Aus: Ausgabe vom 27.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Materieller Zwang

Gewalt gegen Frauen

Von Claudia Wrobel
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Unsere Wut gegen ihre Gewalt, Demonstration am 25.11.2017 in Rom (Italien) anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Der gefährlichste Ort für Frauen ist die eigene Wohnung. Dort ist es deutlich riskanter, als nachts alleine unterwegs zu sein. Der eigene Partner ist viel wahrscheinlicher der potentielle Gewalttäter als der ominöse Unbekannte, vor dem Mädchen von klein auf gewarnt werden. Laut einer Statistik, die das Bundeskriminalamt (BKA) im Auftrag des Familienministeriums erhoben und am Freitag veröffentlicht hat, wurden in Deutschland im vergangenen Jahr knapp 109.000 Frauen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Durchschnittlich wurde pro Tag eine Frau von ihrem Partner umgebracht, die Statistik listet 357 Todesopfer auf.

Darüber muss gesprochen werden, nicht nur am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, an dem sich auch die Bundesregierung stark in die Debatte eingebracht hat: mit Appellen, guten Wünschen und einem Hilfetelefon. Bei diesen Sonntagsreden bleibt aber außer acht, dass eben diese Bundesregierung nichts dafür tut, dass Frauen, die in einer gewalttätigen Partnerschaft sind, diese verlassen können, ohne Existenzängste zu erleiden. Solange das Steuerrecht so aufgebaut ist, dass es eine amtlich registrierte Partnerschaft begünstigt, in der ein Teil nur zu- oder gar nicht verdient, werden Anreize dafür geschaffen, dass Menschen sich in finanzielle Abhängigkeit begeben.

Beim Bezug von Hartz IV, auf den Alleinerziehende überdurchschnittlich oft angewiesen sind, werden Sozialleistungen wie Kindergeld angerechnet. Viele Frauen stehen also vor der Entscheidung, in einer gewaltvollen Partnerschaft zu bleiben, oder sich und ihren Kindern ein Leben in Armut zuzumuten. Eine Angst, die übermächtig ist. Dieser Staat mit seinem vollkommen verfehlten Sozialsystem wird von etlichen Frauen gegenüber dem prügelnden Partner als größere Bedrohung wahrgenommen. Auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat sich zwar in den vergangenen Jahren einiges getan, allerdings sind wir immer noch weit davon entfernt, dass Vollzeit- und Sorgearbeit problemlos zu bewerkstelligen wären. Das gilt natürlich besonders zugespitzt für Einelternfamilien.

Insofern reichen Diskursverschiebungen einfach nicht mehr. Natürlich muss über Mackertum und das Patriarchat geredet werden. Vielleicht helfen dabei sogar Netzdebatten beispielsweise über sexualisierte Gewalt, wie es sie unter #metoo (ich auch) kürzlich gegeben hat. Allerdings laufen wir damit auch Gefahr, uns in Kämpfen zu verzetteln, die nicht weh tun, weil sie nicht die materielle Basis angreifen. Sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Frauen verhindert man nicht mit Appellen und moralischer Empörung, aber vielleicht indem man dafür sorgt, dass Abhängigkeiten verschwinden.

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