Aus: Ausgabe vom 28.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Im Abgrund

Anita Nairs Krimi »Gewaltkette« handelt von den Rechtlosen der indischen Gesellschaft

Von Elfriede Müller
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Unterdrückung, Rebellion und Klassenkampf: Die Konflikte der indischen Gesellschaft sind Gegenstand von Anita Nairs Krimi »Gewaltkette«

In den letzten Jahren erschienen mehrere starke Romane aus Indien auf Deutsch, wie Neel Mukherjees Meisterwerk »In anderen Herzen« oder Arundhati Roys »Das Ministerium des äußersten Glücks«, in denen Unterdrückung, Rebellion und Klassenkampf im Zentrum der Erzählungen stehen. 2016 fand in Indien ein Generalstreik von 100 Millionen Menschen statt, eine für Europa unvorstellbare Zahl. Beides weist auf eine Gesellschaft voller Konflikte hin.

Anita Nair stellt ihrem Roman Noir »Gewaltkette« ein dem englischen Konservativen Edmund Burke (1729–1797) zugeschriebenes Zitat vorweg: »Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen«. Sieht man davon ab, dass Burke wohl die Französische Revolution meinte, ist es sehr passend. Denn Nair beschreibt im Folgenden Auspressung, Unterdrückung und Sklaverei in der aufstrebenden Stadt Bangalore als Teil einer gnadenlosen kapitalistischen Ausdehnung auf alle Lebensbereiche. Dabei wird sich skrupellos des Kastenwesens und der ethnischen Hierarchien bedient, damit die Aus beutung noch reibungsloser vonstatten geht.

Der einzige Halt im Roman ist ein Polizist, der trinkt, eine Geliebte neben der Ehefrau hat und an viele literarische Vorbilder erinnert. Aber er ermöglicht es den Lesern, nicht im Abgrund des Bösen zu versinken. Ein angesehener Anwalt wird in einer Gated Community ermordet aufgefunden. Hinter diesem Mord, der am Ende des Romans fast harmlos wirkt, stehen grausame Ausbeutungsmechanismen, die aus dem Ruder gelaufen sind und nur deshalb überhaupt ans Licht kommen. Die herausragende Figur in einem großen Personalreigen ist der Ich-Erzähler Krishna, dessen Demütigung und Versklavung als Kind dazu geführt hat, dass er zum Handlanger eines großbürgerlichen Menschenhändlers geworden ist. Er entführt Kinder, um sie entweder für sexuelle Dienste zu vermitteln oder in andere brutale Ausbeutungsverhältnisse zu schicken – je nach Nachfrage. Krishna wurde mit sechs Jahren für 1.000 Rupien verkauft und hat ein Martyrium erlitten, in das er nun andere schickt. Er rebelliert gegen seinen Chef, aber nicht aus Protest gegen die Gewalt, sondern weil er sich in eines seiner Opfer verliebt hat. Kollektiver Widerstand und Solidarität liegen außerhalb seiner Vorstellung. Die zahlreichen Personen des Romans repräsentieren die gesellschaftlichen Klassen und Kasten Indiens, die meisten sind rechtlose Existenzen, an denen selbst der Elendste sein Mütchen kühlen kann. Nair beschreibt diese Menschen liebevoll: Meistens sind es Kinder oder Jugendliche, die einer unteren Kaste angehören. Ihnen werden unvorstellbare Demütigungen zugemutet, die es den anderen ermöglicht zu funktionieren.

Aber warum kommen Menschen überhaupt in diese Situation? »Überschwemmungen, Zyklone, der Bergbau, mangelnde Bildung, keine linke Partei ... such’s dir aus!« sagt der Menschenhändler zu seinem Handlanger. Nair beschreibt Menschen in ihrer Verzweiflung und Not, für die es im heutigen Indien kaum Auswege gibt.

Anita Nair: Gewaltkette. Aus dem Englischen von Karen Witthuhn, Ariadne-Verlag, Hamburg 2017, 352 Seiten, 19 Euro


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