Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

Die Gutankommer, damals

Neues Altes von den Puhdys: Das Sammlerstück »Moskau ’77« ist auf CD erschienen

Von Thomas Behlert
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Das unkaputtbare Quintett der Klopfer und Holzbohrer, als 2016 einen »Echo« fürs Lebenswerk spendiert bekommen hat

Die 2016 offiziell aufgelösten Puhdys sind wie ein Lindwurm: Schlägt man ihm einen Kopf ab, wachsen gleich zwei neue, noch gefährlichere Köpfe nach. Und so gibt es vom Puhdys-Personal Soloplatten und -konzerte, Buchveröffentlichungen, Nachwuchsförderung und nun auch das »Moskau ’77«-Album, das einstmals die sowjetische Plattenfirma Melodija ihren Rock’n’ Roll-Liebhabern um die Ohren hieb.

Laut beigelegtem Waschzettel sollen die Originalaufnahmen »trotz ihres Alters eine hohe Klangqualität, Reinheit und Perfektion aufweisen. Dies ist dadurch zu erklären, dass das Melodiya Studio vermutlich (sic!) über eine sehr gute Aufnahmetechnik verfügte.« Hm, die Aufnahmetechnik könnte gut gewesen sein, aber die Pressung des Vinyls ist dagegen unter aller Kanone. Erinnern kann ich mich nämlich noch an sowjetische Schallplatten der Doors, der Rolling Stones und von Stevie Wonder, die ich während einer Freundschaftsreise kaufte, aufgeregt durch mehrere Zollkontrollen schleuste und schließlich mit Freunden in der Heimat anhörte, dann weiter verborgte und wieder abspielte. Diese Aufnahmen klangen ziemlich blechern, basslos, irgendwie knarzig und nach Jahren nur noch kratzig und ziemlich vertrutzelt. Nun also acht Lieder vom Vokal- & Instrumental-Ensemble Puhdys. So herrlich direkt benannt von den Genossen der staatlichen Plattenfirma Melodija.

Im Mai des Jahres 1977 tourte die Band durch die große UdSSR, durch Turkmenien, Tadshikistan, Kirgisien und Kasachstan, wo sie eigene Konzerte gaben, aber auch schon mal den im Ausland unbekannten Sänger Siegfried Walendy begleiteten. Da den Russen in Sachen Rockmusik nie viel geboten wurde, kamen DDR-Bands gut an. Auch freute man sich über die Russischkenntnisse der Puhdys und ließ sie auch gleich ein Album für den sowjetischen Markt aufnehmen. Die Zeit war knapp, die russischen Techniker beherrschten, laut Dieter Birrs Autobiographie, die Mehrspurtechnik nicht. Alle Musiker rannten von Mikrophon zu Mikrophon, spielten ihre Instrumente, sangen gehetzt und nahmen am Ende doch fertige Rundfunkaufnahmen, klimperten noch etwas dazu, damit die Übereinstimmung nicht so auffiel, denn rechtlich gab es da Probleme.

Nun also liegt dieses Album, das es bisher nur als Langspielplatte gab und unter Puhdys-Fans schon verdammt hoch gehandelt wurde, aber nicht in Rubel, als CD vor. Bei diesem 1977er Werk sind noch dabei: am Schlagzeug Gunther Wosylus, der das Kollektiv zwei Jahre später in Richtung Heimstudio verließ, und natürlich Harry Jeske, der 1996 aus gesundheitlichen Gründen den Bass an den Nagel hängen musste. Jeske war übrigens der Musiker, dessen Bühnenshow aus einem Standbeinwechsel bestand.

Acht Songs gönnte man den Russen, eine Art Hitauskoppelung mit den Titelsongs von den Alben »Perlenfischer« und »Sturmvogel«. Ziemlich einfacher Geradeausrock, der schnell nervt. Neben weiteren Klopfern und Holzbohrern, wie »Langstreckenlauf« und »Ikarus«, gibt es von den Trägern des DDR-Nationalpreises II. Klasse das eigenartige »Manchmal im Schlaf«. Komponiert von Dieter Birr und getextet von Wolfgang Tilgner, ist das der interessanteste Song, den das Quintett jemals geschaffen hat. Langsam und gediegen beginnt er sich durch die Zeit zu ziehen. Peter Meyers Synthesizer zaubert Töne, die an längst vergangene Hippie-Zeiten erinnern, verwegen in Krautrockgefilde übergehen, um schließlich als Tonmonument im Sumpfrock zu enden.

Puhdys: »Moskau ’77« (Melodija/Melamoud Records)


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  • Jürgen Claußner: Platten kein Problem Thomas Behlert schreibt (…), dass er sowjetische Schallplatten (Firma Melodija) mit den Doors, Rolling Stones u. a. »aufgeregt durch mehrere Zollkontrollen schleuste«. Was soll das? Auch ich kaufte mi...

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