Aus: Ausgabe vom 29.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Gesetz des Tages: Die Tanzerlaubnis

Von Anselm Lenz
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Entkriminalisierter Tanz: Die Stadt New York hebt nach dem Wodka-Verbot (Prohibition) auch das Verbot der Revolution auf. Emma Goldman kann nun loslegen (»Wenn ich nicht tanzen darf, will ich nicht Teil Eurer Revolution sein«).

Gute Nachricht! Das Tanzen ist in der Stadt New York wieder erlaubt. Am Montag unterzeichnete der Bürgermeister, Bill de Blasio, das Gesetz zur Aufhebung des Tanzverbotes – nach 91 Jahren. Während die sowjetische Avantgarde in den Clubs von Odessa, Tiflis und Archangelsk das Tanzbein schwang, die Leute im Reich der Bolschewiki die Enteignung der Großgrundbesitzer und Fabrikanten feierten, teils nächte- und tagelang in Folge, da war bei Mister West das Tanzen in Tausenden New Yorker Bars, Clubs und Restaurants verboten worden. Ab 1926 stand »Tanzen ist hier nicht erlaubt« auf behördlich angeschraubten Emailleschildern, die noch heute in einigen New Yorker Etablissements die Wände zieren.

Solcherlei Prohibition funktioniert natürlich nie. »Shut up and dance«, red keinen Quatsch, fang an zu tanzen, wie der Jazzvibraphonist und Schlagzeuger Kenny Clarke später trommelte. In der zwischenzeitlich als freizügigste der Erde geltenden Metropole mit der Erinnerungstatue zum Thema hatten zuletzt nur rund 100 der mehr als 22.000 Lokale eine Lizenz zum Tanzen – aus juristischer Sicht war bis Montag also meist illegal die Sohle gebeizt worden.

Auf dem Höhepunkt der »Roaring Twenties« jedenfalls, den Jahren vor dem Schwarzen Donnerstag, war das New Yorker Tanzverbot von Staats wegen ernstgemeint. Geld spielte eine Rolle: Offiziell mussten die Kneipen dem Fiskus eine Tanzlizenz abkaufen. Doch in erster Linie wollte sich die Obrigkeit einen Vorwand schaffen, um gegen Treffpunkte von Afroamerikanern oder Homosexuellen vorzugehen. Auf diese Art wurde Ende der 20er der »Gipsy’s Elephant« in Harlem vom mafiadurchsetzten Stadtgouvernement unter Joseph V. McKee zerstört, wie Tennessee Williams später beschrieb.

Ganz zum Spaß ist die Wiedererlaubnis aber auch nicht. Anlässlich der Unterzeichnung der »Bill of Dance« erklärte de Blasio: »Wir wollen eine Stadt, in der Menschen hart arbeiten können und dann das Nachtleben ohne obskure Tanzverbote genießen können.« Der Tanz dient nicht dem Menschen, sondern dem Kapital.


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