Aus: Ausgabe vom 21.11.2017, Seite 6 / Ausland

Der Russe war’s!

Madrid ist sich sicher: Moskauer Hacker und venezolanische Chavistas fördern die ­katalanische Unabhängigkeitsbewegung

Von André Scheer
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»Angebliche Polizeigewalt« (El País) am 1. Oktober gegen Teilnehmer des Referendums in Barcelona

Moskau verlangt von der spanischen Regierung Belege für die Behauptung, dass russische Hacker die Krise um die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens angeheizt hätten. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, bedauerte am vergangenen Donnerstag, dass die »antirussische Hysterie« westlicher Medien von Madrid auf eine offizielle Ebene gehoben worden sei. Nun müssten Spaniens Regierungssprecher Íñigo Méndez de Vigo, Verteidigungsministerin María Dolores de Cospedal und Außenminister Alfonso María Dastis die ihnen angeblich vorliegenden Beweise für eine russische Einmischung übermitteln.

Schon seit Wochen kursieren in den spanischen Medien Meldungen über eine angebliche Verwicklung Russlands in die Auseinandersetzung um Katalonien. So behauptete die Tageszeitung El País schon Ende September, dass »russische Hacker« dafür sorgten, dass von der Guardia Civil geschlossene Internetseiten in kürzester Zeit unter neuen Adressen wieder erreichbar waren – als wenn es dafür besondere technische Kenntnisse brauchen würde. Die spanische Polizei hatte im Vorfeld des von Madrid verbotenen Unabhängigkeitsreferendums am 1. Oktober Hunderte Homepages gesperrt, unter anderem die der Bürgerinitiative »Katalanische Nationalversammlung«. Doch kaum war eine Seite nicht mehr erreichbar, kursierten über Facebook und andere Netzwerke Adressen, unter denen Kopien zu finden waren.

Am 10. November empörte sich El País schließlich über »zwei Medien des Kreml«, nämlich den Fernsehsender RT – dessen spanischsprachige Ausgabe deutlich professioneller ist als das deutsche Pendant – und die Nachrichtenagentur Sputnik. Deren Berichterstattung sei darauf ausgerichtet gewesen, ein »negatives Bild von Spanien« zu zeichnen. Mit Hilfe zahlreicher Nutzer von Netzwerken wie Facebook oder Twitter »im Umfeld des Chavismo und Venezuelas« seien diese Nachricht dann massenhaft weiterverbreitet worden. Das Blatt stützt sich nach eigenen Angaben auf eine Untersuchung der US-amerikanischen George-Washington-Universität, die fünf Millionen Mitteilungen ausgewertet habe. Dabei habe man »eine ganze Armee von Zombiekonten« entdeckt, die sich darauf spezialisiert hätten, Meldungen von RT und Sputnik zu verbreiten, so die Tageszeitung.

Im Kern deckt die zitierte Studie jedoch nur auf, was kein Geheimnis ist: In Lateinamerika wurde und wird die katalanische Unabhängigkeitsbewegung mit großer Sympathie beobachtet und weckt Erinnerungen an den eigenen Freiheitskampf gegen Spanien im 19. Jahrhundert. Entsprechend reagierten auch lateinamerikanische Medien wie Telesur oder Cubadebate mit Empörung und großen Berichten auf die Polizeigewalt gegen das katalanische Referendum am 1. Oktober. El País beschwert sich, dass in diesem Zusammenhang die Meldungen der russischen Kanäle häufiger geteilt wurden als die der spanischen Staatsmedien Efe und RTVE. Diese verbreiteten allerdings einseitig die Sichtweise Madrids.

Weder El País noch die US-Forscher haben jedoch offenkundig die vielbeschworenen »Fake News« der russischen und lateinamerikanischen Medien entdecken können. Deshalb empört sich die Tageszeitung darüber, dass zu den auf Facebook und Twitter am häufigsten geteilten Sputnik-Meldungen die Schlagzeile »Maduro: Rajoy muss sich vor der Welt dafür verantworten, was er in Katalonien getan hat« gehört habe. Der venezolanische Präsident hatte tatsächlich wiederholt den spanischen Regierungschef attackiert – offenkundig eine Retourkutsche für dessen Einmischung in die inneren Angelegenheiten Venezuelas. El País weiter: »Die Hälfte der von RT in den Tagen unmittelbar vor und nach dem Referendum von 1. Oktober geteilten Nachrichten behandelten die angebliche Polizeigewalt.« Wer in diesem Kontext das Wort »angeblich« verwendet, scheidet als objektiver Beobachter aus.

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