Aus: Ausgabe vom 21.11.2017, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Wochenende, aber nicht frei

Immer mehr Beschäftigte müssen auch an Sams- und Sonntagen schuften. Gewerkschaftsbund warnt vor fortschreitender Entgrenzung der Arbeit

Von Johannes Supe
Pflegekraefte_im_Kra_33140864.jpg
Besonders belastet: Beschäftigte im Gesundheitswesen können ihre Arbeitszeiten schlecht mit dem Familienleben in Einklang bringen

Über den »DGB-Index Gute Arbeit«, den der Gewerkschaftsbund jährlich herausgibt, lässt sich stets dasselbe sagen: Seine Befunde überraschen nicht, liefern aber einen detaillierten Einblick in die Arbeitswelt der Bundesrepublik. So ist es auch mit dem Report 2017. Die Untersuchung belegt, dass Arbeitsverdichtung und Stress anhaltend hoch und die Vereinbarung von Beruf und Familie in vielen Branchen noch immer kaum gegeben sind.

Der Bericht basiert auf den Angaben von 4.811 abhängig Beschäftigten. Ihre Daten wurden im Rahmen einer bundesweiten Repräsentativumfrage erhoben, die verschiedene Einkommens- und Altersgruppen aus diversen Branchen einbezog. Insgesamt 42 Einzelfragen zu elf Kriterien haben die Teilnehmenden dabei beantwortet.

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: Ein bedeutender Teil der Beschäftigten ist nach der Lohnarbeit zu erschöpft, um sich noch um familiäre oder private Angelegenheiten zu kümmern. Für 15 Prozent der Befragten war das »sehr oft«, für 26 Prozent »oft« und für weitere 44 Prozent zumindest »selten« der Fall. Allerdings sind hier, wie auch im Rest der Befragung, die Unterschiede zwischen den Beschäftigtengruppen groß. So reicht die Spanne von insgesamt 29 Prozent der Ver- und Entsorgungsarbeiter, die »oft« oder »sehr oft« angaben, bis zu 53 Prozent bei den Kollegen in Gesundheitsberufen. »Die größten Probleme werden den Beschäftigten im Sozial- und Gesundheitswesen sowie im Gastgewerbe bereitet; negativ wirkt sich insbesondere auch die Pflicht zu ständiger Erreichbarkeit aus«, heißt es dazu im Papier. Außerdem seien Frauen häufig stärker belastet als Männer.

Darauf nimmt auch das Vorwort Bezug, das vom DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann und von dem Bundesvorstandsmitglied des Gewerkschaftsbunds, Annelie Buntenbach, verfasst wurde. Die hohe Zahl derer, die nach der Arbeit so gestresst seien, mache deutlich, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit einer »gesundheitsförderlichen Arbeitsgestaltung« beginne. Und weiter: »Ein Schlüsselfaktor ist die Arbeitszeit. Die weite Verbreitung von atypischen Arbeitszeitlagen an Wochenenden, abends und nachts sowie überlange Arbeitszeiten gehen zu Lasten familiärer und privater Angelegenheiten.«

Die Sorge für Kinder oder Familienangehörige scheint zudem einer der Hauptgründe für Teilzeitarbeit zu sein. Ganze 71 Prozent der Frauen und immerhin 40 Prozent der Männer gaben an, wegen familiärer Verpflichtungen nicht in Vollzeit zu arbeiten. Auch die Arbeitszeiten erschweren es den Beschäftigten häufig, ein geregeltes Familienleben zu führen. So muss ein gutes Viertel laut der Studie »sehr häufig« (13 Prozent) oder »oft« (13 Prozent) am Wochenende arbeiten. Ähnlich viele Kolleginnen und Kollegen sind zwischen 18 und 23 Uhr tätig, etwa neun Prozent zwischen 23 Uhr nachts und 6 Uhr morgens. Nicht einmal die Höchstarbeitszeiten werden überall eingehalten. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass ein Teil der Beschäftigten angibt, mehr als 48 Stunden in der Woche zu schuften.

Allerdings sind es nicht allein ungünstige Arbeitszeiten, die zu Erschöpfung führen – und in der Folge dazu, dass nur wenig Zeit mit der Familie verbracht werden kann. Als weitere, häufig genannte Gründe führen die Arbeiter und Angestellten etwa an, auf der Arbeit »herablassender Behandlung« ausgesetzt zu seien, sich um ihre Stelle sorgen zu müssen oder »oft ihre Gefühle verbergen zu müssen«. Letzteres mag zunächst seltsam klingen, dürfte aber für die Arbeit mit unfreundlichen Kunden – sei es am anderen Ende eines Telefonapparats oder direkt vor der Theke – die Regel sein. Auch den Zwang zu ständiger Erreichbarkeit führen Beschäftigte an, wenn es darum geht, warum sie »nach« der Lohnarbeit oft schlapp sind.

Die Gewerkschafter Hoffmann und Buntenbach fordern angesichts dieser Ergebnisse »eine Stärkung der Zeitsouveränität für alle Beschäftigten«. Die Angestellten müssten bessere Möglichkeiten erhalten, Einfluss auf ihre Arbeitszeiten zu nehmen. Dazu gehöre auch, endlich einen Anspruch zu schaffen, aus einer oft nur für eine gewisse Zeit gewollten Teilzeitanstellung wieder in Vollzeit wechseln zu können.

Der Report im Internet: index-gute-arbeit.dgb.de

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft