Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

Auf Seelensuche

»Aus dem Nichts« von Fatih Akin ist ein grotesker Film, aber keine politische Aufklärung über Naziterror

Von Peer Schmitt
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»Aus dem Nichts« ist auch ein Gerichtsfilm der zähesten Sorte

Mit das einzige, zu dem der überschätzte Filmemacher Fatih Akin in der Lage zu sein scheint, ist, ein lokales Hamburger Kleinbürgermilieu (sehr häufig deutsch-türkisch) halbwegs glaubwürdig darzustellen. Dieses spezielle Hamburger Ding ist seine Basis. Nun beschränkt sich Akin aber keineswegs darauf, Fördergelder abzugrasen, um bescheidene Hamburger Küchensoaps zu drehen. Er sehnt sich auch nach der großen Geste, der universellen Tragödie, womöglich gar nach verbindlichen Botschaften. Seine Filme sind entsprechende Katastrophen als Folge der Hybris eines Posers, Katastrophen wie sein neuer Film »Aus dem Nichts«, der dieses Jahr bei den Festspielen in Cannes Premiere feierte. Die Hauptdarstellerin Diane Krüger wurde dort als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

In diesem Film wird einiges angestrengt: Tränen und politischer Terrorismus, ein halbwegs aktueller konkreter gesellschaftlicher Hintergrund (der NSU-Prozess in München und dabei insbesondere die Geschichte einer der Nebenklägerinnen: Elif Kubasik, die Witwe des 2006 in Dortmund erschossenen Mehmet Kubasik), schließlich die Seele, das Meer und Griechenland. Und eine Rachephantasie von sozusagen Medea-mäßigem Ausmaß.

Im Grunde besteht »Aus dem Nichts« aus drei Filmen, unterteilt in drei programmatisch betitelte Kapitel: 1. »Die Familie«, 2. »Gerechtigkeit« und 3. »Das Meer«. Das erste Kapitel ist größtenteils dem eingangs erwähnten »Hamburger Ding« gewidmet. Katja (Diane Krüger) ist mit Nuri (Numan Acar) verheiratet, eine deutsch-kurdische Beziehung. Katja bringt den gemeinsamen kleinen Sohn an den Arbeitsplatz ihres Ehemanns, eine Art Reisebüro, um danach einen Wellnessnachmittag zu verbringen. Dabei geht es auffällig elaboriert um weibliche Körperbilder – Sex, Schwangerschaft, Tätowierungen, Monatsblutungen, Reinigung im Dampfbad. All das wird, einmal in Fluss gebracht, ziemlich unangenehm symbolisch überhöht im dritten Kapitel motivisch wiederaufgenommen. Fast scheint es so, als wolle Akin eine Art ursprüngliches weibliches »Naturrecht« mit Flüssigkeiten illustrieren (das Meer und das Blut).

Auf dem Weg zum Dampfbad fällt Katja auf der Straße vor dem Büro eine junge Frau auf, die vor dem Laden ihres Mannes ein Fahrrad mit Koffertasche zurücklässt. Darin befindet sich die Bombe, und die junge Frau ist die mutmaßliche Attentäterin. Katjas Ehemann und ihr Sohn werden bei dem Anschlag getötet. Die Hamburger Kriminalpolizei vermutet zunächst einen Racheakt aus Kreisen des organisierten Verbrechens (der Ehemann war wegen Drogenhandls vorbestraft). Katjas Intuition aber sagt: »Das waren Nazis.« Sie soll recht behalten. Das – seltsam abstrakt bleibende – Nazitum ist das Politische an diesem ansonsten betont zufälligen terroristischen Akt. Keinerlei Verbindung zwischen Opfern und Tätern, keinerlei Motiv außer einem abstrakten, nichtsdestotrotz mörderischem Rassismus. In der Tat ist ja die »Wahllosigkeit« des Zieles ein wiederkehrendes Merkmal diverser terroristischer Akte der letzten Monate gewesen.

Das zweite Kapitel ist im Grunde ein reiner Gerichtsfilm. Und zwar der zähesten und – sofern man die deutsche Prozessordnung als die Grundlage eines möglichen Realismus ansähe – auch stellenweise groteskesten Sorte. Der Gerichtsfilm ist ja eine immens »amerikanische« Angelegenheit. Grob gesagt, gibt es zwei grundsätzliche Stoßrichtungen. Zum einen die Fortsetzung des Kriminalfilms: die Tatsachen der Ermittlung, das »whodunnit«? Zum anderen das grundsätzliche Plädoyer – der Diskurs, wenn man so will, der nicht selten auf irgendeine Art sozialen Ausgleich hinausläuft, auf eine moralische Instanz und die Macht ihrer Rhetorik. Diese »amerikanischen« Mittel können Akin freilich nicht in volllem Umfang zur Verfügung stehen. Er versucht dennoch, sie einzusetzen. Der resultierende Effekt ist eine unfreiwillige Verfremdung. Dieser Prozess ist nicht von dieser Welt. Konsequenterweise endet er auch mit einem Freispruch für die Naziattentäter. Griechische Nazis haben ihre deutschen Geistesverwandten mit einem falschen Urlaubsalibi ausgestattet.

Und das führt zu dem endgültig grotesken Abschlusskapitel des Films. Denn »das Meer« ist ein mythologisch griechisches Meer, in das Diane Krügers suizidales Rache-Acting-out gleichsam blutig eintaucht. Vorher hat sie sich in einer Gärtnerei noch nebenbei Kunstdünger gekauft, um mal so eben nach Vorbild der Naziattentäter einen kleinen Sprengsatz zu basteln. Das geht bekanntlich so kinderleicht, wie eine Urlaubspostkarte der Seelensuche zu schreiben. Die Ladung geht hoch, die Seelensuche ist vollendet. Klingt grotesk und ist es auch.

»Aus dem Nichts«, Regie: Fatih Akin, Deutschland 2017, 106 min, bereits angelaufen


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