Aus: Ausgabe vom 30.11.2017, Seite 4 / Inland

Run auf Hochschulen: Neuer Rekord

Bessere Grundfinanzierung für 2,85 Millionen Studienplätze gefordert

Von Ralf Wurzbacher
Studierende_in_Koeln_54990851.jpg
Erstsemesterbegrüßung im Hauptgebäude der Universität Köln am 9. Oktober

Die Zahl der Studierenden hat das nächste Allzeithoch erreicht – das zehnte in den vergangenen zehn Jahren. Nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes sind im laufenden Wintersemester knapp 2,85 Millionen Menschen an Deutschlands Hochschulen eingeschrieben. Verglichen mit dem Vorjahr bedeutet dies eine Steigerung um rund 40.000 oder 1,5 Prozent, teilte die Wiesbadener Behörde am Dienstag mit. Auf hohem Niveau verharrt auch der Anteil der Studienanfänger. Mit 509.400 nahmen 2017 nur rund 400 weniger ein Studium auf als 2016.

Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Verlassen in den kommenden Jahren weiterhin weniger Menschen mit oder ohne Abschluss die Hochschulen, als Neueinsteiger dazukommen, könnte bald die Drei-Millionen-Marke geknackt sein. Die Kultusministerkonferenz (KMK) rechnet noch bis 2025 mit einem jährlichen Zulauf von »deutlich über 450.000«. Die dem zugrunde liegende Prognose von 2014 ist aber bereits überholt. Allein für 2016 unterschätzte die KMK die Zahl der Neueinschreibungen um 6.000. Der für die Folgezeit vorausgesagte »allmähliche Rückgang« erfolgt allenfalls im Schneckentempo.

Das hat Folgen, denn die Mittel des sogenannten Hochschulpakts bemessen sich nach der falschen KMK-Prognose. Mit jedem Studenten außer Plan steht für jeden einzelnen weniger zur Verfügung. Dabei sind die mit dem Bund-Länder-Sonderprogramm neu geschaffenen Kapazitäten ohnehin eine Billiglösung. Pro Studienplatz und Jahr sind lediglich 6.500 Euro veranschlagt. Dagegen kostete ein im Jahr 2011 aus den Grundmitteln der Hochschulen finanzierter Studienplatz noch 8.700 Euro.

Mit dem Pakt wurde zwar viel Geld ins System gepumpt, um auf die zunehmende Studierneigung zu reagieren. Derzeit nehmen 56 Prozent einer Alterskohorte ein Studium auf, 2006 waren es unter 36 Prozent. In puncto Pro-Kopf-Ausstattung und Studienqualität ging dies aber mit gravierenden Einbußen einher. Nach einer Auswertung des Statistischen Bundesamts vom Jahresanfang betreute 2015 ein Professor im Schnitt 73 Studenten, in Nordrhein-Westfalen sogar 99. Zehn Jahre früher betrug das Verhältnis eins zu 62. Dafür wurde der akademische Mittelbau durch ein Heer schlechtbezahlter und befristet angestellter Beschäftigter ausgebaut.

Das Bildungssystem sei »hoffnungslos unterfinanziert und die soziale Lage der Studierenden verschlimmert sich«, kritisierte am Montag der »Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften« (FZS) in einer Stellungnahme. Von der kommenden Bundesregierung erwarte man »ein Konzept zur flächendeckenden Ausfinanzierung der Hochschulen«, erklärte Vorstandsmitglied Tobias Eisch. »Marode Gebäude, überfüllte Bibliotheken und Hörsäle sind Alltag«, beklagte Julian Engelmann von den Juso-Hochschulgruppen. Nach dem 2020 auslaufenden Hochschulpakt müsse die Finanzierung wieder verstetigt und verlässlich werden. Dabei müsse insbesondere der Bund »endlich seiner Verantwortung nachkommen« und »Milliardenbeträge für die Grundfinanzierung« bewilligen.

Die Möglichkeiten dazu hat die Bundesregierung seit fast drei Jahren. Anfang 2015 wurde das sogenannte Kooperationsverbot für den Hochschulbereich gelockert, womit der Bund in die dauerhafte Finanzierung der Unis einsteigen könnte. Die Koalition will die Regelung nur dahingehend nutzen, langfristig Bundesgelder in die Exzellenzstrategie zur Förderung der universitären Spitzenforschung zu stecken. Davon profitieren nur wenige auserwählte Leuchtturm-Unis, der einfache Student hat nichts davon. Es brauche einen »neuen Anlauf in der Hochschulpolitik«, äußerte sich am Montag Nicole Gohlke von der Bundestagsfraktion Die Linke. Mit der »Flickwerkfinanzierung (…) über einen chaotischen Blumenstrauß zeitlich befristeter Sonderprogramme, die auf Wettbewerb und Ausschluss setzen, sind Forschung und Lehre nicht dauerhaft und auf hohem Niveau zu gewährleisten«. Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) verlor kein Wort zu den neuen Rekordzahlen.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Neue Ausgabe vom Dienstag, 12. Dezember erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Wissen ist Macht Bildungsprivilegien und -benachteiligungen

Ähnliche:

Mehr aus: Inland