Aus: Ausgabe vom 04.12.2017, Seite 6 / Ausland

Blutige Geschichte

Von Mumia Abu-Jamal
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Rechte unter Waffen: In den USA garantiert der 2. Verfassungszusatz, dass sich die Bürger bewaffnen können (Atlanta, 20.4.2013)

Die kalifornische Historikerin und Feministin Roxanne Dunbar-Ortiz ist vor allem durch ihr mehrfach ausgezeichnetes Buch »An Indigenous Peoples’ History of the United States« über die Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner bekannt geworden. Die Liebhaber von Geschichtsliteratur kennen die 78jährige Autorin mit ihren indigenen und schottisch-irischen Wurzeln als eine fleißige Schreiberin, die eine beträchtliche Anzahl von Werken über historische Themen veröffentlicht hat. Viele ihrer Bücher handeln von dem, was man in den USA »Indianerland« nennt.

Auch ihr jüngstes Werk ist wieder bahnbrechend. In »Loaded: A Disarming History of the Second Amendment«, das im Januar 2018 in San Francisco erscheinen wird, wagt sie es, das allerheiligste Schriftstück der USA anzugreifen: die Verfassung von 1787. Detailliert untersucht sie, welche Kräfte vier Jahre später den 2. Zusatzartikel zur Verfassung schufen, der es verbietet, das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen einzuschränken. Mit ihrer Analyse fordert sie ihre Kollegen der Historikerzunft heraus. Ihnen wirft sie vor, die wahren Gründe für das Entstehenden dieses Zusatzartikels zu verschleiern und ihn dadurch so bedeutsam gemacht zu haben.

Die Autorin betrachtet die Entwicklung von der Landung der europäischen Eroberer in der Neuen Welt bis in die Gegenwart hinein. Sie zeigt die unstrittige Tatsache auf, dass die USA durch Völkermord und Sklaverei entstanden sind. Die Europäer kamen mit der Bibel in der Hand, trachteten aber von Anfang an danach, alles nichteuropäische Leben – »die anderen«, also Indianer, Afrikaner – mit dem Schwert auszulöschen. Um belegen zu können, dass die tiefsitzende Kriegslüsternheit der US-Amerikaner im wesentlichen in ihrer Liebe zu den Waffen wurzelt, tauchte Dunbar-Ortiz tief in die Archive ein und wertete alle bisherigen Publikationen zu diesem Thema aus.

Sie beschreibt, wie sie als junge Frau in den 1960er Jahren einer politischen Gruppe angehörte, die sich zur Selbstverteidigung bewaffnet hatte. Schon sehr bald hätten sich die Aktivitäten des Kollektivs jedoch nur noch um diese Frage gedreht. »Es scheint, dass unsere Gruppe ebenso wie andere in dieser Zeit, als der Vietnamkrieg live über die Fernsehbildschirme flimmerte, die Avantgarde eines Trends waren, sich mit Waffen auszurüsten und ausgediente Armee- und Marineuniformen zu tragen, was schon bald dazu führte, dass militärische Tarnkleidung in Ausbeuterbetrieben neu produziert wurde, um die wachsende Nachfrage der Käufer befriedigen zu können.«

Dunbar-Ortiz betritt bislang unbekanntes Terrain und arbeitet heraus, dass es noch andere gesellschaftliche Kräfte gegeben haben muss, die unter den Euroamerikanern einen besonderen Hunger nach Indianerland erzeugten. Etwas, das vergleichbar ist mit dem, warum »Lebensraum« zu einem Schlüsselbegriff für die rassistische Eroberungspolitik von Adolf Hitler und Konsorten wurde. Auch bei den europäischen Eroberern in der Neuen Welt ging der Hunger nach Land einher mit einem extremen Hass auf die dort lebenden indigenen Völker, der dann ausgedehnt wurde auf die afrikanischen Sklaven und vor allem dazu diente, die Kassen der Weißen zu füllen.

»Loaded« ist ein brillantes Werk, das von äußerst intensiver Auseinandersetzung seiner Autorin mit der Geschichte zeugt. Sie öffnet ihrer Leserschaft die Augen darüber, dass der heutige Zustand des Landes eng mit ihrer gewaltsamen Entstehungsgeschichte zusammenhängt. Dunbar-Ortiz zerschlägt die Götzenbilder des Massenphänomens der Waffenverehrung, indem sie ihre wahren Beweggründe aufzeigt. Sie nimmt dem 2. Zusatzartikel zur Verfassung seinen sakralen Charakter und stürzt ihn aus den Ehrfurcht gebietenden Höhen des Himmels hinunter in den Morast aus Blut und Hass, aus dem die USA in Wahrheit geformt wurden.

Übersetzung: Jürgen Heiser


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