Aus: Ausgabe vom 29.11.2017, Seite 15 / Antifa

Wie »vom Stuhl gefallen«

Vater von Kasseler NSU-Mordopfer im hessischen Untersuchungsausschuss

Von Claudia Wangerin
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Ismail Yozgat mit einem Bild seines ermordeten Sohns am 27. November bei einer Sitzung des NSU-Ausschusses des Hessischen Landtages

Der Vater des 2006 in Kassel ermordeten Halit Yozgat hat noch einmal bekräftigt, dass er den früheren V-Mann-Führer Andreas Temme für einen Lügner und möglichen Mittäter hält. Der Verfassungsschutzbeamte habe die Täter entweder gesehen, sie geführt oder selbst geschossen, sagte Ismail Yozgat nach Angaben der Initiative NSU-Watch Hessen am Montag vor dem Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags zu der Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« in Wiesbaden.

Sowohl dort als auch im Untersuchungsausschuss des Bundestags und im Münchner NSU-Prozess hatte Temme im Zeugenstand behauptet, nur zufällig zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein. Von dem Mord will er nichts bemerkt haben. Dagegen spricht nicht nur die persönliche Einschätzung verzweifelter Angehöriger. Deren Anwälte haben in viereinhalb Jahren NSU-Prozess viel recherchiert. Im Auftrag des zivilgesellschaftlichen »NSU-Tribunals« haben Kriminaltechniker im Frühjahr 2017 das Internetcafé von Halit Yozgat nachgebaut, Schussgeräusche aufgenommen, Dezibel gemessen und Temmes Blickwinkel rekonstruiert. Dafür stand der Forschergruppe des Londoner Institutes »Forensic Architecture« auch ein Polizeivideo der Tatortbegehung mit Temme zur Verfügung. Sie kam zu dem Schluss, dass der heute im Regierungspräsidium Kassel tätige Beamte die Schüsse auf Halit Yozgat am 6. April 2006 gehört und beim Verlassen des Ladenlokals den Sterbenden hinter der Theke gesehen haben muss.

Die Familie habe drei Wochen nach dem Mord erfahren, dass ein Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz am Tatort gewesen sei, sagte Ismail Yozgat am Montag vor dem Ausschuss in Wiesbaden. Auf Fotos habe er Temme sofort erkannt, da der Beamte das Internetcafé über einen Zeitraum von rund zwei Jahren immer wieder besucht habe. Der Vater des jungen Betreibers hatte dort auch Schichten übernommen. Zum später ermittelten Zeitpunkt der Todesschüsse war Temme an einem der Rechner eingeloggt gewesen, hatte sich aber nicht als Zeuge gemeldet.

Die Eltern des Ermordeten hatten am Montag ein Bild ihres Sohnes zu der Ausschusssitzung mitgebracht. Ismail Yozgat schob Tische und Stühle herum, um nachzustellen, wie er seinen sterbenden Sohn gefunden hatte. Über die Ermittlungen habe er mit dem damaligen Landesinnenminister – dem heutigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) – persönlich sprechen wollen, so Ismail Yozgat. Als ihm dieses Gespräch verweigert worden sei, habe er sich wie ein Mann gefühlt, der vom Stuhl gefallen ist und nicht mehr aufstehen kann.

Bouffier hatte seinerzeit mit einer Sperrerklärung verhindert, dass die von Temme geführten V-Leute von der Polizei befragt werden konnten. Begründung: Quellenschutz.

Die Linksfraktion des hessischen Landtags hat Temme im März 2017 wegen des Verdachts auf Falschaussage angezeigt. Seine Behauptung, die bundesweite Mordserie an Migranten sei für ihn dienstlich nie Thema gewesen, bevor er selbst kurzfristig unter Verdacht geraten war, ließ sich leicht widerlegen: Temme hatte eine E-Mail abgezeichnet, in der eine Vorgesetzte im März 2006 ausdrücklich nach Erkenntnissen von V-Leuten zu den bis dahin sieben Morden gefragt hatte. Wie im Juni 2017 bekanntwurde, nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts auf Falschaussage gegen Temme auf. Mit noch unbekanntem Ergebnis. Ismail Yozgat forderte am Montag, die Ermittlungen neu aufzurollen.


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