Aus: Ausgabe vom 28.11.2017, Seite 2 / Inland

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Fall Amri: Polizei besaß lange vor Anschlag auf Berliner Breitscheidplatz Fotos, die mutmaßlichen Attentäter mit Waffen zeigen

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Sichtlich zerknirscht: NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montag beim Eingeständnis der angeblichen Panne in Düsseldorf

Die Serie angeblicher Ermittlungspannen im Fall Anis Amri nimmt kein Ende. Knapp ein Jahr nach dem Lkw-Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 wurde am Montag bekannt, dass schon Monate vor dem Anschlag ein Handy des Islamisten beschlagnahmt worden war, auf dem Hinweise auf dessen Gewaltbereitschaft gespeichert waren. Fotos, auf denen Amri mit einer Waffe posiert, seien bei der Auswertung des Mobiltelefons übersehen worden, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montag in Düsseldorf. Es handele sich vermutlich um eine Gas- oder Schreckschusspistole. Wegen der Filtereinstellung seien Fotos mit schlechter Qualität nicht gesichtet worden, darunter sieben Bilder, die Amri bewaffnet zeigen. »Hier ist ein Fehler passiert, der nicht hätte passieren dürfen«, sagte Reul am Montag laut Nachrichtenagentur dpa. Ob dies zu einer anderen Einschätzung Amris geführt hätte, könne er nicht sagen. Für einen Haftbefehl hätten die Fotos nicht gereicht. Die Daten hätten allerdings nicht nur dem nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt (LKA), sondern auch dem Berliner LKA und dem Bundeskriminalamt vorgelegen.

Amris Duldungspapiere waren nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt, bei dem zwölf Menschen getötet wurden, in der Fahrerkabine des Tatfahrzeugs aufgetaucht. Der flüchtige Tatverdächtige wurde nach Angaben der italienischen Polizei am 23. Dezember in der Nähe von Mailand erschossen. Am selben Tag veröffentlichte die »Amaq News Agency«, ein Sprachrohr der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS), ein Video, das Amris Treueschwur auf deren Chef Abu Bakr Al-Baghdadi zeigen soll.

Zwischen Februar und November 2016 war der als »Gefährder« eingestufte Amri Dauerthema im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) von Bund und Ländern in Berlin. Obwohl die Behörden spätestens ab April 2016 wussten, dass der Tunesier mehrere Identitäten nutzte, sahen sie angeblich keine Möglichkeit, ihn festzusetzen. Die Staatsanwaltschaft Duisburg hatte ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs gegen ihn eröffnet, weil er Sozialleistungen mehrfach bezogen hatte.

Im Oktober 2017 erhoben Verteidiger mutmaßlicher Islamisten der Abu-Walaa-Gruppe, zu deren Umfeld Anis Amri gehört haben soll, schwere Vorwürfe gegen den V-Mann »Murat« des LKA Nordrhein-Westfalen, der dort aktiv zur Gewalt aufgestachelt habe. (dpa/jW)


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