Aus: Ausgabe vom 02.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

He got eyes

Menschen in den USA, die man sonst nicht sah: Die Albertina in Wien zeigt eine Schau der Fotografien von Robert Frank

Von Sabine Fuchs
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Unbestechlicher Blick auf die Klassengesellschaft: »Straßenbahn – New Orleans, 1956«

Wer 1924 als Sohn eines deutschen Juden geboren wurde, lernte schon früh, was Unsicherheit bedeuten kann – auch wenn die Schweizer Mutter das Überleben in Zürich sicherte. Dort wuchs Robert Frank auf, dort studierte er Romanistik und absolvierte seine Ausbildung zum Fotografen, aber trotz familiärer Beziehungen erhielt er die Schweizer Staatsbürgerschaft erst kurz vor Kriegsende. Die Angst vor Antisemitismus und Verfolgung blieb – und ließ ihn 1947 nach New York auswandern.

Das gesellschaftlich Prekäre ist stets präsent in Franks Werk. Das lässt sich in der Ausstellung, die derzeit in der Wiener Albertina läuft, gut nachvollziehen. Gezeigt werden Werke aus all seinen Schaffensphasen. Darunter sind Kontaktabzüge aus der frühen Lehrzeit in der Schweiz und experimentelle Arbeiten aus der Spätphase. Auch jene Werke, in denen sich persönliche Schicksalsschläge widerspiegeln – Franks Tochter starb 1974 bei einem Flugzeugabsturz, sein Sohn erkrankte zur selben Zeit an Schizophrenie – sind zu sehen.

Im Zentrum aber stehen jene Bilderserien, deren Markenzeichen der unbestechliche Blick auf Lebensrealität und Differenz gesellschaftlicher Klassen ist, der Frank berühmt gemacht hat. Die ikonischen Fotografien seines Hauptwerks »The Americans« stehen wie so oft im Mittelpunkt, werden aber durch im Vorfeld entstandene Reportageserien und nachfolgende Werke ergänzt und kontextualisiert.

»People You Don’t See« ist die erste und vielleicht einzige klassische Reportage, die Frank 1951 für das Magazin Life fotografiert und in der er den Alltag von sechs Menschen aus seiner Nachbarschaft in Manhattan zeigt. Durchaus überraschende Einblicke kommen dabei zustande – wie etwa die Aufnahme einer weißen Arbeiterin, die in einer Pause mit einem schwarzen Kollegen schäkert, oder ein fast surrealistisches Bild von durch die Straßen von Manhattan wehenden Papierstreifen aus einem Börsentelegrafen.

Zwei Jahre später entsteht die Serie über den Waliser Minenarbeiter Ben James, dessen kohlegeschwärztes Gesicht expressiv ins Bild gesetzt wird – in einer der Fotografien in einem geradezu erschlagenden Kontrast zu der weißen Kaffeetasse, aus der er trinkt. Der Verzicht auf eine lineare Erzählung, das Assoziative der Bilderserie, das bewusste Arbeiten mit Unschärfe, das Frank hier zeigt, passen nicht zu dem klaren dokumentarischen Stil, der in den 50er Jahren von den Magazinen verlangt wird – Aufträge bleiben in Folge aus.

Die Frustration darüber währt allerdings nicht lange. Frank erhält 1955 auf Vermittlung des 20 Jahre älteren Kollegen Walker Evans als erster Nicht-Amerikaner ein Guggenheim-Stipendium, mit dem er drei ausgedehnte Reisen durch die USA finanziert. Ergebnis ist sein wohl bedeutendstes Werk, jenes Fotobuch, dem er in Analogie zu Henri Cartier-Bressons »Les Européens« den Titel »The Americans« gibt.

Die Ausstellung in der Albertina zeigt, wie methodisch Frank bei der Zusammenstellung der Fotografien vorgegangen ist. Von den etwa 27.000 auf den Guggenheim-Reisen entstandenen Negativen wählte er 1.000 für Arbeitsprints aus. Diese reduzierte er auf etwa 100 finale Abzüge, von denen letztlich 83 in das Buch aufgenommen wurden. Die Gegenüberstellung der Kontaktbögen, auf denen Frank das ausgewählte Foto markierte, es aber noch in seinem Entstehungskontext zu sehen ist, mit Arbeitsprints und finalen Aufnahmen machen seine Vorgangsweise transparent.

Die serielle Darstellung der Realität auf den Kontaktbögen der »Americans«, die in der kurz danach entstandenen Serie »From the Bus« noch deutlicher wird, wecken Franks Interesse an einem anderen Medium, leiten zu seinen filmischen Arbeiten über, die 1959 fulminant mit »Pull My Daisy« ihren Anfang nehmen. In diesem Kurzfilm geht es um die Beat-Generation, das Drehbuch schrieb Jack Kerouac.

Es ist ein Glück, dass sich Albertina und Österreichisches Filmmuseum auf eine gemeinsame Präsentation der Arbeiten Franks verständigt haben. Zeitgleich mit der Ausstellung zeigt das Filmmuseum eine Retrospektive der filmischen Arbeiten. Auch »Cocksucker Blues«, seine aus rechtlichen Gründen selten zu sehende Cinéma-vérité-Dokumentation über die Rolling Stones, wird gezeigt, wenn auch erst Mitte Januar.

»The Americans« stieß in den USA auf heftige Kritik – Franks unbestechlicher Blick auf Land und Leute war unvereinbar mit der Selbststilisierung der USA im Kalten Krieg. Die offene Darstellung von Rassismus, Puritanismus und politischer Hysterie wurden dem Schweizer als »Amerikahass« ausgelegt.

Aber seine melancholisch-kritische Darstellung des amerikanischen Traums wurde auch verstanden – so von Jack Kerouac, der in seinem Vorwort Franks Fotografien als bildgewordene Gedichte bezeichnet. Und fortfährt: »To Robert Frank, I now give the message: You got eyes.« Dem kann man nur zustimmen.

Die Ausstellung läuft bis zum 21. Januar in der Albertina, Albertinaplatz 1, Wien


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