Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Die Bosse Demut lehren

Proteste bei Siemens und Thyssen-Krupp

Von Daniel Behruzi
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Siemens-Beschäftigte demonstrierten am Donnerstag in Berlin

Am Donnerstag demonstrierten 8.000 Stahlkocher im rheinland-pfälzischen Andernach, 2.500 Siemens-Beschäftigte in Berlin. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann spricht in der Süddeutschen Zeitung davon, seine Gewerkschaft werde bei Siemens »Krawall machen«. All das ist noch längst kein »heißer Herbst«, mit dem Gewerkschaften alle paar Jahre drohen. Dennoch: Es liegt ein Hauch von Klassenkampf in der Luft – befeuert durch eine neue Gangart der Konzerne.

Statt Rücksichtnahme und geduldigem Einbinden von Gewerkschaften und Betriebsräten setzt das Kapital derzeit auf Konfrontation. Bei Siemens mussten die Belegschaftsvertreter von den neuesten Kürzungsplänen – denen weltweit fast 7.000 Jobs zum Opfer fallen sollen – aus der Presse erfahren. Obwohl seit 2010 ein unbefristetes Abkommen zur Standort- und Beschäftigungssicherung gilt, sollen gleich mehrere Fabriken dichtgemacht werden. Betriebsbedingte Kündigungen sind explizit nicht ausgeschlossen.

Bei Thyssen-Krupp ignoriert die Konzernspitze seit Monaten die Vorbehalte der Betriebsräte und Gewerkschaften gegenüber der geplanten Fusion mit dem indischen Konkurrenten Tata. Diese habe »absolute Priorität«, bekräftigte Thyssen-Krupp-Boss Heinrich Hiesinger am Donnerstag in Essen. Zugleich präsentierte er Zahlen, die dokumentieren: Es geht nicht um die Rettung eines schwächelnden Unternehmens, sondern um die Maximierung von Profiten auf Teufel komm raus. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern stieg um fast ein Drittel auf 1,9 Milliarden Euro, die Auftragsbücher sind mit einem Volumen von insgesamt 44,3 Milliarden Euro prall gefüllt.

Bei den Beschäftigten – nicht nur den 2.000 Stahlkochern, deren Stellen gestrichen werden sollen – sollte das einen Bewusstseinsschub auslösen. Gleiches gilt für die Rekordgewinne bei Siemens, die den Technologiekonzern nicht von seinen Kürzungsplänen abhalten. So ist es auch anderswo. Die Gewinne der Firmen legen auch im Boom deutlich schneller zu als die Nettolöhne, was den Linke-Vorsitzenden Bernd Riexinger am Donnerstag zu der Feststellung veranlasste, von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung profitierten wieder einmal vor allem Unternehmer und Großaktionäre. Die Wirtschaftsberater von Ernst & Young bestätigen das mit einer zeitgleich veröffentlichten Studie, die den 30 Dax-Konzernen für 2017 erneut Bestmarken bei Umsatz und Gewinnen prophezeit.

Die Unternehmer führen den Klassenkampf von oben – das ist nichts Neues. Neu ist allenfalls ihre Dreistigkeit und die Bereitschaft, die traditionellen »Sozialpartner« offen zu düpieren. Auch bei diesen ändert sich die Tonlage, immerhin. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob die Gewerkschaftsspitze tatsächlich in den Konfliktmodus wechselt. Ernsthaftere Streiks, zum Beispiel während der Metall-Tarifrunde, könnten angesichts brummender Fabriken enormen Druck aufbauen. Und sie könnten den Konzernchefs, die gerade offenbar Oberwasser haben, etwas Demut lehren.

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