Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Der Anti-Superheld

In der Serie »The Punisher« befindet sich ein traumatisierter Afghanistan-Veteran auf einem faschistoiden Rachefeldzug gegen das Verbrechen

Von Felix Bardorf
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Mehr Wut als Skrupel: Die Antiheld gewordene Gewaltphantasie der Punisher (Jon Bernthal) macht sich auf zum ­apokalyptischen Schlachten

Die aktuellen Serien über Marvels Superheldenwelt haben eines gemeinsam: Stets hadern ihre Protagonisten mit ihrer Heldenrolle. Was richtig oder falsch ist, ist nicht immer offensichtlich. Zum Beispiel setzt der Daredevil bei einem Einbruch nicht etwa die Einbrecher außer Gefecht, sondern die Eigentümer des Geschäfts, die mit Schusswaffen ihr Eigentum verteidigen wollen – und rettet damit den »Verbrechern« das Leben. Und Luke Cage und Iron Fist geraten in einen Konflikt, weil letzterer einen kleinkriminellen Schwarzen aus Cages Viertel den Behörden ausliefert, statt sich auf die gefährlicheren Hintermänner zu konzentrieren.

»The Punisher« stellt den radikalsten Bruch mit der klassischen Superheldenerzählung dar. Frank Castle, der Punisher, ist der geradezu prototypische Antiheld. Die Serie setzt nach der zweiten Staffel von »Daredevil« ein, in welcher Frank Castle, schon hier gespielt von Jon Bernthal, seinen ersten Auftritt hatte. Frank war Soldat in Afghanistan. Nach der Rückkehr aus dem Einsatz wurde seine gesamte Familie ermordet. Getrieben von Hass macht er nun Jagd auf die Täter – und keine Gefangenen. In der Serie ist seine Verzweiflung und Aggression ungebrochen. Der abtrünnige NSA-Analytiker David Liebermann wird sein Sidekick in einer Story um eine Verschwörung und die Verstrickung des US-Militärs in Heroinhandel, Killerkommandos und Kriegsverbrechen. Frank scheut sich nicht, die Mittel seiner Feinde anzuwenden und sagt von sich selbst: »Ich liebte es, ein Marine zu sein«. Er war manchmal lieber in »Blut und Scheiße« als bei seinen Kindern. Frank verkörpert eine militärische Maskulinität, er ist eine muskelbepackte Tötungsmaschine. Seine Gewalt ist nie völlig ungerichtet, doch geleitet vom Wunsch nach Rache.

Auch in den Marvel-Comics war der Punisher eine ambivalente Persönlichkeit, die oft anderen Superhelden wie Spiderman entgegengestellt wurde, die seine Mordbereitschaft ablehnten und ihn deswegen bekämpften. So trifft er in einem Marvel-DC-Crossover-Comic von 1994 auf Batman. Schon im einleitenden Text wird der Unterschied zwischen beiden benannt: Für den Punisher lässt sich Verbrechen dadurch bekämpfen, dass »der Übeltäter umgelegt wird«. Leider bleibt auch die Serie meist diesem stumpfen Muster verhaftet und problematisiert ihre faschistoide Hauptfigur nur unzureichend. Pikant ist auch, dass ein Senator, der sich für schärfere Waffengesetze einsetzt, als Heuchler und Feigling porträtiert wird. Der Krieg in Afghanistan dient hauptsächlich als grob gezeichneter Hintergrund für die Traumata der US-Veteranen.

In der Welt des Punishers herrscht ein dystopischer Realismus: Er verfügt über keine Superkräfte, keine ausgefallenen Gadgets – nur über Knarren, Messer und Fäuste. Frank Castle ist unfähig, sich abseits des Schlachtfelds ein Leben aufzubauen. Ähnlich wie der Vietnam-Veteran Rambo aus dem ersten gleichnamigen Film oder Robert De Niros ehemaliger US-Marine Travis Bickle aus »Taxi Driver«, der nurmehr den »Dreck von der Straße spülen« möchte. Frank ist genauso in sich selbst gefangen, auch körperlich verhärtet und getrieben von mörderischer Wut. Diese Wut bekommt immer wieder selbstzerstörerische Tendenzen oder, wie es sein Freund Curtis ausdrückt, der eine Selbsthilfegruppe für Kriegsveteranen leitet: »Der einzige Mensch, den du noch bestrafst, bist du selbst«. Am Ende steht ein Eingeständnis Franks, das wenigstens etwas mit dem stumpfen Nihilismus der Serie bricht: »Zum ersten Mal seit Ewigkeiten habe ich keinen Krieg mehr, den ich führen kann. Ich schätze, wenn ich ehrlich bin, habe ich Angst.«

»The Punisher«, bei Netflix


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