Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 12 / Thema

Gegen das Eiapopeia

Sein Werk wartet auf Fortsetzung – eine Rede zum Gedenken an den großen Wirtschaftswissenschaftler und Marxisten Jürgen Kuczynski

Von Georg Fülberth
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Kommunist und Wissenschaftler – Jürgen Kuczynski (1904–1997) während eines Vortrags drei Jahre vor seinem Tod

Seit dem 14. Oktober 2017 erinnert in Wuppertal-Eberfeld in der Jaegerstraße 16 am Geburtshaus des Historikers und Wirtschaftswissenschaftlers eine Gedenktafel an Jürgen Kuczynski. Der Politikwissenschaftler Georg Fülberth hielt aus Anlass ihrer Enthüllung eine Rede, die im folgenden in gekürzter Form erscheint. (jW)

Zu den vielen Bonmots von Jürgen Kuczynski, die in Umlauf sind, gehört das folgende: »Wir sind doch alle nur Zaunkönige auf den Flügeln von Adlern.« Die Adler, auf deren Flügeln er sich als Zaunkönig sitzen sah, waren für ihn Marx und Engels: Voraussetzungen dafür, selbständig weiterzudenken. Er hatte aber noch eine andere großartige Startbedingung: das, was ihm seine Familie mitgab. Eine erstaunliche Familie des nicht nur materiellen, sondern auch des intellektuellen Großbürgertums. Ein Großvater war Bankier, der Vater der sehr geachtete Statistiker Robert René Kuczynski. Im Haus befand sich eine riesige, über Generationen angesammelte Bibliothek. In der Familie wurde ständig diskutiert. Da blieb wohl kaum ein Talent unentdeckt. Die Kinder, so scheint es, hatten alle Chancen, schon frühreif zur Welt zu kommen. Jürgen Kuczynski war noch keine 21 Jahre alt, als er promovierte.

Auf der Trauerfeier 1997 hat einer seiner Söhne, Peter Kuczynski, darauf hingewiesen, dass solche Frühreife ihr Bedenkliches hätte haben können, nämlich die Gefahr, zu früh fertig zu sein. Jürgen Kuczynski hat das selbst zur Sprache gebracht, im Titel seiner Memoiren von 1973: »Die Erziehung des J. K. zum Kommunisten und Wissenschaftler«.

Der Relativlohn

Erziehung also. Er wusste, dass er nicht leicht- und schnell fertig sein durfte. Über sein erstes Buch, das er als 21jähriger veröffentlichte – es trug den Titel: »Zurück zu Marx!« – urteilte er, in der Rückschau von sich in der dritten Person redend, »freundlich-mitleidig, ohne hineinzuschauen, zumal vieles so kompliziert formuliert ist, dass man gebildeter sein muss, als ich es heute bin, um alles zu verstehen.« Der junge Jürgen Kuczynski musste also erzogen und geerdet werden. Auch hierfür hatte er eine gute Voraussetzung: den Vater, den Sozial- und Bevölkerungsstatistiker. Der Sohn entdeckte früh bei sich eine Freude am Rechnen und rechnenden Vergleichen. Vater und Sohn hatten also die Neigung und beide auch die Begabung zur Statistik gemeinsam. Dies war – um in der Terminologie von Marx zu sprechen – ihr Arbeitsmittel. Bei Marx gibt es immer auch einen Arbeitsgegenstand. Das war bei Robert René Kuczynski die Bevölkerung, vor allem die ärmeren Volksklassen. Bei seinem Sohn wurde es dann die Arbeiterklasse.

Mit ihr befasste er sich zuerst nicht in Deutschland, sondern in den USA. Dort forschte er von 1926 bis 1929, und dies schon nicht mehr als Einzelwissenschaftler, sondern für die Gewerkschaft American Federation of Labor. Ein solcher Aufenthalt, heute ja üblich, war damals etwas Besonderes, man kann auch sagen, ein Privileg, aber man kann ebenfalls sagen: Es traf den Richtigen. Das Entscheidende passierte vielleicht schon auf der Überfahrt, bei der man viel Zeit zum Nachdenken hatte. Der 22jährige Jürgen Kuczynski dachte über den Relativlohn nach. Was war das?

Den Begriff des relativen Lohns hatte Karl Marx 1849 einmal im Vorübergehen erwähnt, sich aber dann nicht weiter damit befasst. Das ist kein Wunder, denn sein Hauptwerk heißt ja »Das Kapital« und nicht »Das Proletariat«. Dieses Proletariat spielt die zentrale Rolle in seinen politischen Schriften, aber nicht in seinen ökonomischen, insbesondere nicht im »Kapital«. Dort zerbricht Marx sich den Kopf der Kapitalisten, und was diese, die Unternehmer, interessieren muss, ist die Rendite, auch zu benennen als Profit. Als den Kern des Profits identifiziert Marx den Mehrwert, also den Teil des Werts der Ware, der nicht den Lohn- oder Gehaltsabhängigen, sondern den Unternehmern zufließt. Teilt man den Mehrwert durch den Lohn, ergibt sich eine Rate, die Mehrwertrate.

Die Mehrwertrate muss die Unternehmerinnen und Unternehmer interessieren. Und was interessiert die Arbeiterinnen und Arbeiter? Natürlich der Reallohn, das, was sie sich für ihren Lohn kaufen können. Der junge Jürgen Kuczynski fragte darüber hinaus noch nach etwas anderem: eben nach dem Relativlohn und seiner Rate. Die ergibt sich, wenn wir den Lohn über den Bruchstrich, in den Zähler, setzen, und darunter, in den Nenner, den Gewinn. Dann wird wieder dividiert. Heraus kommt das Umgekehrt der Mehrwertrate, eine Lohnrate, die er anders nannte, also den Relativlohn. Kuczynski stellte gleichsam das Kapital und dessen Analyse, das Buch »Das Kapital« von Karl Marx, vom Kopf auf die Füße oder von den Füßen auf den Kopf, wie man will – jedenfalls vom Mehrwert auf den Relativlohn.

Ein Mammutwerk

Mit seinen Überlegungen zum Relativlohn hatte Jürgen Kuczynski das Thema seines Lebens gefunden: »Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus«, und zwar im Verhältnis zum Reichtum der Kapitalistenklasse. Ein gewaltiges Programm, das ihn in den nächsten 46 Jahren beschäftigen sollte. Am Ende wurden es 40 Bände, die Fortsetzung dessen, was ein anderer junger Mann aus dem Wuppertal, Friedrich Engels, 1845, in seiner »Lage der arbeitenden Klasse in England« begonnen hatte.

Jürgen Kuczynski war ein Mensch mit vielen Gaben und Aktivitäten. Aber wenn wir aufgefordert würden, in einem einzigen Satz zu sagen, was das Wichtigste war und ihm selbst das Wichtigste gewesen ist, das er zustande gebracht hat, und es dürfte nur eine einzige unter seinen vielen Leistungen sein, dann müssten wir sagen: Jürgen Kuczynski ist der Verfasser der vierzig Bände »Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus«.

Wo Jürgen Kuczynski aufgehört hat, muss weitergearbeitet werden. Seit 1972, als er sein Hauptwerk abschloss, sind schon 45 Jahre vergangen. In diesen 45 Jahren hat sich der Kapitalismus umgewälzt. Kuczynski kannte den Kapitalismus der ersten und der zweiten industriellen Revolution. Jetzt haben wir die dritte. Der Kapitalismus hat sich ausgedehnt: Jetzt gehören Russland und China dazu. Auch die Arbeiterinnen und Arbeiter sind andere geworden. Über den Kapitalismus wird zur Zeit viel geredet und geschrieben. Weit weniger zahlreich sind die Bücher über die Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter unter dem Kapitalismus der Gegenwart. Um sie zu erstellen, müsste neu angefangen werden. Es ist zu wünschen, dass sich Menschen finden, die das tun, aber unter den heutigen Bedingungen ist auch zu fürchten, dass sie zunächst ebenso isoliert arbeiten müssten, wie es Jürgen Kuczynski Ende der 1920er Jahre tun musste.

Jürgen Kuczynski also hat damit einst, soweit es um die Forschung im 20. Jahrhundert geht, angefangen. Ein erstes Ergebnis war 1930 das Buch »Der Fabrikarbeiter in der amerikanischen Wirtschaft«. Eine erste kritisch historisch-statistische Darstellung der Lage der amerikanischen Arbeiter. Das war nun schon kein Schnellschuss mehr, sondern harte empirische Forschung. Kuczynski hat es auch nicht allein geschrieben, sondern gemeinsam mit Marguerite Steinfeld. Als es 1929 zunächst auf Englisch erschien, hieß sie schon nicht mehr so, sondern Marguerite Kuczynski. Im Jahr zuvor hatten sie geheiratet. Marguerite war ein anderer Wissenschaftstyp als ihr Mann. Wo er gern einmal breit ausgriff, war sie eine penible Detailarbeiterin. Sie gab später die ökonomischen Schriften von François Quesnay heraus, forschte zu Anne Robert Jacques Turgot, entdeckte in Japan Marx’ Randbemerkungen zu seiner Schrift »Das Elend der Philosophie« und verwandte sie für Band vier der blauen Bände der Marx-Engels-Werkausgabe, deren achten Band mit den Schriften von Marx und Engels aus den Jahren 1851 bis 1853 sie ebenfalls erarbeitete.

In diesem Jahr 2017 erscheint endlich, endlich die Ausgabe gleichsam letzter Hand des ersten Bandes des »Kapital«, in dem erstmals alle von Engels noch übergangenen Hinweise von Marx beachtet sind, erarbeitet von Thomas Kuczynski. Man kann sich vorstellen, wie Marguerite Kuczynski sich daran gefreut hätte, an der Genauigkeit einer Edition, die ja unerlässlich ist für weiteres Forschen und Urteilen.

In den Reihen der Kommunisten

1930 trat Jürgen Kuczynski der Kommunistischen Partei Deutschlands, KPD, bei. Im Gegensatz zu vielen anderen konnte er noch als alter Mann sagen, er habe es nie bereut. Eine akademische Karriere in der Weimarer Republik hatte er sich da schon längst aus dem Kopf geschlagen. Max Weber, ein Freund der Juden, hatte sich 1919 in seinem Vortrag »Wissenschaft als Beruf« Gedanken über die Laufbahnchancen junger Wissenschaftler gemacht. Dort findet sich der Satz: »Ist er ein Jude, so sagt man ihm natürlich: lasciate ogni speranza«, lasst alle Hoffnung fahren. Das war 1919, nachdem im Kaiserreich immerhin Albert Einstein Direktor eines Kaiser-Wilhelm-Instituts und Georg Simmel unbezahlter außerordentlicher Professor werden konnten. Zehn Jahre später wäre das kaum noch möglich gewesen, noch vor dem Machtantritt der Faschisten. Und Jude und Kommunist, das ging schon mal gar nicht.

Jürgen Kuczynski blieb Privatgelehrter, und er wurde Parteiarbeiter, Parteijournalist, unter anderem für die KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne. Ab 1933 war er im Widerstand. Es war der Widerstand eines Statistikers und Sozialwissenschaftlers. Er sammelte Daten über die Lage der Volksmassen im Reich, und seine Berichte fanden zu einem TASS-Korrespondenten, zur sowjetischen Botschaft oder zur Handelsvertretung der UdSSR.

1936 ging es nicht mehr weiter. Jürgen Kuczynski und seine Familie mussten nach England emigrieren. Dort leistete er Parteiarbeit, war einige Zeit als »feindlicher Ausländer« interniert, aber während der ganzen Zeit forschte er weiter zur Lage der Arbeiterklasse unter dem Kapitalismus. Schließlich wurde er Offizier der US-amerikanischen Armee, im United States Strategic Bombing Survey, wieder als Statistiker, jetzt bei der Auswertung der Folgen der Bombenangriffe. Hier gab es einen Kampf innerhalb des westlichen Teils der Antihitlerkoalition. Die britische Royal Air Force setzte auf Flächenbombardements, auch auf Wohngebiete, die US-amerikanische Luftwaffe auf Angriffe nur auf militärstrategisch wichtige Ziel. Die Briten setzten sich durch, die US-Amerikaner und mit ihnen Jürgen Kuczynski unterlagen.

Nach dem Krieg ging Jürgen Kuczynski in aller Selbstverständlichkeit in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands. Er sollte Präsident des Deutschen Wirtschaftsinstituts in Berlin werden, damals noch eine gesamtdeutsche Einrichtung, aber das verhinderte der beginnende Kalte Krieg. Kuczynski war Präsident der Zentralverwaltung für Finanzen in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität, 1949 bis 1958 Mitglied der Volkskammer der DDR, er war Präsident der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion, später bekannter als Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Aus dieser Funktion wurde er 1950 entfernt. Als Grund hierfür hätte man vermuten können, dass er sogenannter Westemigrant war. Kommunistinnen und Kommunisten nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik, die zwischen 1933 und 1945 in westliche Länder emigriert waren, wurden Repressalien ausgesetzt. Jürgen Kuczynski berichtete später, dass dies für ihn nicht zutraf: Seine Vertrauensstellung bei den für Deutschland zuständigen Stellen der Sowjetunion sei zu stark gewesen. In der Politik der UdSSR allerdings sei dann doch die Ursache für seine Ablösung zu finden: eine antisemitische Kampagne in der Spätzeit Stalins.

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 versuchte Jürgen Kuczynski an der Entstalinisierung mitzuwirken und auch in der Geschichtswissenschaft eingefahrene Ansichten zu lockern. Eine seiner Publikationen hatte mit seinem Spezialgebiet, den Volksmassen, zu tun. Er äußerte die Ansicht, dass die SPD-Fraktion am 4. August 1914, als sie den Kriegskrediten zustimmte, sich nicht im Widerspruch zur Mehrheit der Mitglieder befand, diese seien vielmehr selbst vom nationalistischen Taumel ebenso gepackt gewesen wie die Bürger und Kleinbürger. Er billigte dies nicht. Aber er musste, als Wissenschaftler, doch konstatieren, dass es anders war, als es die parteioffizielle These vom Verrat an der Basis bisher propagiert hatte.

Aus der Lehre gedrängt

Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Ungarn 1956 war es mit dem sogenannten Tauwetter vorbei, und Jürgen Kuczynski wurde Ziel einer Kampagne, an der sich auch Historiker der jüngeren Generation beteiligten. Er sollte aus der Liste der Mitglieder der SED gestrichen werden. Das wäre für ihn schlimmer gewesen als ein Ausschluss, denn er wäre dann so behandelt worden, als sei er nie Mitglied gewesen. Letztlich hatte er in der Krise von 1956/1957 Glück im Unglück. Es kam zu einem Arrangement, wonach er sich aus seiner Hochschultätigkeit zurückzog und sich darauf konzentrierte, seine »Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus«, von der es ja schon umfangreiche Einzelbände als Vorstudien gab, niederzuschreiben. Er vermutete, man habe ihn damit nicht nur frei-, sondern auch ruhigstellen wollen, denn man habe angenommen, mit dieser riesigen Arbeit werde er zu seinen Lebzeiten nicht fertig werden. Was seine Kontrahenten nicht wussten, war, dass er seine Stoffsammlungen schon so weit vorangetrieben hatte, dass er die vierzig Bände bis 1972 abschließen konnte.

In der Öffentlichkeit blieb Jürgen Kuczynski weiter präsent, und zwar in Ost und West. Internationales Ansehen hatten das von ihm geleitete Institut für Wirtschaftsgeschichte an der Akademie der Wissenschaften und dessen Jahrbuch, 1964 trat er im Frankfurter Auschwitz-Prozess als Gutachter der Nebenklage auf und belegte das Zusammenspiel zwischen der IG Farben und der SS.

Seine »Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus« war nicht das einzige mehrbändige Werk, das er geschrieben hat. Sehr populär waren die zunächst fünf, dann sechs Bände seiner »Geschichte des Alltags des deutschen Volkes«, die er in den 1970er und frühen 1980er Jahren veröffentlichte.

Nach dem Ende der DDR, erhielt er einen Brief aus Hamburg, über den er sehr bestürzt war. Absenderin war die Kriminalschriftstellerin Doris Gercke. Sie fragte ihn, weshalb in seiner »Geschichte des Alltags des deutschen Volkes«, die ja bis 1945 reicht, die Juden nicht vorkommen. Jürgen Kuczynski antwortete niedergeschmettert und notierte diese Entdeckung in sein Tagebuch.

Antisemitismus als blinder Fleck

Wie konnte das geschehen? Jürgen Kuczynski hatte ja durchaus eigene Erfahrungen mit dem Antisemitismus gemacht. Als Student in Erlangen Anfang der 1920er Jahre wagte er sich manchmal längere Zeit nicht aus dem Haus, weil er in der Öffentlichkeit wegen seines angeblich »jüdischen Aussehens« ständig angepöbelt wurde. Aus dem gleichen Grund war Mitte der 1930er Jahre kein Weiterarbeiten im Widerstand in Berlin mehr möglich gewesen: Seine Partnerinnen und Partner bei Treffs waren gefährdet, wenn sie mit einem Mann gesehen wurden, dessen Äußeres den Vorurteilen über vorgeblich jüdische Gesichtszüge entgegenzukommen schien. Und es war doch eine antisemitische Welle gewesen, die ihn 1950 sein Amt als Präsident der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft gekostet hatte. Denkbar ist, dass schon vorher die Aussicht Wirtschaftsminister der DDR zu werden, an einer solchen Intervention scheiterte.

Dennoch kommt der Antisemitismus in »Geschichte des Alltags des deutschen Volkes« nicht vor. Es war kein Einzelfall. Auch andere marxistische Intellektuelle seiner und der vorangegangenen Generation haben den Antisemitismus, gerade wenn er sie selbst oder ihre Familien betraf, ignoriert oder verdrängt. Als Stalin in den 1930er Jahren die Bekämpfung Leo Trotzkis auch noch antisemitisch einfärbte, hat sich dieser lange Zeit geweigert, darauf einzugehen, es war ihm einfach zu ekelhaft.

Was da in Deutschland nach 1933, vor allem aber ab 1941 geschah, widersprach der von der Aufklärung geprägten rationalistischen und letztlich optimistischen Haltung des Marxismus. Klassisch war sie in einer Antwort zum Ausdruck gekommen, die 1890 Friedrich Engels Isidor Ehrenfreund, einem jüdischen Briefpartner in Wien, gegeben hatte. Dieser hatte ihn nach dem Antisemitismus gefragt, und Engels antwortete ihm, der sei ein Relikt vergangener und zurückgebliebener Zeiten: noch stark in den bäuerlichen Gesellschaften Osteuropas, aber verschwindend in modernen Industriegesellschaften. Heute kann man dazu nur noch sagen: Welch ein Irrtum! Aber Optimismus und Rationalität sperrten sich auch noch nach 1933 gegen das, was nicht nur aller Humanität widersprach, sondern sogar der schlimmsten Zweckrationalität zu widersprechen schien.

Eine zweite Katastrophe des 20. Jahrhunderts hatte Jürgen Kuczynski durchaus im Blick: den Stalinismus. Ein Teilaspekt war das Schicksal deutscher Kommunistinnen und Kommunisten, die in der Sowjetunion ermordet oder in Lager gesperrt wurden. Überlebende kamen erst in den 1950er Jahren in die DDR und sahen sich zu öffentlichem Schweigen verpflichtet. Zu ihnen gehörte sein Schwager Rudolf Hamburger.

Unter den Bedingungen der DDR war es schwierig bis unmöglich, darüber zu reden oder zu schreiben. Jürgen Kuczynski hat es dennoch versucht: in seinem Buch »Dialog mit meinem Urenkel«, abgeschlossen 1977, veröffentlicht 1983. Hier schrieb er über die Zeit der Stalin-Herrschaft und war auch bereit zur Selbstkritik. Ein Sohn des Parteiveteranen Hermann Duncker war 1938 in der Sowjetunion verhaftet worden und 1942 im Lager in Workuta umgekommen. Sein Vater war in Großbritannien in der Emigration, wie Jürgen Kuczynski. In seinem Buch »Dialog mit meinem Urenkel« berichtete Kuczynski, er habe ihn nach der Verhaftung trösten wollen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die sowjetische Justiz keinen Irrtum begehen werde. Dafür schäme er sich heute.

Das war weniger, als er sagen wollte, aber das Äußerste, was damals in der DDR möglich war. Wie schwer das war und wie sehr er da einen Nerv traf, zeigte sich am Schicksal des Buchs. Sechs Jahre lang konnte es nicht erscheinen. Schließlich erreichte Kuczynski durch eine Intervention beim Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker die Freigabe, aber auch dies erst, nachdem er einige Streichungen und Änderungen hingenommen hatte. Den ursprünglichen Text konnte er erst in den 1990er Jahren herausbringen. Die Fassung von 1983 wurde ein Bestseller, viele haben ihn als eine Art intellektueller Befreiung empfunden.

Gute Sache mit tausend Fehlern

Ich selbst kannte Jürgen Kuczynski erst seit 1980 persönlich. Aus seinen Äußerungen bei den Besuchen in Marburg ließ sich manches über Wandlungen in der DDR und in seiner Haltung zu ihnen erfahren. 1983 führten wir in seinem Haus in Berlin-Weißensee ein Interview mit ihm. Gleich zu Anfang sagte er, in seiner Jugend sei er sicher gewesen, dass der Sozialismus zwangsläufig kommen werde. Heute wisse er, dass dies lediglich ein Glaube gewesen sei. An dessen Stelle sei nun lediglich Hoffnung getreten, eine wissenschaftlich errechenbare Unvermeidlichkeit gebe es nicht.

Ab 1985 setzte er große Erwartungen in die Politik Michail Gorbatschows. Wenn er in dieser Zeit nach Marburg kam, konnte es geschehen, dass er vorab darum bat, die deutsche Ausgabe einer sowjetischen Zeitschrift zu besorgen, die wieder einmal nicht in der DDR ausgeliefert worden war. Im Juni 1989 stellte er in Marburg sein Buch »1903. Ein normales Jahr im imperialistischen Deutschland« vor – über das letzte Jahr vor seiner Geburt. Das war originell und ließ schließen, dass er nebenbei zeigen wollte, wie ein Lebenskreis sich schloss. Ebenfalls 1989, gleichsam zu seinem 85. Geburtstag, veröffentlichte er das Buch »Alte Gelehrte« – eine Lobpreisung des Alters. Alles sah nach einem goldenen Lebensabend aus.

Allein die Verhältnisse, sie waren nicht so. Während er in Marburg war, wurde der Tiananmen-Platz in Peking geräumt. Kuczynski war kaum vom Radio wegzubekommen. In der Universität hielt er auch einen Vortrag über die wirtschaftliche Lage in der DDR. Ich sehe und höre ihn noch auf dem Podium im Hörsaal sitzen und sagen: »So kann es nicht weitergehen.«

Im »Dialog mit meinem Urenkel« hatte er 1977 zu wissen gemeint, was die DDR war: eine im ganzen gute Sache mit tausend Fehlern. 1996, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte er einen Nachfolgeband: »Fortgesetzter Dialog mit meinem Urenkel«. Hier kam er zu dem Ergebnis, die DDR sei ein missglückter Staat mit tausend großen Leistungen im kleinen gewesen. Sich selbst warf er Blindheit vor. In seiner Auseinandersetzung mit dem Sozialismus ist er, so scheint mir, nicht mehr fertiggeworden. Man könnte auch sagen: Das war ja nicht sein wissenschaftliches Spezialgebiet. Im Institut für Wirtschaftsgeschichte hatte er den Kapitalismus bearbeitet, für die sozialistische Wirtschaft waren andere zuständig gewesen und hatten gute Arbeit geleistet, vor allem sein 36 Jahre jüngerer Kollege Jörg Roesler.

Jürgen Kuczynski aber wurde wieder, was er am Anfang der 1930er Jahre gewesen war: ein scharf analysierender Zeitgenosse des aktuellen Kapitalismus und ein politischer Journalist. Er war sich nicht zu fein, auch für kleinste sozialistische Blätter, wie sie teils – arg geschrumpft – weiter bestanden, teils neu gegründet wurden, zu schreiben.

Zum letzten Mal hat er Marburg 1992 besucht. Thema seines Vortrags war die Wirtschaftsentwicklung in Ostdeutschland. Für einige besonders groteske Beispiele von Deindustrialisierung und Abwicklung hatte er einen Ausruf parat, der in jenen Jahren bei ihm häufig wurde: »Sagenhaft«. Nach dem Vortrag sagte er zu mir: »Das ist eine interessante Zeit. Viel zu aufregend zum Sterben.« Als er dann fünf Jahre später, am 6. August 1997, starb, lagen auf seinem Schreibtisch drei fertig geschriebene Artikel bereit, von drei verschiedenen sozialistischen Blättern bestellt und ihnen zugesagt. Sie mussten nur noch in Umschläge gesteckt und versandt werden.

Marguerite Kuczynski starb am 15. Januar 1998. Es blieb das eher unscheinbare, grau verputzte, gemietete Haus in Berlin-Weißensee, Parkstraße 95, mit der riesigen Bibliothek. Heute ist sie ein Kleinod in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. 1976 hatten Marguerite und Jürgen Kuczynski den René-Kuczynski-Preis für hervorragende Arbeiten auf dem Gebiet der internationalen Wirtschafts- und Sozialgeschichte gestiftet. Seit 1996 wird er wieder verliehen. Über das Leben des Namensgebers und der Stiftenden hinaus soll so dazu beigetragen werden, dass ihr Werk fortgesetzt wird.

Studium der Volksmassen

Was ist das für ein Werk? Ich zitiere Heinrich Heine, »Deutschland. Ein Wintermärchen« von 1844, sechzig Jahre vor Jürgen Kuczynski. Dort heißt es:

»Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.«

Und weiter:

»Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.«

Das Volk, der große Lümmel: Heinrich Heine hat ihn gefürchtet, denn er kannte ihn nicht. Gemeint waren unberechenbare Volksmassen.

Friedrich Engels aus Barmen und Jürgen Kuczynski aus Elberfeld haben diese Volksmassen nicht gefürchtet, sie haben sie studiert. Sie hätten die gegenwärtig gängige Politikerphrase unzureichend gefunden, man müsse ihm eben nur zuhören, dem Volk, das man mittlerweile den »besorgten Bürger« nennt, denn es geht um Stimmen. Was wird es wohl sagen, wenn man nur zuhört und vielleicht doch wieder nicht richtig hinhört? Wahrscheinlich auch nur das, was man auch so schon wissen könnte, nämlich »Ich bin das Volk«. Die beiden Sozialisten aus dem Wuppertal wollten wissen, warum das Volk so ist, wie es ist, wie seine Lage ist und wie sie zu ändern ist. Also: Fortsetzung der Geschichte der Lage der arbeitenden Menschen unter dem Kapitalismus. Für Jürgen Kuczynski war das kein Selbstzweck. Die Geschichte der arbeitenden Menschen unter dem Kapitalismus sollte für diesen sozialistischen Wissenschaftler nicht in alle Ewigkeit unter dem Kapitalismus fortgesetzt werden, sondern über diesen hinaus. Dass er das nach 1989 nicht mehr erleben werde, wusste er, aber er hat nicht aufgehört, darauf zu hoffen. Sonst hätte er, dieser schreibfreudige Mann, vielleicht keine einzige Zeile geschrieben.

Georg Fülberth schrieb an dieser Stelle zuletzt am 14. Oktober 2017 über den »Deutschen Herbst«.


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