Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 1 / Titel

Hauptsache Profit

Thyssen-Krupp-Konzern hält an Fusion mit Tata Steel fest. Obwohl Stahlsparte Gewinne abwirft, sollen Arbeitsplätze vernichtet werden

Von Simon Zeise
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Die Konzernchefs haben nur das schnelle Geld im Blick (IG-Metall-Kundgebung im rheinland-pfälzischen Andernach, 23. November)

Die Bosse wollen ihr Tafelsilber verscherbeln. Der Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp, Heinrich Hiesinger, hat angekündigt, die Stahlsparte des Konzerns im kommenden Jahr in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Tata Steel abschieben zu wollen – obwohl die Branche Profite einbringt. Das erklärte er am Donnerstag auf der Jahresvollversammlung des Konzerns in Essen. Schon jetzt sollen 2.000 Arbeitsplätze gestrichen werden, nach der Fusion könnten zahlreiche dazukommen. Die Beschäftigten befürchten, dass die Konzernzentrale künftig in die Niederlande verlegt werden könnte. Die Mitbestimmung der Gewerkschaften in Deutschland wäre dahin.

Hiesinger sagte, natürlich freue er sich über das derzeit »positive Marktumfeld« für die Stahlbranche von Thyssen-Krupp, deren Gewinne im laufenden Geschäftsjahr um ein Drittel auf 500 Millionen Euro gestiegen seien, »aber davon lassen wir uns nicht blenden«. Durch den Zusammenschluss mit Tata wollen die Konzernchefs weitere 400 bis 600 Millionen Euro sparen. Er sei »zuversichtlich, dass wir im Dialog mit den Arbeitnehmervertretern eine gute Lösung finden werden«.

Die Gewerkschaft hielt dagegen. Am Morgen stellte die IG Metall in Duisburg einen Zehnpunkteplan vor, in dem unter anderem eine Standortgarantie für alle Thyssen-Krupp-Stahlwerke in Deutschland gefordert wird, mit einer Mindestlaufzeit von zehn Jahren. Im Anschluss fuhren 65 Busse aus den nordrhein-westfälischen Hütten vor die Fabriktore der Thyssen-Krupp-Tochter Rasselstein im rheinland-pfälzischen Andernach.

Rund 8.000 Stahlarbeiter protestierten dort gegen die Pläne des Vorstands. Viele von ihnen trugen Transparente, auf denen Hiesinger mit Pinocchio-Nase zu sehen war. Die IG Metall kritisierte, dass sich die Konzernspitze auch nach mehrfacher Aufforderung beharrlich weigere, die vielen offenen Fragen zum geplanten Joint Venture zu beantworten und die Beschäftigten über Folgen und Zukunftskonzepte zu informieren. Jörg Köhlinger, Bezirksleiter des IG-Metall-Bezirks Mitte, erklärte: »Bisher wurden die Beschäftigten, die Betriebsräte und die IG Metall über die Verhandlungen weder informiert noch einbezogen.« Dies sei schlechter Stil und werde von der IG Metall keinesfalls toleriert. »Die Leistung der Mitarbeiter, die Standorte und die Arbeitsplätze, die für die Regionen von zentraler Bedeutung sind, dürfen nicht für ein hochriskantes Geschäft, das hinter verschlossenen Türen stattfindet, über Bord geworfen werden.« Markus Grolms, der für die Gewerkschaft im Aufsichtsrat sitzt, hatte am Dienstag erklärt, eine Einigung mit der Konzernspitze im Januar sei unwahrscheinlich. »Wir sind notfalls bereit, das Ding auch vor die Wand zu fahren.« Der Vorstand müsse das endlich begreifen, aber er habe es auch in der Hand, das zu verhindern.

Der ehemalige Vorsitzende der IG Metall und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei Thyssen-Krupp Steel Europe, Detlef Wetzel, betonte, Thyssen und Tata hätten vieles vereinbart, »nur für die Menschen ist nichts, aber auch gar nichts geregelt«. Das sei unfassbar, aber wahr. »Wenn wir von Sicherheit reden, dann meinen wir nicht Sicherheit für einen Augenblick. Wir wollen Sicherheit für einen langen Zeitraum, und wir fordern, dass Thyssen-Krupp uns das garantiert.«

Thyssen-Krupp hat sich mit Tata bereits auf eine Grundsatzeinigung verständigt, die unter anderem vorsieht, dass der Konzern aus Indien das Joint Venture oder den europäischen Markt mit bis zu 2,5 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr beliefern soll. »Das ist sehr ungewöhnlich und beunruhigt uns enorm«, betonte Wetzel.

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