Aus: Ausgabe vom 23.11.2017, Seite 6 / Ausland

»Verborgene Wahrheiten« in der Ukraine

Neue Indizien für frühe Pläne zur Eskalation der Gewalt seitens der »Proeuropäer« auf dem Maidan

Von Reinhard Lauterbach
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Eine gewaltbereite Menge protestiert am 8. Februar 2014 in der Nähe des Maidan in Kiew

Im ukrainischen Machtkampf des Winters 2013/14 hatte die »proeuropäische« Seite den Einsatz von Gewalt offenbar schon früher geplant als bisher bekannt. Dies legt zumindest der Dokumentarfilm »Ucraina, le verità nascoste« (»Ukraine. Verborgene Wahrheiten«) nahe, den der italienische Fernsehsender Canale 5 in der letzten Woche ausstrahlte.

Der Film stützt sich auf Zeugenaussagen von drei Georgiern, die nach eigenen Worten in den Tagen der Gewalteskalation Mitte Februar 2014 auf seiten des »Euromaidan« mitgeschossen hatten. Die ehemaligen georgischen Militärs, unter ihnen ein Scharfschütze, kommen aus dem Umfeld der »Georgischen Nationalbewegung« von Expräsident Michail Saakaschwili. Sie behaupten, im Dezember 2013 im Hauptquartier der Saakaschwili-Partei in Tbilissi rekrutiert worden zu sein. Am 14. Januar 2014 seien sie unter falschem Namen von Tbilissi nach Kiew geflogen. Ihre Aufgabe sei gewesen, die ukrainische Polizei zu gewaltsamem Vorgehen gegen die Demonstranten des »Euromaidan« zu provozieren. Tatsächlich begann drei Tage später, am 18. Januar, die Gewalteskalation durch die »Maidan-Selbstverteidigung« und den »Rechten Sektor«.

Über ihre Aktivitäten in den ersten vier Wochen ihres Aufenthalts in Kiew machen die in dem Film zitierten Zeugen keine Angaben. Um den 15. Februar seien sie in ihrem Zelt auf dem Maidan von dem ukrainischen Politiker Sergej Paschinskij von Julia Timoschenkos »Vaterlandspartei« und einem US-Amerikaner namens Brian Christopher Boyenger aufgesucht worden. Boyenger, ein ehemaliger Scharfschütze der US-amerikanischen 101. Luftlandedivision, habe dem Anführer der georgischen Gruppe, einem Geheimdienstler namens Mamula Mamulaschwili, die Befehle erteilt. Bis heute sind sie als Kämpfer der auf ukrainischer Seite im Donbass eingesetzten »Georgischen Legion« aktiv.

Kurze Zeit darauf habe Paschinskij die Gruppe aufgefordert, zur bewaffneten Aktion überzugehen. »Der Maidan« könne nicht auf die gerade erst zwischen Wiktor Janukowitsch und einer EU-Delegation ausgehandelten vorgezogenen Präsidentschaftswahlen warten. Die Söldner sollten wahllos das Feuer eröffnen, um Chaos zu verbreiten, und anschließend schleunigst verschwinden.

Die Enthüllungen bezeugen einen relativ frühen Zeitpunkt für die Wahl der gewaltsamen Option durch die »prowestlichen« Kräfte. Die Gründung des »Rechten Sektors« als Zusammenschluss der gewaltbereiten ukrainischen Faschisten fällt bereits in die ersten Tage des »Euromaidan«. Die Rekrutierung der Georgier deutet zudem darauf hin, dass sich um die Kiewer Proteste herum schon früh eine antirussische Internationale zusammenfand. Das könnte auf eine geplante geopolitische Auseinandersetzung am ukrainischen Material hinweisen und entkräftigt die These, dass die anfänglich friedlichen Proteste irgendwie in gewaltsame Auseinandersetzungen »hinübergewachsen« seien.

Von Bedeutung ist außerdem der klare Hinweis auf eine Verwicklung der Saakaschwili-Partei in die Rekrutierung der Söldner. Saakaschwili hielt sich zu dieser Zeit bereits in den USA auf. Nach seiner Wahlniederlage hatte er sich angesichts drohender Strafermittlungen dorthin abgesetzt.

Dass aus dem Lager der Maidan-Kämpfer heraus auf die Polizei und auch auf die »eigenen« Demonstranten geschossen wurde, ist hingegen nicht neu. Wenige Tage nach dem Staatsstreich hatte der damalige estnische Außenminister Urmas Paet in einem Telefongespräch mit der damaligen EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton darauf hingewiesen und sich dabei auf die Leiterin des Sanitätsdiensts des »Euromaidan« gestützt. Medienberichte unter anderem der BBC und des WDR-Magazins »Monitor« haben den frühen Verdacht erhärtet.


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