Aus: Ausgabe vom 29.11.2017, Seite 16 / Sport

Was nie geschieht

Von André Dahlmeyer
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Ein Tag, so wunderschön wie heute! Independiente hat endlich wieder gewonnen (Stadion »Libertadores da América« von C. A. Independiente)

Einen wunderschönen guten Morgen! Am Wochenende geschah, was eigentlich nie geschieht. Am Sonntag etwa gewann der Hamburger SV ein Fußballspiel. Doch nicht nur das. Bereits einen Tag zuvor hatte der Club Atlético Independiente gewonnen.

Der HSV und Independiente waren etwa zur selben Zeit, in der ersten Hälfte der 80er Jahre, Weltklasse, verlernten das dann aber. Es waren Independiente-Kicker, die Argentinien zweimal zum WM-Titel schossen. 1978 war es Daniel Bertoni, der den entscheidenden Treffer gegen Happels Niederländer erzielte. 1986 hieß der Henker Westdeutschlands Jórge Burruchaga (seit Jórge Sampaoli im Sommer das Kommando über die Albiceleste, die Nationalauswahl der Silberländer übernahm, ist Burruchaga deren Manager). Nicht zu vergessen das Vorbild Gottes, Ricardo Bochini. Don Diego nahm seinen Sohn Diego Armando von der Villa Fiorito in Lanús (wo Maradona bei Estrella Roja/Roter Stern mit dem Ballkicken begann) immer mit ins Stadion des »Rojo« ins benachbarte Avellaneda. Bochini war genial. So wollte Diego Junior auch mal spielen können! Maradona sollte sein Idol noch übertreffen. Bei der WM 1986 kam der bereits 32jährige Bochini – ein klassischer, dem Amateurismus des Bolzplatzes immer treu gebliebener Zehner der alten Schule – nur im Halbfinale gegen das Belgien von Eric Gerets, Jan Ceulemans etc. zu einem Kurzeinsatz (eingewechselt für Burruchaga). Bochini, der trotz mannigfaltiger, millionenschwerer Angebote aus Europa sein ganzes Fußballerleben für Independiente spielte, so wie Uwe Seeler für den HSV, sagt noch heute, dass er sich nicht als Weltmeister fühlt.

Doch in Argentinien ist Frühling, Bochini (heute 63) zeigt sich derzeit in allerbester Laune. Das verwundert kaum. Zwar hat Independiente in diesem Jahrtausend erst zwei Titel erreicht. Ende 2002 das Torneo Apertura (argentinische Meisterschaft), 2010 die Copa Sudamericana. 2013 stiegen die Roten Teufel nach einem 0:1 im eigenen Stadion gegen San Lorenzo de Almagro das erste Mal in ihrer über einhundertjährigen Vereinsgeschichte ab in die B Nacional, die zweite Liga der Silberländer, Ergebnis von nur 129 Punkten in 114 Spielen (in Argentinien wird nach einem über drei Jahre ermittelten Durchschnittskoeffizienten, dem sogenannten Promedio, abgestiegen).

Man stieg jedoch gleich wieder auf. Seitdem geht es peu à peu aufwärts. Der ehemalige Damenhockeytrainer Ariel Holan übernahm das Team, dem er erklärte, was Independiente bedeutet. So zog man in die Halbfinals der Copa Sudamericana. Das Hinspiel in Asunción gegen Libertad wurde mit 0:1 verloren, nachdem Óscar »Tacuara« Cardozo bereits nach 27 Sekunden ein regelwidriger Treffer gelungen war. Das Rückspiel im Stadion »Befreier Amerikas« fand gestern statt. Sollte der zweifache Weltpokalgewinner die Finalspiele erreichen, könnte Flamengo der Gegner sein, Exklub neben anderen von Zico, Romário und Bebeto. Für Independiente wäre es ein Wiedersehen mit dem letzten Topspieler, den es hervorgebracht hat, nämlich Federico Mancuello, der die Copa bereits 2010 mit dem »Rojo« gewann.

Auch in der Superliga klappt es wie am Schnürchen. Nach dem Heimsieg gegen Libertadores-Halbfinalist River Plate gewann Independiente am Sonnabend gegen den ewigen Rivalen Racing Club in dessen Stadion »Cilindro« (Zylinder) mit 1:0, kletterte auf Rang 7 (von 28) und liegt nur noch sechs Punkte hinter Spitzenreiter Boca Juniors. Selbst die Meisterschaft ist wieder drin. Bei Racing trat hingegen nach dem Klassiker Trainer Diego Cocca zurück.

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