Aus: Ausgabe vom 01.12.2017, Seite 15 / Feminismus

Chronistin der Weimarer Republik

Gerichtsreporterin, Frauenrechtlerin, Gesellschaftskritikerin: Gabriele Tergit im Porträt

Von Christiana Puschak

Solidarität unter Frauen sei Gabriele Tergits »Gebot« gewesen, sie habe sich nach ihrer Auffassung »über alle sozialen Grenzen hinweg zu erstrecken«, schreibt Elke-Vera Kotowski in ihrer Kurzbiographie über das Credo der »Großstadtchronistin der Weimarer Republik«. Einen Namen machte sich die 1894 in Berlin als Elise Hirschmann geborene Tochter eines Großindustriellen als Journalistin und Gerichtsreporterin. Sie war die erste und einzige Frau im »Ort der Männer«, wie Tergit das Berliner Kriminalgericht einmal nannte. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Paul Schlesinger hob sie Anfang der 1920er Jahre ein neues literarisches Genre aus der Taufe: die Gerichtsreportage. Denn vor Gericht erkenne man sehr viel von den sozialen Verhältnissen einer Epoche, sagte Tergit einmal. In ihren Berichten ging es ihr, wie Kotowski zu Recht hervorhebt, um den Menschen hinter dem Angeklagten, sein individuelles Schicksal.

Tergits wichtigstes Thema waren die inhumanen Lebensbedingungen, unter denen die Frauen ihrer Zeit litten. Sie schilderte beispielsweise, wie sich ungewollt schwangere Dienstmädchen in die Hände von Kurpfuschern begaben und wie letztere nach dem Abtreibungsparagraphen 218 angeklagt wurden. »Vor Gericht kommen meist nur die Fälle, die mit dem Tod enden. Von den Hunderttausenden, die Siechtum bringen, erfahren wir nichts«, ließ Tergit ihre Leser wissen. Mit ihren klugen Artikeln verfasste Tergit ganz nebenbei eine Sozialgeschichte Berlins. Schon in ihrer Kindheit und Jugend im Arbeiterbezirk Friedrichshain lernte sie den Alltag der Armen kennen.

Bevor Gabriele Tergit eine feste Anstellung beim Berliner Tageblatt bekam, hatte sie unter anderem die »Soziale Frauenschule« von Alice Salomon besucht. Ihr erster Zeitungsartikel erschien 1915 unter dem Titel »Frauendienstjahr und Berufsbildung«. War Tergit privat auch eher zurückhaltend, so zeugen ihre Texte von Furchtlosigkeit und Selbstbewusstsein. Sie attackierte in der von Carl von Ossietzky herausgegebenen Weltbühne die Nazis, kritisierte die Verrohung der Sitten im Gerichtssaal und in der Republik.

In ihrem ersten Roman »Käsebier erobert den Kurfürstendamm«, der 1931 veröffentlicht wurde und ein Riesenerfolg war, richtete sie einen satirischen Blick auf den Berliner Presse- und Kulturbetrieb. In pointierter Sprache schildert sie Aufstieg und Fall eines Volkssängers, die erlebnishungrige Berliner Gesellschaft und einen gewissenlosen Sensationsjournalismus. Beeindruckend Tergits politische Hellsichtigkeit: » (…) denn die fetten Jahre, der Tanz auf dem Vulkan, sind bald vorbei und was folgt, ist weder ›Heil‹ noch ›Sieg‹.«

Tergits überstürzte Flucht aus dem faschistischen Deutschland im März 1933 über Prag und Tel Aviv nach London, ihre eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten wie ihre Probleme, mit der britischen Mentalität zurechtzukommen, werden von Kotowski plastisch nachgezeichnet. Viel zu kurz gerät dagegen der Abschnitt über Tergits Leben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwar erfährt die Leserin etwas über ihren Familienroman »Effingers«. Die Wiederentdeckung des Werks der Schriftstellerin und Journalistin Ende der 70er Jahre dagegen wird nur gestreift. Gar keine Erwähnung findet etwa ihre »Kleine Kulturgeschichte der Blumen«. Auch Personenregister und Literaturverzeichnis fehlen leider in der von der Moses-Mendelssohn-Stiftung geförderten Schrift.

Elke-Vera Kotowski: Gabriele Tergit – Großstadtchronistin der Weimarer Republik. Jüdische Miniaturen, Band 203, Hentrich und Hentrich Verlag, Berlin 2017, 72 Seiten, 21 Abbildungen, 8,90 Euro


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