Aus: Ausgabe vom 23.11.2017, Seite 12 / Thema

Am Wendepunkt

Vor 75 Jahren startete die Rote Armee in Stalingrad die »Operation Uranus«. Sie führte zur Einkesselung der deutschen Truppen in der Stadt an der Wolga

Von Geoffrey Roberts
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Erbitterte Verteidigung Stalingrads. »Jeder Schützengraben, jeder Bunker, jedes Schützenloch und jede Ruine ­verwandelte sich in eine Festung« (Wassili Grossman). Sowjetische Granatwerferbedienung in einem umkämpften Wohnblock

Vor 75 Jahren begann die Rote Armee unter der Bezeichnung »Operation Uranus« mit ihrer Gegenoffensive gegen deutsche Truppen, mit denen sie seit dem Sommer 1942 in Stalingrad in schwerste Kämpfe verwickelt war. Die Offensive führte zur Einschließung von 330.000 Soldaten der Achsenmächte im Kessel von Stalingrad und gilt als einer der Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs. Aus Anlass des Jahrestages veröffentlichen wir an dieser Stelle, übersetzt und minimal gekürzt, einen Beitrag des irischen Historikers Geoffrey Roberts, der im Februar 2013 in der bürgerlich-liberalen Tageszeitung Irish Examiner erschienen war. Autor und Zeitung danken wir für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Keine Schlacht des Zweiten Weltkriegs hat die Vorstellungskraft der Öffentlichkeit so nachhaltig beschäftigt wie der militärische Zusammenstoß zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion in Stalingrad. Seit 75 Jahren wird die Geschichte des Kampfs um »Stalins Stadt« an der Wolga wieder und wieder erzählt. Warum? Weil Stalingrad ein epischer Kampf war, der von keinem anderen in seinen Ausmaßen, seiner Dramatik und Bedeutung übertroffen wurde.

Schon zur damaligen Zeit war klar, dass Stalingrad ein bedeutendes Gefecht sein würde, das nicht nur über Erfolg oder Scheitern von Hitlers Überfall auf Russland entscheiden, sondern den Ausgang des gesamten Krieges bestimmen würde. Mit einem Sieg in Stalingrad hätte Hitler sowohl die notwendigen Ressourcen sichern als auch eine günstige Ausgangsposition erringen können, um einen langen Zermürbungskrieg gegen die Sowjetunion und einen weltweiten Krieg gegen Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika zu führen. Die deutsche Kapitulation in Stalingrad am 2. Februar 1943 war der Vorbote der kommenden Niederlage Hitlerdeutschlands im Zweiten Weltkrieg.

Auch Hitlers Verbündete, die »Achsenmächte« Italien, Ungarn und Rumänien, mussten in Stalingrad erhebliche Verluste hinnehmen und begannen danach, sich von Deutschland zu distanzieren, um einen Separatfrieden mit der Antihitlerkoalition zu schließen. In Italien trug die Niederlage zum Sturz des Diktators Benito Mussolini ein paar Monate später bei und führte dazu, dass Italien im Krieg die Seiten wechselte.

Während die deutsche Kampfmoral durch die Niederlage in Stalingrad einen irreparablen Schaden erlitt, befeuerte der sowjetische Sieg Widerstandsbewegungen in den von den Nazis besetzten Gebieten Europas, noch härter für die Befreiung ihrer Länder zu kämpfen. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten wurde die siegreiche Rote Armee als Retter der europäischen Zivilisation gefeiert.

Bis zum Sieg in Stalingrad hatten die Regierungen in London und Washington nur widerwillig mit den Sowjets über die Gestaltung der Nachkriegswelt verhandelt, weil sie zunächst abwarten wollten, wie sich der Krieg an der Ostfront entwickelte. Nach der Schlacht von Stalingrad war klar, dass die Sowjetunion bald in der Lage sein würde, eine vorherrschende Position in Europa einzunehmen. Premierminister Winston Churchill als Vertreter Großbritanniens und Präsident Franklin D. Roosevelt als Verhandlungsführer der USA hatten es nun eilig, Josef Stalin für eine große Friedensallianz zu gewinnen. Das Scheitern dieser großen Allianz führte in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu der angespannten Pattsituation des Kalten Krieges. Indes besteht die europäische und internationale Ordnung, die durch den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, in wesentlichen Aspekten bis heute fort. Ungeachtet des Scheiterns des Kommunismus wird der Sieg in Stalingrad beispielsweise im gegenwärtigen Russland weiterhin als Symbol für die beherrschende Rolle des eigenen Landes bei der siegreichen Beendigung des Zweiten Weltkriegs und für sein Ansehen als großer Weltmacht gefeiert.

Krieg um Ressourcen

Wenn wir zurückschauen, ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass die Schlacht um Stalingrad, wie es der Herzog von Wellington einst über Waterloo ausdrückte, in einem knappen Sieg endete. Die Kämpfe in und um die Stadt an der Wolga dauerten etwa 200 Tage, und die Stadt hätte bei vielen Gelegenheiten an die Deutschen fallen können. Der Verlust von »Stalins Stadt« wäre ein verheerender strategischer und psychologischer Schlag gegen die Sowjetunion gewesen.

Der verhängnisvolle Vormarsch von Hitlers Armeen auf Stalingrad war der Schlussakt des am Ende zum Scheitern verurteilten »Unternehmens Barbarossa«, Deutschlands »Blitzkriegsüberfall« auf die UdSSR am 22. Juni 1941. Zwischen Juni und Dezember jenes Jahres waren die deutschen Truppen tief in die Sowjetunion eingefallen, hatten Kiew erobert, waren bis nach Leningrad vorgedrungen und hatten schließlich auch die Außenbezirke Moskaus erreicht. Deutsche Panzerdivisionen rieben die Einheiten der Roten Armee auf und nahmen in ausgedehnten Einkesselungsaktionen Millionen von sowjetischen Soldaten gefangen.

Hitler schaffte es jedoch nicht, sein strategisches Ziel zu erreichen, die UdSSR in einer einzigen raschen Offensive zu besiegen. »Du musst nur die Tür eintreten, und die ganze verrottete Struktur wird zusammenbrechen«, hatte er vor dem Überfall gesagt. Die russische Verteidigung erwies sich in der Tat als zerbrechlich, aber das kommunistische System war widerstandsfähiger, als Hitler es für möglich gehalten hatte. Während Stalin die kommunistische Ideologie offiziell herunterspielte, scharte er die Bevölkerung um sich und mobilisierte seine Ressourcen, um die Vaterlandsverteidigung gegen die Naziinvasoren auf die Beine zu stellen. Dieser Widerstand stoppte den deutschen Vormarsch vor Moskau und verschaffte der Roten Armee vor allem Zeit, sich auf die nächste Phase des Krieges vorzubereiten.

Das »Unternehmen Barbarossa« war eine mehrgleisige, auf breiter Front angelegte Offensive, die zunächst bedeutende Gebietsgewinne zeitigte, Hitler jedoch hohe Kosten abverlangte, darunter mehr als eine Million Todesopfer und erhebliche Verluste an Ausrüstung. 1942 waren die Deutschen nicht mehr in der Lage, eine weitere breite Frontoffensive in Russland zu führen. Statt dessen mussten sie ihre Ressourcen auf eine einzige strategische Operation konzentrieren. Hitler war gleichzeitig in einen globalen Zermürbungskrieg mit den Alliierten verwickelt. Als Voraussetzung dafür, diesen Krieg weiterführen zu können, war es notwendig, die Kontrolle über die sowjetischen Wirtschaftsressourcen in der Ukraine und im Kaukasus zu übernehmen. Vor allem brauchte er die Ölfelder von Baku, die östlich des Kaukasus in der südlichen Sowjetunion lagen. Die Annexion dieser Felder sollte den Deutschen wesentliche Treibstoffvorräte sichern und die sowjetische Kriegswirtschaft lahmlegen.

Der deutsche Sommerfeldzug von 1942 war also im wesentlichen ein Krieg um Öl, der mit dem strategischen Ziel begonnen wurde, Baku, die Hauptstadt der Sowjetrepublik Aserbaidschan, einzunehmen. Auf dem Weg dorthin sollten die deutschen Truppen auch Stalingrad erobern. Die strategische Lage der Stadt an der Wolga sollte es ihnen ermöglichen, die Ölversorgung in Nordrussland zu blockieren und sich vor einem sowjetischen Gegenangriff zu schützen.

Der Vorstoß der deutschen Wehrmacht nach Süden, der dann im Juni 1942 begann, war zunächst ein großer Erfolg. »Der Russe ist erledigt«, rief ein hocherfreuter Hitler, als seine Armeen in Richtung Stalingrad und Baku vorrückten und Hunderttausende weitere sowjetische Gefangene machten. Ende August hatten die Deutschen Stalingrad erreicht und waren bereit, die Stadt im Sturm zu erobern. Der Angriff begann mit flächendeckenden Luftbombardements, die einen Großteil der Stadt in einen brennenden Scheiterhaufen verwandelten und Tausende Zivilisten töteten. Dann rückten deutsche Truppen durch die Stadt in Richtung Wolga vor, um die Kontrolle über das Flussufer zu übernehmen und die sowjetischen Verteidigungstruppen von Nachschublieferungen und Verstärkung abzuschneiden. Es war ein harter Kampf gewesen, bis Stalingrad vorzudringen, aber der Kommandeur der deutschen 6. Armee, General Friedrich Paulus, erwartete, die Stadt schnell und leicht einnehmen zu können. Mit der 100.000 Mann starken Truppe, die zu deren Übernahme eingesetzt wurde, übertrumpfte die deutsche Wehrmacht ihre sowjetischen Kontrahenten an Personal und Ausrüstung im Verhältnis zwei zu eins.

Kampf um jeden Fußbreit

Verteidigt wurde Stalingrad von der sowjetischen 62. Armee, die unter dem Befehl von General Wassili Iwanowitsch Tschuikow stand. Seine Männer (und auch viele Frauen) hatten in den Trümmern der Gebäude und Fabriken von Stalingrad befestigte Stützpunkte errichtet, von denen aus sie die Stadt verteidigten. Unter Tschuikows Führung verfolgte die 62. Armee eine hocheffektive Häuserkampfstrategie ein. »Jeder Schützengraben, jeder Bunker, jedes Schützenloch und jede Ruine verwandelte sich in eine Festung«, berichtete der sowjetische Schriftsteller Wassili Grossman über die Schlacht von Stalingrad, einen Kampf, »der nicht um einzelne Gebäude und Geschäfte geführt wurde, sondern um jede Treppenstufe, jede Ecke eines schmalen Korridors, jede einzelne Werkzeugmaschine und jeden Verbindungsgang zwischen ihnen«.

Auch die Deutschen kämpften mit äußerster Härte, waren aber durch ihren gescheiterten Versuch, die Stadt im Handstreich einzunehmen, demoralisiert. In aufgefundenen Tagebüchern bezeichnen deutsche Soldaten die sowjetischen Verteidiger als »Teufel«, die einfach nicht aufgeben wollten. Stalingrad war für die Deutschen ein alptraumhaftes Inferno aus Feuer, Rauch und Explosionen. Im November hatte die Armee von General Paulus 90 Prozent Stalingrads besetzt, aber Tschuikows Streitkräfte hatten sich in einem 25 Kilometer langen Streifen an den Ufern der Wolga verschanzt. Solange die 62. Armee diese Position halten konnte, stellte sie weiterhin eine Bedrohung für die deutsche Wehrmacht in der Stadt dar, weil die Rote Armee damit jederzeit über einen Brückenkopf für einen Entlastungsangriff oder eine Gegenoffensive frischer, von der anderen Flussseite übergesetzter Truppen verfügte.

Bei der Verteidigung Stalingrads verzeichnete Tschuikows Armee die unfassbar hohe Todesrate von 75 Prozent. Eine Division von 10.000 Soldaten – die unglückselige 13. Garde – ging aus der Schlacht mit nur 320 Überlebenden hervor. Unglaublich, aber viele Männer dieser Abteilung wurden ohne Munition in den Nahkampf geschickt. Im September und Oktober griffen die Deutschen unaufhörlich an, und die Verteidigung der Stadt durch die Rote Armee stand auf des Messers Schneide. Schon kleinere Zusammenbrüche der Verteidigungslinien konnten sich zu Katastrophen auswachsen, und schwindende Moral oder nachlassender Widerstandswillen hätten die rasche Zersetzung der Verteidigungsanstrengungen der Sowjets auslösen können.

Warum kämpften die sowjetischen Verteidiger unter derart schwierigen Bedingungen trotzdem so hart und so beharrlich? Es ist in Mode gekommen, den heldenhaften Kampf der sowjetischen Verteidiger von Stalingrad herunterzuspielen. Antony Beevor zum Beispiel widmet viele Seiten seines bekannten Buches über Stalingrad den Schilderungen der Zwänge, denen die sowjetischen Truppen ausgesetzt waren. Beevor erweckt den Eindruck, dass die Hauptgründe für die erfolgreiche Verteidigung Stalingrads in der drakonischen Disziplin und nicht zuletzt auch in den Massenhinrichtungen vieler Tausender wankelmütiger Rotarmisten zu suchen sind.

Eine andere Ansicht vertritt Michael Jones in seinem Buch »Stalingrad: How the Red Army Triumphed« (2007). Für Jones sind die Zeitzeugnisse der Stalingrader Veteranen der Roten Armee ein Beweis dafür, dass Solidarität und Tapferkeit der Verteidiger von Stalingrad keine Erfindung der sowjetischen Propaganda waren. Der Autor weist darauf hin, dass zwar viele Soldaten, die vor dem Feind zurückwichen, hingerichtet wurden, aber 90 Prozent der dabei erwischten Rotarmisten zu ihren Einheiten zurückkehrten. Tatsächlich waren es auch Einheiten der sowjetischen Sicherheitspolizei, die zu den erbittertsten Verteidigern Stalingrads gehörten und Schulter an Schulter mit ihren Kameraden der Roten Armee gegen die deutschen Truppen kämpften.

In meinem Buch »Victory at Stalingrad: The Battle that Changed History« (2002) weise ich darauf hin, dass Disziplin und Verzweiflung zwar eine Rolle spielten, aber kaum ausreichten, einen deutschen Sieg abzuwenden. Entscheidend war vielmehr, dass den Soldaten politisch und psychologisch klar war, dass sie das Vaterland um jeden Preis gegen einen mörderischen Feind zu verteidigen hatten. Die Soldaten wussten, dass der deutsche Feldzug in Russland kein gewöhnlicher Krieg war, sondern dass die Nazis vielmehr einen rassistischen Ausrottungs- und Vernichtungskrieg führten. In den Jahren 1941 und 1942 waren durch die Hand der Deutschen Abermillionen von Sowjetbürgern getötet worden, darunter eine Million sowjetischer Juden, die von der SS und anderen Verbänden exekutiert worden waren –, und zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene, die in deutscher Gefangenschaft an Misshandlungen starben. Bis zum Ende des Krieges stieg die Zahl der sowjetischen Opfer auf 24 bis 25 Millionen Menschen, davon starben nur acht Millionen Menschen bei unmittelbaren militärischen Auseinandersetzungen.

Stalins Regime war brutal, autoritär und rücksichtslos, Eigenschaften, denen sich die Verteidigung Stalingrads letztlich ebenso verdankt wie der populäre Appell zur Rettung des Mutterlands. Die große Mehrheit der sowjetischen Verteidiger Stalingrads begriff ihren Kampf nicht nur als Verteidigung des eigenen Lebens, sondern des Überlebens des ganzen Landes und seiner Gesellschaft. »Tötet die Deutschen«, mahnte der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg, »oder sie werden ganz Russland schänden und noch viele Millionen Menschen mehr zu Tode foltern.«

Erfolgreiche Gegenoffensive

Als der Kampf im Sommer 1942 begann, stand es angesichts der militärischen Übermacht der Deutschen sehr schlecht um die Chancen für einen Sieg der Sowjets. Doch schon Mitte November, als die deutsche Wehrmacht in Stalingrad festsaß und ihr Vorstoß in Richtung Kaukasus ins Stocken geriet, waren die Sowjets bereit zur Gegenoffensive.

Am 19. November 1942 griffen drei Verbände der Roten Armee die Truppen von Paulus in Stalingrad an, kesselten sie ein und schlugen die Einheiten der Achsenmächte, die zur Verteidigung der deutschen Flanken aufmarschiert waren, vernichtend. Am Ende der Schlacht lagen 150.000 gefallene deutsche Soldaten in der Stadt, und weitere 100.000 gerieten in Kriegsgefangenschaft. Während ihrer gescheiterten Offensive zur Eroberung Stalingrads und Bakus verloren die Deutschen und ihre Verbündeten 50 Divisionen und hatten 1,5 Millionen Todesopfer zu beklagen. Darunter die Soldaten von zwanzig Divisionen der 6. Armee von General Paulus, für die Stalingrad zum Grab wurde.

Die strategischen Köpfe hinter der sowjetischen Gegenoffensive in Stalingrad waren Stalins stellvertretender Oberbefehlshaber, General Georgi Schukow, und der Chef des Generalstabs, General Alexander Wassilewski. Ihr Plan war, in Stalingrad standzuhalten und die deutschen Truppen zu zermürben, während sie parallel dazu einen massiven Gegenangriff vorbereiteten.

Die »Operation Uranus«, wie der Codename der Operation zur Einkreisung der Stadt lautete, war nur eine von einer ganzen Reihe sowjetischer Gegenoffensiven, die den Zusammenbruch der deutschen militärischen Linien entlang der gesamten Ostfront bewirken sollten. Die wenige Tage später gestartete »Operation Mars« attackierte das deutsche Heer in einem zentralen Abschnitt vor Moskau, während die »Operation Saturn« – in direkter Nachfolge von »Uranus« – eine 450.000 Mann starke deutsche Armee, die im Kaukasus kämpfte, in die Falle locken sollte. Erstaunlicherweise strebten Stalin und seine Generäle mit diesen Operationen nicht nur den Sieg über die deutschen Truppen in Stalingrad an, sondern wollten damit den ganzen Krieg gewinnen.

Wenn auch die Rote Armee nicht stark genug war, diese mehrgleisige strategische Gegenoffensive aufrechtzuerhalten und damit den Krieg sofort zu gewinnen, so war der Erfolg in Stalingrad doch in jedem Fall ein entscheidender Wendepunkt. Doch die sowjetischen Siege forderten hohe Kosten. Allein im Verlauf der Stalingrad-Offensive hatten die Sowjets eine Million Todesopfer zu beklagen – das entsprach in etwa den Verlusten der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und der Commonwealth-Staaten während des gesamten Zweiten Weltkriegs zusammen.

Heldentum und Selbstaufopferung spielten bei den sowjetischen Erfolgen eine entscheidende Rolle. Der andere Hauptfaktor, warum die sowjetischen Streitkräfte in Stalingrad durchhalten konnten, war ihre Fähigkeit, weitere Verteidigungstruppen von der anderen Seite der Wolga heranzuschaffen, während gleichzeitig die Luftwaffe der Roten Armee mit der deutschen um die Luftüberlegenheit rang. Und sowjetische Artilleriegeschütze und Raketenwerfer nahmen die deutschen Einheiten in der Stadt vom östlichen Ufer der Wolga aus unter Dauerfeuer.

Ihre Fähigkeit, Entsatztruppen heranzuschaffen und Gegenoffensiven einzuleiten, zeigte, wie gut die Sowjets in der Lage waren, ihre wirtschaftliche und militärische Kapazität wiederzuerlangen, selbst als die Kämpfe an der sowjetischen Ostfront wüteten. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs der deutschen Sommeroffensive von 1942 hatten Hitlers Streitkräfte die Hälfte des europäischen Teils Russlands besetzt – ein Territorium von rund 2,6 Millionen Quadratkilometern, auf dem 40 Prozent der sowjetischen Bevölkerung lebten und sich 50 Prozent der Anbauflächen sowie 60–70 Prozent der Industrie des Landes befanden. Stalin gab in diesem Zusammenhang seinen Befehl »Keinen Schritt zurück!« (»Njet schag nasad!«) aus. Die Wiederaufnahme der Produktion durch die sowjetische Rüstungsindustrie und die anhaltende Mobilisierung sowjetischer Truppenreserven waren außergewöhnlich. Zur Zeit der Gegenoffensive von Stalingrad im November 1942 waren die Sowjets in der Lage, eine vollständig ausgerüstete und frisch bewaffnete Truppe von einer Dreiviertelmillion Soldaten gegen die Deutschen einzusetzen. Eine ähnlich große Streitkraft wurde bei der »Operation Mars« gegen die deutsche Heeresgruppe Mitte eingesetzt. Ihre Vorbereitungen wurden durch die Ankunft sogenannter Lend-Lease-Nachschublieferungen unterstützt – insbesondere waren das Lastwagen aus Großbritannien, Kanada und den USA –, obwohl die große Masse an westlichem Unterstützungsmaterial die Sowjets erst nach dem Ende der Kämpfe in Stalingrad erreichte.

Epische Schlacht

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die Bedeutung der Schlacht um Stalingrad durch die Polemik des Kalten Kriegs eher in den Hintergrund. Mit der Veröffentlichung seiner Erinnerungen beeinflusste Winston Churchill bis heute die Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg. In ihnen spielt die »Ostfront« eine untergeordnete Rolle, um die militärischen Erfolge Großbritanniens und der Vereinigten Staaten an den anderen Fronten hervorzuheben. Aber selbst Churchill musste die besondere Bedeutung von Stalingrad einräumen. Er war es schließlich, der bei der Teheraner Konferenz im November 1943 Stalin das Gedenkschwert von König Georg VI. schenkte, um ihn für diesen großen Sieg zu ehren.

In der Nachkriegsgeschichtsschreibung gab es noch einen weiteren Versuch, die Ereignisse um Stalingrad anders darzustellen und den sowjetischen Sieg herunterzuspielen, indem das Hauptaugenmerk auf die Fehler gerichtet wurde, die auf deutscher Seite zur Niederlage geführt hätten. Da heißt es zum Beispiel, es sei Hitlers großer Irrtum gewesen, seine Offensive im Süden der Sowjetunion aufzuteilen, um zwei strategische Ziele gleichzeitig erreichen zu können: den Vorstoß nach Baku und die Eroberung von Stalingrad. Es war jedoch nicht nur Hitler, der glaubte, dass beides zu erreichen wäre – auch seine Generäle waren davon überzeugt.

Ein weiterer »Fehler«, der oft zitiert wurde, war Hitlers Befehl an General Paulus, den Kampf in Stalingrad fortzusetzen, anstatt zu versuchen, die Einkesselung durch die Rote Armee mit einem Ausfall zu durchbrechen. Auch diese Entscheidung Hitlers wurde von den meisten seiner Kommandeure mitgetragen. Ihm wurde versichert, die 6. Armee könne auf dem Luftweg versorgt werden, und ein Durchbruch könne von außen her erfolgen. Die Nachschuboperation der deutschen Luftwaffe scheiterte jedoch ebenso wie die Operation zur Schaffung eines Landkorridors zur Rettung der eingekesselten Armee. In der Tat hatten die Deutschen keine andere Wahl, als in Stalingrad weiterzukämpfen. Ein Rückzug der 6. Armee wäre militärisch kostspielig gewesen und hätte den an anderer Stelle an der Ostfront kämpfenden deutschen Truppen einen psychologischen Schlag versetzt, der sie geschwächt hätte. Hitler schlussfolgerte daher von seiner Warte aus zutreffend, dass es weitaus besser sei, die 6. Armee kämpfend untergehen zu lassen, um damit einen Musterfall heroischer Selbstaufopferung zu schaffen, der den Nazis und ihrer Sache bis zum Ende des Krieges gute Dienste hätte erweisen sollen.

Von der Geschichte Stalingrads bleiben indes nicht Hitlers Fehlentscheidungen übrig, sondern Stalins Erfolge bei der Anpassung seiner Führung und des gesamten sowjetischen Systems an die Erfordernisse der Kriegssituation. Die Verteidigung Stalingrads schmiedete die militärische und politische Führung der Sowjetunion zu einer Einheit. Zwar folgte Stalin nicht immer dem professionellen Rat seiner Generäle, sie weihten ihn jedoch in die operative Kriegskunst ein. Ebenso lernte das sowjetische Oberkommando, Stalins starke Nerven zu respektieren, seine Fähigkeit, klar und entschieden zu sein und ein scharfsinniges Urteil über die politische Situation fällen zu können. Eine solche Analyse passt jedoch nicht in das Weltbild westlicher kalter Krieger, die es vorziehen, den Kampf um Stalingrad als einen Wettstreit zwischen zwei angeblich gleichermaßen widerwärtigen totalitären Systemen darzustellen, aus dem das rücksichtslosere als Sieger hervorging.

Die Sowjetunion führte den Krieg gegen die Nazis und ihre Verbündeten unter dem Banner der Verteidigung der Freiheit, der Demokratie und der Unabhängigkeit der Nationen Europas. Tatsächlich ließ Stalin in den Gebieten, die unter sowjetische Kontrolle gefallen waren, sehr wenig Freiheiten zu. Die Demokratie wurde entstellt und die nationale Unabhängigkeit stark eingeschränkt. Aber wenn die repressive, autoritäre Herrschaft der Sowjets auch viele Menschen unterdrückte, war sie Hitlers rassistischem »Reich« vorzuziehen. Und Stalins Rhetorik von Freiheit und seiner Propaganda über die Demokratie sollten sich später gegen ihn und seine Nachfolger wenden. Der Weg zum heutigen demokratischen Europa der Nationalstaaten verlief krumm und gewunden, aber an seinem Anfang stand der sowjetische Sieg in Stalingrad.

Der Kampf um Stalingrad war ein klassischer Kampf, in dem es um den richtigen Einsatz von Ressourcen, die richtige Strategie und den menschlichen Willen zwischen zwei immens mächtigen und entschlossenen Kriegsparteien ging. Der Zweite Weltkrieg, dessen Ausgang vor allem durch Stalingrad entschieden wurde, endete damit, dass die Vereinigten Staaten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki warfen. Das Aufkommen des Atomzeitalters bedeutete, dass es nie wieder eine Schlacht wie die um Stalingrad geben würde. Diese größte Schlacht an der Schwelle zum Zeitalter des Atomkriegs geht deshalb als ein epischer Kampf in die Geschichte ein, der niemals mehr übertroffen werden kann.

Geoffrey Roberts ist Professor für Geschichte am University College Cork und Mitglied der Royal Irish Academy sowie Autor des Buchs »Stalins Kriege. Vom Zweiten Weltkrieg zum Kalten Krieg«, erschienen 2008 im Düsseldorfer Patmos Verlag.
Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Heiser


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