Aus: Ausgabe vom 28.11.2017, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Debatte ohne Konsequenzen

DGB-Frauenfachtagung macht deutlich: Über Lohnunterschiede und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird viel geredet. Doch fast nichts tut sich

Von Johannes Supe
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Seit Jahrzehnten kämpft der Deutsche Gewerkschaftsbund gegen Lohnungleichheit, so auch an diesem »Equal Pay Day« im März 2012 in Berlin

In der linken Hand hält der Mann sein Tablet, in der rechten ein junges Kind, und in seinem makellosen Gesicht strahlt ein Lächeln. Mit dem Bild wirbt Daimler Benz bei seinen Beschäftigten für ein betriebsinternes Programm, mit dem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesteigert werden soll. Immerhin, meint Anke Hassel, werde da nicht eine Frau dargestellt, sondern gezeigt, dass auch Männer sich um die Kinder kümmern können. Und trotzdem klingt Hassels Botschaft an diesem Tag nicht optimistisch. Darüber, wie in Familien Haushalts- und Sorgearbeit sowie Berufstätigkeit miteinander verbunden werden könnten, werde viel geredet. Das Thema sei »auf der Tagesordnung angekommen«, so die wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Doch Änderungen gebe es deswegen nicht. Noch immer verdienten Frauen weniger als Männer, weiterhin müssten sie die Mehrheit der unbezahlten Arbeit daheim leisten. »Ein Umdenken findet statt, doch es zeigen sich bisher nur wenig Effekte«, so Hassel. Ein Widerspruch, ein Murren oder auch nur ein Tuscheln ist bei diesen Ausführungen im Publikum nicht zu hören. Es besteht aus mehr als hundert Frauen – und viele von ihnen dürften die beschriebene Erfahrung selbst gemacht haben.

Am vergangenen Donnerstag fand in Berlin die Fachtagung »Den Wandel gestalten« statt, die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ausgerichtet und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde. Im Zentrum der Konferenz stand die Frage: »Was verdient die Frau?« Gewerkschafterinnen und Politikerinnen betonten, dass eine echte Gleichstellung der Geschlechter noch nicht erreicht sei.

»Das Ein-Ernährer-Modell ist für viele nicht mehr erstrebenswert«, sagte Elke Hannack, stellvertretende Bundesvorsitzende des DGB. Weit mehr als 90 Prozent der jungen Frauen wünschten sich die finanzielle Unabhängigkeit. Doch für viele von ihnen sei die nicht gegeben. Laut Hannack könnten 30 Prozent der erwerbstätigen Frauen ihren unmittelbaren Bedarf nicht von ihrem Lohn bestreiten. Müsse noch ein Kind versorgt werden, verschärfe sich die Situation abermals. Dann sei es gar die Hälfte der weiblichen Beschäftigten, die sich – nur auf ihr Entgelt gestützt – auch kurzfristig nicht über Wasser halten könne.

Diese Daten führte Hannack an, um zu zeigen, dass es nicht nur auf die Bereitschaft der Frauen ankomme, selbständig leben zu wollen. Vielmehr müssten Gesetze und Lohnarbeit so gestaltet werden, dass dies überhaupt möglich sei. »Aber die politischen Rahmenbedingungen halten nur schwer mit dem gesellschaftlichen Wandel Schritt«, so Hannack. Zwar gebe es Fortschritte – beispielsweise habe die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns gerade Frauen genutzt –, doch es sei noch viel zu tun. So müsse etwa der Niedriglohnsektor der Bundesrepublik bekämpft und ein Rückkehrrecht von Teil- in Vollzeit geschaffen werden.

Noch eindeutiger waren die Zahlen, welche die oben bereits zitierte Wissenschaftlerin Hassel anführte. Demnach seien gegenüber 1991 zwar deutlich mehr Frauen erwerbstätig. Doch habe sich deren durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit drastisch verringert. Waren weibliche Beschäftigte 1991 noch 34,4 Stunden pro Woche im Betrieb, sei die Zahl bis 2013 auf 30,3 Stunden gesunken. Bei männlichen Angestellten blieb sie deutlich konstanter, sank von 41,7 auf 39,6 Stunden in der Woche. Immer mehr Frauen, so Hassels Deutung, teilten sich schlicht dasselbe Arbeitszeitvolumen.

Die Bruttolohnunterschiede pro Stunde zwischen Mann und Frau seien ebenfalls fast gleichgeblieben. Hätten Frauen 2006 im Schnitt 22,3 Prozent weniger erhalten als ihre Kollegen, waren es 2016 noch 21,5 Prozent gewesen. »Für ein so reiches Land ist das ein eher beschämender Befund«, sagte Hassel.

Bemerkenswert war zudem ein weiterer Befund der Wissenschaftlerin. Sie wies nach, dass Frauen, die von Voll- in Teilzeitarbeit wechselten, gleichzeitig mehr im Haushalt arbeiten und sich zusätzlich um die Pflege von Kindern und Eltern kümmern. Reduzieren hingegen Männer ihre Lohnarbeitszeit, bleiben bei ihnen diese Werte konstant. Drastischer formuliert: Die meisten Typen helfen auch dann im Haushalt nicht mit, wenn sie weniger lang im Betrieb stehen.

Auch Bundesfrauenministerin Katarina Barley (SPD), die zudem das Arbeitsministerium leitet, betonte, dass eine echte Gleichstellung noch nicht erreicht sei. Allerdings habe die CDU-SPD-Regierung einiges in dieser Richtung getan. Ausgiebig lobte sie ihre Amtsvorgängerin Andrea Nahles (ebenfalls SPD). Barley finde »immer noch klasse«, dass Nahles den gesetzlichen Mindestlohn durchgesetzt habe. Sie räumte allerdings auch ein, dass die Höhe der derzeitigen Untergrenze keine armutsfeste Rente garantiere.

Man werde weiter um bessere Regelungen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Rente kämpfen, sagte Gewerkschafterin Hannack. Gleichzeitig wolle der DGB Beschäftigte mit dem Projekt »Was verdient die Frau?« für Hürden im Erwerbsleben sensibilisieren. Betriebs- und Personalräten sollen auf einer eigenen Website zudem Informationen für den Kampf gegen Sexismus zur Verfügung gestellt werden.

Weitere Informationen: Was-verdient-die-Frau.de


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