Aus: Ausgabe vom 23.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

»Bist du normal, oder was?«

Von Dusan Deak

»Normal« ist das neue »Verrückt«. Und vice versa. Hat man früher mit der Frage »Bist du verrückt?« das Missfallen über den Geisteszustand des Gegenübers kundgetan, bekommt diese rhetorische Frage jetzt eine ganz neue Qualität. Normalsein ist heute ein Makel, den jeder gerne versteckt.

Selbst intakte Familien, die es sich leisten können, in einer Doppelhaushälfte am Stadtrand glücklich miteinander zu leben, kämpfen gegen das Normalitätsproblem. Deshalb ist mindestens eins der Kinder hochbegabt (ein neues Wort für schwer erziehbar), leidet an Hefepilzallergie oder ADHS. Die Mutter hat ein Piercing an einer intimen, nicht sichtbaren Stelle und der Vater einen heimlichen Geliebten.

Ich selbst habe mehrmals versucht, dem verfluchten Normalozustand zu entkommen. Durchaus erfolgreich. Auf dem Umweg über etliche Entzüge, Klinikaufenthalte und Bachblüten-Therapien ist es mir gelungen, den mühevollen Übergang von der Pubertät direkt in den verdienten Ruhestand erheblich abzukürzen.

Auch in der sogenannten freien Wirtschaft geht es angestrengt rund. In den Vorständen der Dax-Unternehmen gelten kriminelle Handlungen heutzutage als normal. Um überhaupt als Manager akzeptiert zu werden, muss ein leitender Angestellter in Spitzenposition wahlweise eine Fakesoftware installieren, Partys mit Prostituierten anordnen oder eine Insolvenz verschleppen. Auch macht es sich gut im Lebenslauf, die Kunden eines Anlagefonds geprellt oder ein kleines Börsenbeben angestoßen zu haben.

Die Gewerkschaften empfehlen ihren Mitgliedern, in Einstellungsgesprächen psychische Unbescholtenheit (das heißt keine Therapie, keine Klinikaufenthalte, keine Entzüge) selbstbewusst zu verschweigen und gegebenenfalls mit dem Hinweis auf Datenschutz diesbezügliche Auskünfte zu verweigern.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Mehr aus: Feuilleton