Aus: Ausgabe vom 29.11.2017, Seite 8 / Abgeschrieben

Frei erfunden?

In der Onlineausgabe des Medienmagazins M erschien am Montag ein Beitrag des Autors Oliver Neß zur Berichterstattung des Spiegels über die Proteste gegen das G-20-Treffen. Darin heißt es:

(…) Kürzlich suggerierte ein ausweislich der Artikelkennung zehnköpfiges Team des Spiegels, beim Hamburg-Besuch der ehemaligen italienischen Senatorin Haidi Giuliani zum G 20 ganz dicht dran gewesen zu sein. An der Mutter des beim Staatschef-Gipfel 2001 in Genua von der Polizei mit einem Kopfschuss getöteten Carlo Giuliani: »Sie sah den Rauch, den Tumult, die Einsatzwagen aus sicherer Entfernung von ihrem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof aus«, schreibt der Spiegel. Zudem wissen die Spiegel-Leute über die Demos gegen G 20 zu berichten: »Sie (Giuliani) selbst marschierte nicht mit.« Ist ausgerechnet Haidi Giuliani als so was wie eine Voyeurin der Gewaltexzesse nach Hamburg gekommen?

Tatsächlich war Giuliani in den Tagen der Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gar nicht mehr in Hamburg: als Aktivisten brennende Barrikaden errichtet hatten, deren »Rauch«-Säulen weithin über der Stadt sichtbar waren. Das trug sich unstreitig am Abend des 7. Juli zu, gegen 20 Uhr. Giuliani: »Zu diesem Zeitpunkt bin ich mit meinem Hund Gassi gegangen, in Genua. Während meines Aufenthalts in Hamburg habe ich zu keinem Zeitpunkt Tumult oder Rauch gesehen, schon gar nicht von meinem Hotelzimmer aus. Und ich habe weder in meinem Zimmer noch sonst in Hamburg jemanden vom Spiegel getroffen.«

Giuliani hielt sich vom Abend des 4. Juli bis zum frühen Morgen des 6. Juli in Hamburg auf. In dieser Zeit gab es nachweislich keine größeren Konfrontationen, keine Straßenschlachten. Keinen »Tumult«, keinen »Rauch«. Und in den grad mal vierzig Stunden ihrer Stippvisite an der Alster verschanzte sich »Italiens Mutter Courage« (Frankfurter Rundschau) auch nicht in ihrer Herberge, sondern war fortwährend in der Stadt unterwegs: Die 73jährige gab Interviews. Sie traf Anti-G-20-Aktivisten. Und sie trat hier bei einer konzertanten Lesung des Literaturfestivals »Lesen ohne Atomstrom – Die erneuerbaren Lesetage« auf. Diese Einladung war der Grund, dass Giuliani überhaupt nach Hamburg kam. Sie las dabei mit mehr als einem Dutzend Künstlern und Autoren wie Auma Obama, Vandana Shiva, Renan Demirkan, Günter Wallraff, Urban Priol, Mathieu Carrière, Thomas Thieme, Konstantin Wecker, Samy Deluxe, Jan Delay und den »Beginnern«. Sie alle lasen mehrsprachig Stéphane Hessels »Empört Euch!«.

Und mehr noch: Giuliani »marschierte« in Hamburg. Am Abend des 5. Juli führte sie eine Demonstration an, die vor den G-20-Tagungsort zog. In der ersten Reihe trug die schmale Frau gemeinsam mit den Künstlern das Banner der Demonstranten: »Empört Euch gegen G 20!« Mehr als 3.000 Menschen folgten, der »Marsch« wurde live im Internet übertragen, auch bei einem Public Viewing in der City verfolgten viele den Zug Giulianis und ihrer Mitstreiter, bundesweit berichteten Medien. Zudem filmte ausgerechnet ein Kamerateam von Spiegel TV die »marschierende« Giuliani, minutenlang. Doch laut Spiegel »marschierte sie nicht mit«, blickte vielmehr aus dem »sicheren« Hotel auf das vermeintlich »rauchende« Hamburg.

Derweil war der ganz reale, für den Deutschlandfunk »berührende« Auftritt Giulianis bei der Lesung keine Nachricht für das »Nachrichtenmagazin«. (...)

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