Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 15 / Feminismus

Die Kollektivstifterin

Eingreifend, marxistisch-feministisch: Die Philosophin und Sozialwissenschaftlerin Frigga Haug feiert ihren 80. Geburtstag

Von Ines Schwerdtner
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Forschungsarbeiterin Frigga Haug auf der von ihr mit initiierten ersten Marxismus-Feminismus-Konferenz im März 2015

Gelegenheiten, über die Themen zu sprechen, die Frigga Haugs Leben wie ein roter Faden durchziehen, gibt es zahlreich. Noch immer ist die Wissenschaftlerin und engagierte linke Feministin, die am 28. November ihren 80. Geburtstag feiert, unermüdlich unterwegs. Zuletzt sprach sie Anfang November auf dem Antifa-Kongress im Münchner DGB-Haus. Einladungen führten sie nach Mexiko und Spanien, auf der Feministischen Herbstakademie in Bielefeld leitete sie Ende Oktober einen Workshop (siehe jW vom 3.11.). Vorträge auf Veranstaltungen der Kirchen, von Gewerkschaften oder Studierendengruppen reihen sich aneinander. Immer wieder spricht sie zur Erinnerungsarbeit, der von ihr entwickelten Methode der Aufarbeitung von Unterdrückungserfahrungen, über ihre »Vier-in-einem-Perspektive« als Kompass für eine »Politik von Frauen für alle« oder über die schwierige und zugleich fruchtbare und notwendige Verbindung von Marxismus und Feminismus.

Frigga Haug schöpft aus all diesen Begegnungen Kraft, wird nicht müde, neue Forschungsfragen zu formulieren und zu diskutieren – zum Beispiel: »Wie können wir Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesenarbeit und Entwicklungschancen gerechter verteilen?« Sie gibt die Fragen weiter, initiiert, wann immer möglich, ein Kollektiv, das die Forschung vorantreibt. Fortwährend ermutigt sie andere, nach dem Wie von Unterdrückung, dem Einwilligen und Mitwirken von Frauen daran, zu fragen und die eigene Geschichte aufzuschreiben. Sie kritisiert, dass gerade Frauen ihre Geschichte noch immer zu wenig als aufhebenswert verstehen und fordert sie auf, sie sich anzueignen. Heft 308 der von Haug mit herausgegebenen Zeitschrift Das Argument war genau dieser Problematik gewidmet: »Frauenbewegung erinnern«.

Das eigene Leben, politisches Eingreifen und theoretische Reflexion miteinander in Beziehung zu setzen, das ist Haugs bewährte Herangehensweise an Themen, die sie auch in ihrem 2015 veröffentlichten Buch »Der im Gehen erkundete Weg. Marxismus-Feminismus« praktiziert. Dort dokumentiert sie wichtige Stationen ihres Lebens in Verbindung mit der Geschichte der Frauenbewegungen wie mit Debatten um marxistisch-feministische Theorie und Praxis. So zum Beispiel, als sie mit der These, Frauen wirkten selbst an ihrer Unterdrückung mit, für Empörung sorgte und gegen Stellvertreterpolitik argumentierte; ganz im Marxschen Sinne sollten nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Frauen sich selbst befreien. Oder wenn sie ihre Position im Spannungsverhältnis von Differenz- und Gleichheitsfeminismus erläutert und reflektiert. Als sich die meisten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom Marxismus abwandten, hielt sie daran fest. Sie fordert jedoch, er müsse »umgebaut« werden, ehe er wirklich befreiend sein könne. Die Tätigkeiten der Frauen, kaum beachtet, weil als selbstverständlich wahrgenommen, die »Produktion« des Lebens gehöre mit ins Zentrum marxistischer Theorie und revolutionärer Praxis. Erst so könne eine menschliche Gesellschaft vorstellbar werden – eine, in der gegenseitige Fürsorge, die Sorge um sich selbst und die Sorge um die Natur einander bedingen.

Als das Buch erschien, fand zugleich die internationale Konferenz zu Marxismus-Feminismus in Berlin statt, zu deren wichtigen Initiatorinnen Haug gehörte. Es war auch »ihr« Projekt, das dort mit Frauen aus der ganzen Welt begonnen wurde. Es entstanden tragfähige Verbindungen zwischen Marxistinnen-Feministinnen aus zahlreichen Ländern. Bereits 2016 fand in Wien die zweite internationale Konferenz statt. Dort machte Haug in ihrer Eröffnungsrede deutlich, dass im Sinne Rosa Luxemburgs »eingreifende Theorie das Praktischste« sei, die vielfältigen Beiträge und Stimmen von Widerstand also gebündelt werden müssen, »so dass die vielen einander auf dem gleichen Weg erkennen können«. Eine Arbeitsgrundlage für solch gemeinsames Vorgehen bilden die »13 Thesen zu Marxismus-Feminismus«, die am Ende der Tagung diskutiert wurden (abgedruckt in der demnächst erscheinenden Ausgabe Nummer 323 von Das Argument). Mit ihnen wird der vorläufige Stand dokumentiert und zugleich eine Richtung für weiteres Voranschreiten vorgeschlagen. Auch dies nicht ohne Kontroverse: Nicht allen gefiel der Manifest-Charakter der Thesen. Als Autorin und Verlegerin wird Haug daran festhalten, solche Texte von Feministinnen zu bewahren und allen zugänglich zu machen. Auch das ist Schreiben eigener Geschichte.

Geplant ist ein eine dritte Konferenz im schwedischen Lund am 6./7. Oktober 2018, an der Frigga Haug erneut maßgeblich beteiligt sein wird. Diese marxistisch-feministische Internationale im Werden ist ein weiteres Stück ihres »Lebenswerks«, das nicht nur ihre umfangreichen Publikationen und Vorträge umfasst, sondern auch die Lernkollektive, die sie stiftet, wo immer sie sich aufhält.

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