Aus: Ausgabe vom 28.11.2017, Seite 6 / Ausland

PiS schwingt Abrissbirne

Politiker der polnischen Regierungspartei machen Stimmung gegen den Warschauer Kulturpalast

Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Beliebt bei Einheimischen und Touristen: Der Kulturpalast in der polnischen Hauptstadt Warschau

Das moderne Warschau ist stolz auf seine Skyline, bestimmt von verglasten Geschäftshochhäusern. Aber das höchste Bauwerk der polnischen Hauptstadt ist nach wie vor der zwischen 1952 und 1955 direkt neben dem Hauptbahnhof und an einer der wichtigsten Straßenkreuzungen errichtete »Palast der Wissenschaft und Kultur«. Damals als »Geschenk des sowjetischen Volkes an das polnische« gerühmt, stellt er stilistisch eine Verbindung zwischen den Moskauer Wolkenkratzern der späten Stalinzeit und der traditionellen polnischen Architektur dar.

Der sowjetische Architekt Lew Rudnew, der die Entwürfe zeichnete, war extra in einige vom Zweiten Weltkrieg nicht zerstörte polnische Städte wie Krakow, Lublin und Zamosc gereist, um sich von den dort vorherrschenden Zinnen inspirieren zu lassen. Sie wurden dann auf den Außenwänden zitiert. Polen legte großen Wert darauf, dass der Bau nicht nur die Stadtsilhouette dominierte, sondern auch vielfältige Nutzungsmöglichkeiten für die Bevölkerung bot. So birgt der Kulturpalast bis heute einen Konzertsaal, ein Schwimmbad und einen ganzen Gebäudeflügel, der als »Palast der Jugend« für kreative und Lernaktivitäten von Kindern und Jugendlichen genutzt wird – vom Astronomiezirkel bis zum Atelier für künftige Graffitimaler. Nach der restaurierten Altstadt ist der Kulturpalast das bei ausländischen Touristen zweitbeliebteste Ziel in der der polnischen Hauptstadt für Besichtigungen, zumal von einer Aussichtsterrasse im 30. Stockwerk ein besonderer Blick möglich ist.

Der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ist das ein Dorn im Auge. Der Palast sei ein Symbol der sowjetischen Herrschaft über die Volksrepublik Polen und müsse deshalb aus dem Stadtbild verschwinden, haben führende PiS-Politiker, von Kulturminister Piotr Glinski angefangen, jetzt einen alten Streit wieder ausgegraben. Der 49jährige Wirtschafts- und Finanzminister Mateusz Morawiecki erklärte, er träume »seit mindestens 40 Jahren« davon, diesen Schandfleck zu tilgen. Seine Beseitigung wäre »ein schönes Geschenk zur Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit Polens« im November 2018.

Wahrscheinlich wird das Thema auch im bevorstehenden Kommunalwahlkampf auftauchen. Patryk Jaki, möglicher PiS-Kandidat für den Posten des Warschauer Oberbürgermeisters, ließ sich schon mal mit der Äußerung vernehmen, die Sprengung des Kulturpalasts sei »eine schöne Übung für die Pioniere der polnischen Armee«. Das Problem ist, dass diese Sprengungen illegal wären. Denn der Kulturpalast ist 2007 – unter der ersten PiS-Regierung – unter Denkmalschutz gestellt worden. Das macht einen Abriss nach dem Buchstaben des Gesetzes unmöglich, es sei denn, es sei unterdessen »eine nicht zu behebende Beschädigung« eingetreten.

Die Stadtverwaltung, der der Kulturpalast gehört, und große Teile der akademischen Welt halten dessen Abriss für einen Akt der Barbarei. Dafür treten im wesentlichen Politiker der PiS und der noch rechteren Bewegung »Kukiz 15« ein. Die Witwe des für das moderne Stadtbild Warschaus verantwortlichen Architekten Stefan Kurylowicz verglich den Plan gar mit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York: Genau wie die Terroristen damals ein architektonisches Symbol der »freien Welt« hätten treffen wollen, betreibe auch die PiS im Grunde Bildersturm.

Das Problem ist, dass die PiS in ihrem Drang nach »Geschichtspolitik« und »Dekommunisierung« vor nichts zurückschreckt. Landesweit werden derzeit auf Anordnung der Wojewoden Straßen umbenannt, die an irgendwelche positiven Ereignisse zwischen 1945 und 1989 erinnern. So in Warschau die »Straße des 17. Januar«, die an das Datum der Befreiung der Stadt durch die Rote Armee 1945 erinnerte. Und in Poznan soll es die Namen mehrerer sowjetischer Kosmonauten und die »Straße des 23. Februar« treffen. Denn das war der Tag, an dem 1945 die letzten deutschen Soldaten auf der dortigen Zitadelle kapitulierten. Unter den Siegern damals: auch polnische Einheiten. Allerdings von der falschen Armee. Also weg damit. Die »Allee der Volksarmee« in Warschau ist gerade in »Lech-Kaczynski-Allee« umbenannt worden .

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