Aus: Ausgabe vom 02.12.2017, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen

Im Schatten der Mauer

Bethlehem ist ein Ort, der nicht jeden beseelt

Von Wolfgang Sréter
Übergroß: An der Bethlehemer darf sich US-Präsident Donald Trump seine Mauer wünschen
Frommer Wunsch: Die Friedensbotschaft des Evangeliums nutzt den Menschen im Westjordanland wenig
Devotionalien: Die Souvenirshops in der Pilgerstadt bieten alles Erdenkliche für den Bedarf der Gläubigen
Schmuckstücke: Aus Olivenholz gefertigte Krippenfiguren aus Bethlehem sind nicht nur zur Weihnachtszeit ein Verkaufsschlager
Randlage: Mit seinem »Walled Off Hotel« nimmt der englische Künstler Banksy Bezug auf die traurige Realität der Stadt
Metapher: An vielen Stellen rücken Sprayer der Mauer mit künstlerischen Mitteln zu Leibe
Protest: Auch die Mauer von Bethlehem wird nicht für alle Ewigkeit stehenbleiben
»Make love …«: Bethlehem ist längst nicht mehr nur Anziehungspunkt für pilgernde Touristen

Bethlehem ist eine Pilgerstadt. Hinein gelangt man mit dem Bus. Zu Fuß wäre sie auch kaum erreichbar, der Sperrmauern wegen, die seit 2002 von der israelischen Regierung ringsum errichtet wurden. Die palästinensischen Bewohner Bethlehems können davon ein Lied singen. Jeden Morgen ab vier Uhr bilden sie Warteschlangen am Checkpoint 300, um von der Geburtsstadt Christi zu ihren Arbeitsstellen in Jerusalem oder Tel Aviv zu gelangen.

Tag für Tag pilgern Tausende Gläubige aus aller Welt zur Geburtskirche, die dort steht, wo Jesus zur Welt gekommen sein soll. Andere pilgern zum »Walled Off Hotel«. Auch der Besuch beider Orte schließt sich nicht aus. Der englische Künstler Banksy hat das Hotel an einer Stelle der Stadt eröffnet, wo die Mauer das Leben der Menschen hier besonders einengt. Die einen nehmen als Souvenir eine Krippenfigur aus Olivenholz oder sogar eine Dornenkrone mit nach Hause – die anderen erstehen im Shop neben dem Hotel ein T-Shirt oder eine Jutetasche mit der Aufschrift »Make love not walls«. Die einen versuchen, sich in der von Besuchern überfüllten Geburtsgrotte, wo Gott Mensch geworden sein soll, in Andacht zu versenken – zur selben Zeit lassen andere sich vor den neuesten Graffiti an der Mauer fotografieren. Zum Beispiel mit einem mehr als vier Meter hohen Donald Trump, der sich zu Weihnachten eine eigene Mauer wünscht. Viele steigen, nachdem sie durch die Basilika geschoben wurden, beseelt wieder in ihren Bus und fahren zur nächsten Pilgerstation. Andere, meist jüngere Menschen, bleiben nachdenklich zurück.

Auch im fünfzigsten Jahr der israelischen Besatzung des Westjordanlandes wird sich das »… Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen« aus dem Gesang der himmlischen Heerscharen im Lukasevangelium für Bethlehem nicht erfüllen.


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