Aus: Ausgabe vom 27.11.2017, Seite 1 / Titel

Laut, mit stillen Gesten

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Tausende bei Demonstrationen in aller Welt. Auch in Deutschland Hunderte Mordopfer

Von Carmela Negrete, Nerva
Paraguay_55466658.jpg
Frauenprotest am Samstag in Paraguays Hauptstadt Asunción

Samstag vormittag in einem sonnigen Dörfchen in Südspanien. Ein paar Dutzend Frauen haben sich weiße T-Shirts angezogen und laufen durch die ruhigen Straßen. Es ist ein Spaziergang gegen Gewalt – und das sie begleitende Polizeiauto, das einzige des Dorfes, deutet darauf hin, dass dies eine politische Demonstration ist. Die Frauen rufen keine Parolen, sie gehen nur zur Hauptstraße und plaudern entspannt. Es ist eine stille Geste der Empörung – und es macht Eindruck, denn nicht oft finden in dieser Gegend Demonstrationen statt. In den größeren Städten Spaniens versammeln sich Frauen zu Tausenden. In Madrid rufen sie »Wir haben keine Angst« und halten Schilder hoch: »Das sind keine Todesfälle, das sind Morde« oder »Wie viele müssen noch sterben?«

Der Anlass für die Proteste war der am Samstag begangene Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Nach offiziellen Zahlen wurden in Spanien seit Jahresbeginn 45 Frauen von ihren Partnern oder ehemaligen Lebensgefährten getötet. Erst am Freitag erschoss ein Deutscher in einem Dorf bei Castellón seine Partnerin.

Seit Wochen wird in Spanien über frauenfeindliche Gewalt debattiert, ausgelöst durch den Prozess gegen fünf junge Männer, die gemeinsam eine 18jährige vergewaltigt haben sollen. Für besondere Empörung sorgte, dass der Richter Informationen der Verteidigung als Beweismittel akzeptiert hatte, die ein Detektiv in den sogenannten sozialen Netzwerken gesammelt hatte. Fotos und Einträge des Opfers sollen offenbar belegen, dass die junge Frau nach der Tat eine normales Leben geführt hatte. Nach Ansicht der Anwälte könnte das die Täter entlasten.

In Paris gingen rund 2.000 schwarzgekleidete Frauen auf die Straße und erinnerten daran, dass allein im vergangenen Jahr 123 Frauen in Frankreich durch sexuelle Gewalt zu Tode kamen. Sie trugen Schilder mit den Namen der Opfer. Weitere Demonstrationen und Kundgebungen gab es unter anderem in Rom und in Istanbul. Trotz eines Verbots zogen dort Hunderte Frauen durch die Straßen.

In Köln demonstrierten nach Veranstalterangaben etwa 400 Personen unter dem Motto »Wir fordern die Nacht zurück!«. Auch in anderen Städten gab es Kundgebungen. Neben der Ansage, sich gesellschaftliche Räume nicht streitig machen zu lassen und der Gewalt nicht zu weichen, stand die Forderung nach Anerkennung frauenspezifischer Fluchtgründe bei vielen hiesigen Aktionen im Mittelpunkt. Laut einer Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) wurden in Deutschland im vergangenen Jahr fast 109.000 Frauen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. 357 wurden getötet, 26 mehr als im Vorjahr.

Auch in Lateinamerika gingen Tausende Frauen auf die Straße, unter anderem in Buenos Aires, Lima, Asunción und Mexiko-Stadt. Mexiko gilt einem UN-Bericht zufolge als das für Frauen gefährlichste Land der Region. Sieben Frauen werden hier täglich Opfer von Morden. Viele Migrantinnen aus anderen Ländern werden zur Prostitution gezwungen und vergewaltigt. Erst am Samstag befreite die mexikanische Polizei 30 Frauen aus Venezuela und Kolumbien, die in Toluca und Cuer­navaca als Sexsklavinnen gefangengehalten wurden.

In Indien gab es erstmals eine Modenschau mit Opfern von Säureangriffen, die von ihren Ehemännern oder Familienmitgliedern attackiert worden waren. Neun Frauen mit entstellten Gesichtern präsentierten in Neu-Delhi Kollektionen von indischen Designern, keine von ihnen verdeckte ihr Gesicht.

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche: