sich jedem Aggressionsakt zu widersetzen« und sich nicht an »Verschwörungen« zu beteiligen, durch die »Spannungen geschürt« würden. Al-Sammad gehört der Führung von Ansarollah an und scheint mit seiner Stellungnahme deren Sicht wiederzugeben.

Am Sonnabend behaupteten beide Seiten, wichtige Teile der Hauptstadt einschließlich des Flughafens unter Kontrolle zu haben. Bewohner berichteten von einer Intensivierung der Kämpfe und von lauten Explosionen. Gestützt auf Aussagen von Augenzeugen, meldete der in Katar ansässige arabische Sender Al-Dschasira, dass Milizionäre von Salehs Partei Allgemeiner Volkskongress Regierungsgebäude angegriffen hätten, die von Ansarollah-Kämpfern verteidigt worden seien. Den bewaffneten Anhängern des früheren Präsidenten sei es gelungen, die schiitischen Streitkräfte von »Schlüsselpositionen« zu vertreiben. Diese würden sich nun in den Außenbezirken Sanaas sammeln und Verstärkung erhalten.

Saleh rief am Sonnabend über einen Sender in der Hauptstadt die Anhänger seiner Partei und die ihm ergebenen Einheiten der regulären Streitkräfte auf, »unter keinen Umständen und an keiner Stelle« Anordnungen von Ansarollah zu befolgen und »ihre Republik« gegen diese »zu verteidigen«. An die Staaten der saudisch geführten Militärkoalition gerichtet, die seit März 2015 mit Unterstützung der USA einen Interventionskrieg im Jemen führen, sagte Saleh: Er sei bereit, in den Beziehungen zu ihnen »eine neue Seite aufzuschlagen«, wenn sie die Blockade gegen Jemen beenden würden.

Kurz nach Ausstrahlung dieser Ansprache verstummte der Sender. Angeblich war er von Ansarollah-Kämpfern besetzt worden. Der Führer der Organisation, Abd Al-Malik Al-Huthi, warf Saleh in einer Erwiderung auf dessen Fernsehrede vor, »die Nation zu verraten« und »Chaos« in Sanaa schaffen zu wollen. Beifall für den Expräsidenten gab es hingegen aus Riad. In einer Stellungnahme der Kriegskoalition, die von der staatlichen saudischen Presseagentur SPA verbreitet wurde, hieß es, dass Salehs Vorstoß es ermöglichen könne, »Jemen von den Übeln der sektiererischen iranischen Terrormilizen» – gemeint war offenbar Ansarollah – »zu befreien«.

Bis zu seinem durch Massendemonstrationen erzwungenen Rücktritt 2012 war Saleh mehr als 30 Jahre lang Präsident. Seit 2004 hatte er das Militär Krieg gegen die hauptsächlich im Nordjemen lebende schiitische Minderheit führen lassen und war dabei von Saudi-Arabien unter anderem durch Luftangriffe unterstützt wurden. Sein Bündnis mit Ansarollah, das nun wohl als gescheitert angesehen werden muss, war taktischer Art und galt von Anfang an als zerbrechlich.


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