Aus: Ausgabe vom 02.12.2017, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Aufwühlendes Werk

Zu jW vom 25./26. November: »Was wollen ›die Krawatten‹?«

Am 26. November 2017 besuchte ich im Staatstheater Mainz die Vorstellung »7 Minuten – Betriebsrat«. Nicht das Stück war (…) für mich eine Enttäuschung, sondern der Artikel von Elmar Wigand. Er beklagt, dass Betriebsräte auf die Behandlung ihrer Probleme auf der Bühne wohl noch eine Weile warten müssen. Aber gerade das Stück des Italieners Stefano Massini widmet sich dieser Thematik. Und es ist ein Verdienst des Staatstheaters Mainz, dass es als deutsch-luxemburgische Koproduktion erstmals im deutschsprachigen Raum aufgeführt wird. Es kommen solch brisante Themen zur Sprache wie das Verhältnis zwischen Arbeitern und Angestellten, zwischen deutschen und ausländischen Arbeitern und die Verantwortung des Betriebsrates von elf Personen für die gesamte Belegschaft von 200 Arbeitern und Angestellten. Die elf Schauspielerinnen agieren sehr engagiert und überzeugend. Das Publikum honorierte die Aufführung mit viel Beifall. Und wie ich hörte, war das auch bei den Aufführungen in Luxemburg so. Wie wenig traut Elmar Wigand dem Publikum zu, wenn er behauptet, dass niemand den Inhalt der internen Vorbesprechung der gewählten Arbeiterinnen vor der Sitzung des Betriebsrates kapiert? (…) Dass man »eher nicht an den Lippen der Darstellerinnen hängt«, kann ich absolut nicht bestätigen. Die tiefe innere Bewegung der Arbeiterinnen, ob sie der Pausenkürzung von sieben Minuten zustimmen sollten bzw. ob eine Ablehnung ihre Entlassung und womöglich die Schließung der Firma und damit die Entlassung aller bedeuten würde, brachte sehr viel Spannung in die Aufführung. Mich hat dieses sozialkritische Werk sehr aufgewühlt (…). Ich hätte mir gewünscht, dass der Theaterkritiker mehr zum Stück selbst und seiner Umsetzung schreibt, als sich allgemein zu Betriebsräten und zum Beiheft zu äußern.

Helga Labs, Berlin

Ahnungslose Linke

Zu jW vom 28. November: »Eigentum ­verpflichtet«

Wenn alle Linken den hier herrschenden Finanzkapitalismus so »gut« verstanden haben wie der Autor Alexander Ulrich, kann einem himmelangst werden. In dieser Gesellschaft sichern nur wachsende Gewinne dem Unternehmen das Überleben. Langfristig stagnierende oder gar zurückgehende Gewinne sind im Shareholdersystem der glatte Untergang. Da müssen noch gar keine Verluste vorliegen. Denn zurückgehende Gewinne senken die Dividende, diese drückt wieder den Aktienkurs, und das verteuert Kredite und die ganze Produktion usw. usf. Ohne Siemens oder Thyssen-Krupp hier freizusprechen: Es handelt sich nicht um deren Bösartigkeit, sondern um die Bösartigkeit des Systems. Die Politik ist jetzt an der Reihe? Ja, was kann sie denn tun, außer die Kosten so oder so auf die kleinen Leute abzuwälzen? Alles andere würde eine mittlere Revolution erfordern. Und eine Revolution wird es in Deutschland nicht geben. Denn hier ist das Betreten des Rasens verboten. »Da helfen nur Gesetze, durch die den Prinzipien des Grundgesetzes Geltung verschafft wird«, meint der Autor. Ja, wie blauäugig kann man denn sein? Erstens ist das Grundgesetz unmittelbar geltendes Recht. Zweitens gibt es in Deutschland genug Gesetze. Es gibt auch Gesetze gegen Betrug, Computerbetrug, geschäftsmäßigen Betrug etc. Hat sich wer bei den VW-Softwaremanipulationen daran gestoßen? Hat da wer ermittelt? Selbst wenn man jemanden finden sollte, der solche Gesetze beschließt, was auch schon sehr zweifelhaft ist, so wird sich aber garantiert niemand finden, der sie anwendet oder durchsetzt. Hören Sie endlich auf, den Leuten falsche Erklärungen zu geben und falsche Hoffnungen zu machen, und nennen Sie diesen systematischen Mist beim richtigen Namen: imperialistisches, faulendes, parasitäres, sterbendes System.

Peter Andreas Schöbel, per E-Mail

Marionetten der Industrie

Zu jW vom 29. November: »Deutsche ­Giftspritzer«

Heute bewegen sich Lobbyisten nicht mehr in den Wandelgängen eines Parlamentsgebäudes, heute sitzen sie auf der Regierungsbank als Marionetten der Industrie. Man könnte Verschwörungstheoretiker werden oder wieder einmal Noam Chomsky zitieren: »Die Mehrheit der gewöhnlichen Bevölkerung versteht nicht, was wirklich geschieht. Und sie versteht noch nicht einmal, dass sie es nicht versteht.«

Peter Herrmann, Halle

Rassisten weiter geehrt

Zu jW vom 29. November: »Grundschule legt Namen eines Altnazis ab«

Immer noch steht völlig unkommentiert eine Ehrenbüste des Altnazis und Rassisten Ludwig Heck im Berliner Zoo herum. Und zudem gibt es in Berlin eine weitere Schule, die nach einem ausgewiesenen Rassisten benannt ist: die Hagenbeck-Schule. Tierhändler Hagenbeck gilt nicht nur als Erfinder des »modernen Zoos«, sondern auch der rassistischen »Völkerschauen« in den Zoos.

Elke Petermann, per E-Mail

Perverses Spiel

Zu jW vom 30. November: »Politik an der Leine«

Solange sich die Unterjochten nicht solidarisieren und das Heft des Handelns an sich nehmen, wird die Lage aller noch miserabler (…). Das Problem ist nach wie vor, dass die »Arbeitgeber« als Klasse handeln (Warren Buffett gibt das offen zu) und damit erfolgreich sind, während sie und ihre Politmarionetten dem doofen Wahlvolk weismachen, es würde keine Klassen mehr geben, und Marx hätte sich überlebt. Weil die Unterjochten sich nicht als Klasse sehen (können), ist es einfach, sie ständig und überall gegeneinander in Stellung zu bringen: Alt gegen Jung, Männlein gegen Weiblein, Ausländer gegen Deutsche, Arbeitende gegen Arbeitslose usw. Es ist faszinierend, wie nach Tausenden von Jahren das perverse Spiel noch immer funktioniert, wo es doch relativ leicht zu durchschauen ist, und wie die Linke es nach wie vor nicht fertigkriegt, dieses einfache Wissen so zu vermitteln, dass effizientes und geschlossenes Handeln daraus wird.

Mary-Louisa Perez, per E-Mail

Weil die Unterjochten sich nicht als Klasse sehen, ist es einfach, sie ständig gegeneinander in Stellung zu bringen.