Aus: Ausgabe vom 30.11.2017, Seite 6 / Ausland

Kein Frieden für Kolumbien

Das Abkommen zwischen Regierung und FARC hat ein Machtvakuum hinterlassen. Paramilitärs kämpfen um Vorherrschaft

Von Sophia Boddenberg, Medellín
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Gedenken an »Verschwundene«: Protest anlässlich des Jahrestages des Friedensschlusses in Bogotá (24.11.2017)

Über viele Treppen gelangt man hinauf in das Viertel Altos de la Torre in der Comuna 8 in Medellín. Medellín liegt in einem Tal, die Armenviertel befinden sich auf den umliegenden Hügeln. An kaum einem anderen Ort hat man eine so gute Aussicht über die Stadt. Die meisten Häuser bestehen aus ein paar Brettern, Pappe und Wellblech. Fast alle Bewohner leben illegal hier, aber die Regierung duldet sie. Denn sie sind hierhin geflüchtet – vor der Gewalt, vor den Kämpfen zwischen Paramilitärs, dem Staat und der Guerilla. Man nennt sie »Desplazados«, die Vertriebenen.

Das am 30. November 2016 in Kraft getretene Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) sollte den 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikt in Kolumbien beenden, bei dem mehr als 220.000 Menschen getötet und mehr als sieben Millionen vertrieben worden waren. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Zahl der Binnenvertriebenen ist seitdem angestiegen. Kolumbien ist Angaben des UN-Flüchtlingswerks zufolge das Land mit den meisten intern Vertriebenen weltweit.

Eine von ihnen ist Piedad Arango. Sie ist 44 Jahre alt und floh vor fünf Monaten mit ihrer Familie in die Stadt, weil sie von Paramilitärs bedroht wurde. »Zuerst haben sie meinen Sohn vertrieben, er ist erst 23 Jahre alt. Sie wollten, dass er mit ihnen zusammenarbeitet, aber er wollte nicht. Deshalb wollten sie ihn umbringen. Also ist er hierher zu meiner Schwester gekommen. Danach haben sie uns gedroht, dass, wenn sie ihn nicht finden würden, sie uns umbringen. Also sind wir auch hierhergekommen«, erinnert sie sich und blickt mit ihren dunklen, traurigen Augen in die Leere.

Ihre Sätze sind kurz, sie erinnert sich nur ungern an diesen Moment zurück. Die Familie musste alle ihre Sachen zurücklassen. Nur mit der Kleidung, die sie anhatten, machten sie sich auf den Weg nach Medellín. Es fällt ihnen immer noch schwer, sich einzuleben. »Auf dem Land war alles einfacher. Dort gab es Arbeit. Hier in der Stadt braucht man für alles einen Abschluss«, sagt Piedad Arango. Sie brach nach den ersten drei Jahren die Grundschule ab; keines ihrer vier Kinder geht zur Schule. Die Uniformen seien zu teuer und der Weg zu weit. Im Moment arbeitet sie mit ihrer Schwester und drei weiteren Familien in einem Gemeinschaftsgarten. Das Gartenprojekt wurde von der Johanniter-Unfall-Hilfe gefördert, die mit der Initiative »Las Golondrinas« in Medellín zusammenarbeitet. Mit der Ernte sollen sich die Familien mit Lebensmitteln versorgen. Manchmal verkaufen sie auch überschüssiges Gemüse auf dem Markt.

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Selbsthilfe zum Überleben: Piedad Arango arbeitet in einem Gemeinschaftsgarten, um sich und ihre Familie zu versorgen

Vorher lebte Piedad Arango mit ihrem Mann und ihren vier Kindern auf dem Land in Puerto Valdivia, etwa 180 Kilometer nördlich von Medellín. Dort arbeitete sie mit ihrer Familie in der Landwirtschaft. Puerto Valdivia ist ein Kokaanbaugebiet und befand sich bis vor einem Jahr unter Kontrolle der FARC. Piedad Arango meint, dass die Gewalt seit dem Friedensabkommen zugenommen hat. Dafür hat sie auch eine Erklärung. »Als die Guerilla noch da war, haben wir Bauern keine Gewalt erlebt«, sagt sie. »Weil die Guerilla gut zu den Bauern war. Aber seit der Entwaffnung haben die Paramilitärs das Land übernommen. Sie haben jetzt das Sagen. Die Guerilla hat Möglichkeiten eröffnet, aber die Paramilitärs nicht. Die bringen einen einfach um. Frieden kann es nur geben, wenn mit den Paramilitärs Schluss gemacht wird.«

Piedad Arango ist kein Einzelfall. In einem Bericht der Organisation Amnesty International heißt es, dass in den Gebieten, die die FARC verlassen habe, nun bewaffnete Gruppen und Paramilitärs um die Vorherrschaft kämpften. »Viele Menschen von außerhalb denken, dass in Kolumbien jetzt Frieden herrscht, weil die Regierung ein Friedensabkommen mit der FARC geschlossen hat. Aber das ist nicht so«, betont auch Carolina Betancur. Sie ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet im Museum der Erinnerung in Medellín.

»Es gibt immer noch soziale, ökonomische und politische Herausforderungen im Land. Soziale Aktivisten werden ermordet, Menschen werden vertrieben, und der Drogenhandel heizt den bewaffneten Konflikt weiter an. Der kolumbianische Konflikt ist nicht schwarzweiß, es gibt nicht nur zwei Akteure, sondern eine Vielzahl. Deshalb ist der Konflikt so schwer zu lösen«, sagt die junge Wissenschaftlerin. Der Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC war zwar ein erster Schritt, aber der Weg zum Frieden ist noch lang.


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