Aus: Ausgabe vom 04.12.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Kiezspaziergänge und »Sportgruppen«

Von Christiane Hoffmann
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Zorn und keine Zeit: Volksmassen akut von Entmietung bedroht. Berliner Demonstration im September 2017

Berlin-Alt-Treptow, ein Donnerstag abend, eine Nachbarschaft versammelt sich. Beim abendlichen Kiezspaziergang erläutert Birgit V., warum sie mit den rund 120 Nachbarn solidarisch ist, die hier zusammen laufen: In ihrem Mietshaus versuchten vier wechselnde Eigentümer in den letzten 27 Jahren die Mieten zu erhöhen, Leute aus ihren Wohnungen rauszukriegen und das Objekt so schnell wie möglich wieder abzuschreiben. »Ich fühle mit jedem, der das jetzt durchmacht«, sagt sie jW. Es sei jetzt »noch viel schlimmer« geworden. Derzeit lebe sie ohne warmes Wasser. Der neueste Eigentümer drohe mit Modernisierungsmaßnahmen, »ein anderes Wort für Renditemaximierung«, sagt sie. Sie will ihre alte Gasanlage behalten, doch die sei nun teilweise nicht mehr intakt. Weil sie sich dem Mietennepp verweigert, wolle sie »keine schlafenden Hunde wecken«. Sie fürchtet das nächste »unschlagbare Angebot« – und lebt lieber ohne Heißwasser.

Auch Mareike Unterburger nimmt lieber Mängel in Kauf als abstruse Mieterhöhungen. Die Hälfte ihrer Rente von 1.080 Euro überweist sie schon jetzt jeden Monat ihrem Vermieter. Ihre dreißigjährige Tochter wohnt wieder bei ihr in der Zweizimmerwohnung. »Die studiert zur Hälfte, und zur Hälfte muss sie arbeiten.« Auch jetzt, während des abendlichen Rundgangs; ein eigenes Zimmer habe sie sich trotzdem nicht mehr leisten können.

Eltern mit Kleinkindern sind auch zum Laternenumzug da, genauso wie Männer in schwarzen Jacken mit Piratenflaggen und Bergmannslampen. Ältere Damen, darunter Birgit V. und Frau Unterburger, bieten an einer Station Glühwein, Tee und Suppen an. Jüngere Männer spülen ab. Gemeinsam laufen sie Stationen ihrer Nachbarschaft ab, machen Durchsagen und erläutern die Eigentumsverhältnisse.

Stephanie Hönnicke vom Bündnis »Wir sind das Milieu« erklärt vor der Karl-Kunger-Straße 6 über Megaphon, man solle sich nicht schweigend zurückziehen: »Wir wollen hier wohnen bleiben!« Und tatsächlich kommen einige Leute, die sich schnell in Stiefel und Mantel geworfen haben, die Treppe hinunter. Sie schließen sich der Versammlung an.

Die Geschichten sind von Station zu Station dieselben auf einem Karree von kaum einem Quadratkilometer: Immobilienfonds wie Citec Immo, ADO oder einzelne junge Erben kaufen im großen Stil Gebäude – doch für uns ist es das Zuhause, so Sprecher Bernd Duprik von der Sozialinitiative Alt-Treptow. »Buh, pfui, Schweinerei«, ruft die Gruppe, die an ihrer Schlussstation zu einer veritablen Demo angewachsen ist: Krüllstraße 5. Entmietungsalarm: Außer drei Mietparteien mit Rechtsschutzversicherung gebe es hier nur noch Leerstand. Wenn die letzten Leute vertrieben sind, wird teuer vermietet oder verkauft.

»Das Viertel erlebt einen Bevölkerungsaustausch«, sagt Yasmin Aydin, die noch »einen alten Mietvertrag« hat, wie sie sagt. Neue Leute könnten ohnehin nur noch ins Viertel einziehen, wenn sie Quadratmeterpreise ab zehn Euro abdrücken können. Mit einem normalen Gehalt oder Kindern könne das aber niemand. Zum Schluss spielt eine Band aus dem benachbarten »Bizimkiez-Bündnis« und lädt zur 4. Kiezversammlung am nächsten Tag nach Berlin-Kreuzberg ein. »Wir haben auch Sportgruppen«, wird dort eine Sprecherin des Bündnisses »Zwangsräumungen verhindern« in den gefüllten Saal rufen .

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