Aus: Ausgabe vom 25.11.2017, Seite 15 / Geschichte

Ein neuer Staat

Vor 50 Jahren entstand am Golf von Aden die Volksrepublik Südjemen. Zuvor stand das Gebiet unter britischer Kontrolle

Von Knut Mellenthin
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Seit 1838 unter Kontrolle des Vereinigten Königreichs – Britische Truppen im südjemenitischen Aden (16. August 1965)

Vor fünfzig Jahren, am 30. November 1967, wurde auf der arabischen Halbinsel ein neuer Staat proklamiert. Er nannte sich Volksrepublik Südjemen und trat am 14. Dezember desselben Jahres der UNO bei. Nach einem politischen Umsturz im Juni 1969 gab das Land sich am 1. Dezember 1970 den Namen Demokratische Volksrepublik Jemen. Korrekt geschrieben wurde das nur in der DDR und den anderen Ländern des »sozialistischen Lagers«, die zu dem jungen Staat enge Beziehungen unterhielten und ihn in jeder Form unterstützten. Im Unterschied dazu war im Westen die umgangssprachliche Bezeichnung »Südjemen« üblich.

Analog dazu sprach man vom »Nordjemen«, wenn der schon 1918 als Königreich gegründete Staat gemeint war, der seit 1962 Jemenitische Arabische Republik hieß. Beide Staaten vereinigten sich 1990, ohne bis heute wirklich zusammenzukommen. Ein Volksaufstand im Süden scheiterte 1994 nach verlustreichen, aber kurzen Kämpfen. Erledigt ist das Thema damit jedoch nicht: Seit 2007 gibt es eine sehr aktive und einflussreiche »Bewegung des Südens«, arabisch meist »Al-Hirak« genannt, die die Wiedererlangung der Unabhängigkeit anstrebt. Mit der früheren Volksrepublik hat diese Bewegung so wenig zu tun, dass ihr von Anfang an Hilfe durch das benachbarte reaktionäre Königreich Saudi-Arabien zuteil wurde. Im Zuge der 2015 begonnenen Militärintervention ist Südjemen praktisch zu einem unerklärten Protektorat der Vereinigten Arabischen Emirate geworden.

Jemen ist, im Sinn des vom Imperialismus geprägten Begriffs, ein »failed state«, ein gescheiterter Staat. Das Territorium, auf das sich dieser Name bezieht, hat zwar eine lange Zivilisationsgeschichte, die zum Teil mehr als 2.000 Jahre zurückreicht, war aber bis zur Vereinigung am 22. Mai 1990 niemals ein einheitlich regierter Staat. Großbritannien fand dort eine Vielzahl miteinander um Land und Einfluss kämpfender Fürstentümer vor, als es im 19. Jahrhundert im Norden und Süden der arabischen Halbinsel Fuß zu fassen begann.

Britische Kolonie

Die Hafenstadt Aden, der Hauptort Südjemens, stand wegen ihrer strategischen Lage zunächst im Vordergrund des britischen Interesses. Das Vereinigte Königreich ließ sich die Stadt 1838 von dem über Aden und sein Hinterland herrschenden Sultan abtreten und sicherte sie im folgenden Jahr durch die Entsendung von Truppen. Die Bedeutung der Hafenstadt nahm noch einmal enorm zu, nachdem sich durch den Bau des am 17. November 1869 feierlich eröffneten Suez-Kanals der Seeweg nach Indien verkürzt hatte. Dampfschiffe konnten die volle Strecke immer noch nicht ohne Nachladen von Kohle fahren, und Aden wurde dafür zur zentralen Station.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte Großbritannien auch die Fürstentümer des späteren Südjemens in vertraglich gesicherte Abhängigkeitsverhältnisse, die meist als »Protektorat« umschrieben wurden. An den traditionellen Strukturen änderte sich dadurch bis zur Unabhängigkeit im Jahre 1967 kaum etwas. Nur die Verwaltungsnamen und die Zuständigkeiten innerhalb der britischen Bürokratie wechselten mehrmals. So wurde zum Beispiel Aden, dessen Hafen zeitweise einer der bedeutendsten Handelsplätze der ganzen Welt war, bis 1937 als Teil von Britisch-Indien regiert, bevor es zusammen mit seinem Hinterland den Status einer eigenen »Kronkolonie« erhielt. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit bestand Südjemen aus über 20 mehr oder weniger autonomen Sultanaten, die verwaltungsmäßig zwei Gebieten zugeordnet waren: der Federation of South Arabia im Südwesten, zu der auch Aden gehörte, und dem nordöstlich davon gelegenen Protectorate of South Arabia.

Nach der Schwächung Großbritanniens durch den Zweiten Weltkrieg befand sich sein Kolonialimperium, das um 1920 fast ein Viertel der Landfläche der Erde umfasst hatte, in einem langen und widersprüchlichen Auflösungsprozess. Indien und Pakistan als Nachfolgestaaten der Kronkolonie British India waren schon 1947 selbstständig geworden. Die meisten britischen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent erlangten Anfang bis Mitte der 1960er Jahre ihre Unabhängigkeit. Aber an der Herrschaft über Aden und Südjemen versuchte die Regierung in London zunächst noch festzuhalten. Formal gab erst die Labour-Regierung unter Harold Wilson im Januar 1968 die hauptsächlich mit finanziellen Notwendigkeiten begründete Entscheidung bekannt, bis 1971 alle Militärstützpunkte »östlich von Aden« zu räumen. Das betraf insbesondere Malaysia, Singapur, die Malediven-Inseln im Indischen Ozean und den Norden der arabischen Halbinsel.

Blutige Fraktionskämpfe

In Aden und dem übrigen Südjemen stand Großbritannien seit 1963 durch die schnell zunehmenden Aktivitäten einer bewaffneten Befreiungsbewegung unter militärischem und politischem Druck. Im nördlichen Königreich Jemen war 1962 nach einem Putsch der Streitkräfte die Republik ausgerufen worden. In der Praxis leitete das einen mehrjährigen Bürgerkrieg ein, in dem die Republikaner durch das von Gamal Abdel Nasser geführte Ägypten bis hin zur Entsendung mehrerer zehntausend Soldaten unterstützt wurden, während Saudi-Arabien die Monarchisten finanzierte und bewaffnete. Der revolutionäre Umschwung im Norden begünstigte im Südjemen die Entstehung der marxistisch orientierten Nationalen Befreiungsfront (NLF) und der nationalarabischen, von Ägypten unterstützten Front für die Befreiung des Besetzten Südjemen (FLOSY).

Auf den Aufstand, der offiziell am 14. Oktober 1963 begann, reagierte Großbritannien mit Notstandsmaßnahmen. Bei den Kämpfen verloren 227 britische Soldaten ihr Leben, während mindestens 382 Angehörige der Befreiungsorganisationen getötet wurden. Bis der Südjemen 1967 unabhängig wurde, hatte sich die NLF gegen die FLOSY und gegen die lokalen Truppen der Sultanate durchgesetzt.

Die Volksdemokratische Republik Jemen sei »infolge der britischen Kolonialherrschaft ein rückständiges Agrarland mit schwach entwickelter Industrie«, hieß es in einer DDR-Enzyklopädie. Aber das Land unternehme mit Unterstützung der sozialistischen Staaten »durch Beschreiten des sozialistischen Entwicklungsweges alle Anstrengungen zur Überwindung des kolonialen Erbes«. Real war die Entwicklung des Landes jedoch durch eine Abfolge von Fraktionskämpfen in der einzig zugelassenen Sozialistischen Partei geprägt, die meist militärisch ausgetragen wurden und dadurch den Streitkräften ein übermäßiges Gewicht verschafften. Als die Sowjetunion unter Gorbatschow ihre Finanzhilfen drastisch reduzierte und die DDR zusammenbrach, war auch das Ende des unabhängigen Staates im Südjemen gekommen.

Am 14. November habe ich das Haus über die Entscheidung der Regierung informiert, dass Südarabien unabhängig werden soll und dass der Abzug unserer Truppen am 30. November abgeschlossen sein wird.

Jetzt freue ich mich, dem Haus mitzuteilen, dass der Rückzug der britischen Streitkräfte heute mittag erfolgreich beendet wurde und dass Südarabien um Mitternacht örtlicher Zeit (…) unabhängig wird. (…)

Dem Haus ist bekannt, dass in Genf am 21. November Verhandlungen zwischen einer britischen Delegation (…) und einer Delegation der Nationalen Befreiungsfront (…) begannen. Ich freue mich, sagen zu können, dass heute morgen über viele der diskutierten Punkte eine Verständigung erreicht wurde. (…) Die Gespräche wurden unterbrochen, um es den Delegierten der Nationalen Befreiungsfront zu ermöglichen, zum Unabhängigkeitstag nach Aden zurückzukehren, und sie werden in Kürze wieder aufgenommen.

Wie aus dem gemeinsamen Kommuniqué hervorgeht, erstreckten sich die Diskussionen in Genf auf ein breites Spektrum von Themen, einschließlich der Machtübergabe und Fragen der zivilen und militärischen Hilfe. Wir sind übereingekommen, die Hilfe auf dem bestehenden Niveau in den nächsten sechs Monaten fortzusetzen, während die Verhandlungen weitergehen. (…)

Ich bin sicher, dass das Haus sich mir anschließen wird, dem neuen Staat so kurz vor seiner Unabhängigkeit jeden Erfolg zu wünschen. (…) Die Gespräche in Genf fanden in einer guten Atmosphäre statt und ich bin voller Hoffnung, dass wir bestmögliche Beziehungen zu dem unabhängigen Staat haben werden, der den Namen Volksrepublik Südjemen annehmen wird. (…)

Aus der Erklärung des britischen Außenministers George Brown im Abgeordnetenhaus, 29. November 1967


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