Aus: Ausgabe vom 02.12.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Sozialdemokratischer Nilschlamm

Kurt Tucholsky setzte sich 1926 mit der Haltung der SPD und anderer Parteien der Sozialistischen Internationale zum Weltkrieg auseinander

Aussenminister_Gabri_52673506(1).jpg
»Was wir erlebt hätten, wenn Deutschland gesiegt hätte, ist nicht auszudenken«: Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) besucht das von deutschen Soldaten angeführte NATO-Bataillon zur Abschreckung Russlands in Litauen (März 2017)

Ein erschütterndes Zeitdokument liegt vor mir: »Gegen den Strom«, Aufsätze aus den Jahren 1914–1916 von N. Lenin und G. Sinowjew (bei Carl Hoym in Hamburg). Die fünfhundert bedeutendsten Seiten, die im Kriege geschrieben worden sind.

Die Verfasser flüchteten bei Kriegsausbruch aus dem österreichischen Galizien in die Schweiz, dort gaben sie den Sozialdemokraten heraus, dann eine Nummer des Kommunisten, dann zwei Hefte des »Sammelbuchs des Sozialdemokraten«. Dieser Sammelband eben hieß: »Gegen den Strom«. Gegen welchen?

Die Sozialdemokraten der großen kriegführenden Länder waren gleich zu Beginn glorreich umgekippt. Noch in den letzten Julitagen konnte man in Frankreich und in Deutschland sozialistische Proteste lesen, die den Krieg als das charakterisierten, was er war: als einen imperialistischen Streit kapitalistischer Gruppen, dessen Ausgang dem Proletarier auf keinen Fall Gutes bringen konnte; Sieg und Niederlage waren in der Tat für den Arbeiter, der kein Vaterland hat, gleichgültig. Zu Beginn des August las man's anders. Da erließ jede Fraktion in jeder Hauptstadt der europäischen Reiche eine Erklärung, dass dieser Krieg auch ihr Krieg sei. »Das Vaterland ist in Gefahr ... Verteidigung des Landes ... Kultur und Unabhängigkeit unsres eignen Landes ... kein Eroberungskrieg ...« Es war das Ende der Internationale, auf die sich übrigens die Waschlappen alle beriefen. Gegen diesen Nilschlamm kämpft das Buch. (...)

Das ganze Kriegsverbrechen der II. Internationale, der königlich preußischen, der braven französischen, der revisionistischen russischen Sozialdemokratie geht aus diesen Aufsätzen hervor, die anklagen, nachweisen, das Urteil sprechen.

Uns interessiert am meisten das Urteil über die deutschen Kriegskreditbewilliger, über die Herrliches gesagt wird. (...) Lenin: »Man hätte uns verhaftet! soll in einer Arbeiterversammlung in Berlin einer der Reichstagsabgeordneten gesagt haben, die am 4. August für die Kriegskredite stimmten. Darauf riefen ihm die Arbeiter zu: Na, wenn schon!« (…) Lenin: »Über die Stellungnahme zum Kriege konnten sich (1914) einigermaßen frei nur eine ›Handvoll Parlamentarier‹ äußern (...).« Und wenn sie es getan hätten? fragt die Gegenseite. Wäre dann der Krieg abgebrochen worden? Nein. Aber die Massen, Unorganisierte und besonders Organisierte, hätten Mut bekommen, hätten den Krieg besser durchschaut und hätten das getan, was man ihnen heute in Deutschland vorwirft, und was sie leider nicht getan haben: Sie hätten die Front erdolcht.

(…) Was wir erlebt hätten, wenn Deutschland gesiegt hätte, ist nicht auszudenken. Dass Staaten nach ihren Niederlagen meist weniger reaktionär sind als nach einem Sieg, den sie als Reklame für ihr System plakatieren, zeigt nur, welche immense Schuld die deutsche Sozialdemokratie nach dem Kriege auf sich geladen hat: Es ist gradezu ein Kunststück, einen besiegten Staat in so kurzer Zeit weit unter sein Vorkriegsniveau zu treiben und noch reaktionärer werden zu lassen. (…)

Ich kenne viele deutsche Sozialdemokraten, die gradezu Krämpfe bekommen, wenn von den Leuten, die links von ihnen stehen, die Rede ist. Diese blauroten Köpfe, diese kippenden Falsettstimmen, dieses Gefuchtel mutet sonderbar an. Woher der Eifer? Die Wut dieser Arrivierten, dieser kleinen Beamten, die in ihrer »Organisation« nicht gestört werden wollen, dieser Knaben, die in dem Augenblick, wo sie in der Regierung sitzen, alles vergessen, was sie vorher gepredigt haben, um in die Regierung zu kommen – diese Wut ist mit dem Seelenzustand eines angebundenen Haushundes zu vergleichen, dem sich das Fell sträubt, wenn nachts, in der Ferne, die Stimme des Wolfs ertönt. Es ist nicht der Wolf, der heult. Es ist der Bruder, der ruft, der fast vergessene Bruder, den der Hund verraten hat, als er des Fressens halber zum Menschen ging, um die Herden zu bewachen ... Der Hund reißt an der Kette und kläfft. In seinem wütenden Gebell ist Hass, Furcht und ganz, ganz zuunterst Reue, Scham, Gewissensbisse und die längst mit Gewalt unterdrückte Sehnsucht nach der Freiheit, die der andre, der hungrige Vagabund, genießen darf. Zurück, Sehnsucht! Weg, Freiheit! Ich bewache die Hütte meines Herrn! Zweifle ja nicht an meiner satten Treue ... Kein Hass ist so groß wie der des Haushundes gegen den Wolf.

Diese beiden haben gehandelt und haben gesiegt. Und sie wussten nicht, dass sie siegen würden – wieviel Lenins, wieviel Sinowjews sind vor 1914 als Emigranten verhungert, ungekannt untergegangen, in Sibirien erfroren! –, aber sie wussten, dass die Idee eines Tages siegen würde. Sie sind glücklich zu preisen: Sie haben es erlebt. (…)

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890–1935) veröffentlichte diese Rezension unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel in der Zeitschrift Die Weltbühne vom 13. April 1926. Vollständiger Text: www.textlog.de/tucholsky-gegen-den-strom.html

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Mehr aus: Wochenendbeilage