Aus: Ausgabe vom 20.11.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Glaubhafte Abstreitbarkeit

»Stay behind« und die Todesfälle Palme, Barschel und Colby

Von Claudia Wangerin
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Entspannungspolitik: Olof Palme besuchte bereits 1975 den kubanischen Regierungschef Fidel Castro in Havanna

Mordopfer müssen keine Heiligen sein. Um den möglichen Grund für die Tötung des CDU-Politikers und angeblichen Selbstmörders Uwe Barschel im Jahr 1987 herzuleiten, mussten Patrik Baab und Robert E. Harkavy aus wenig schmeichelhaften Zeugenaussagen zitieren. Dem früheren Ministerpräsidenten Schleswig Holsteins könnten demnach seine Kontakte zum US-Geheimdienst CIA, sein Insiderwissen über schmutzige Waffengeschäfte und möglicherweise seine Rolle als Treuhänder und Vermittler dabei zum Verhängnis geworden sein. Auf heimlichen Reisen in die DDR, von denen unter anderem seine Fahrer zu berichten wussten, soll er Frauen belästigt und es in angetrunkenem Zustand auch mit der Geheimhaltung nicht so genau genommen haben.

Rund sieben Jahre lang haben die Autoren nach eigenen Angaben an einem Buch gearbeitet, das den Fall Barschel mit zwei weiteren prominenten Todesfällen in Verbindung bringt. »Im Spinnennetz der Geheimdienste – Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?« ist in diesem Jahr zu Barschels 30. Todestag im Westend-Verlag erschienen. Von den drei im Titel genannten Personen gilt bisher nur der 1986 erschossene schwedische Ministerpräsident Palme offiziell als Mordopfer. Dass auch Barschel und der ehemalige CIA-Chef William Colby getötet wurden, steht für den liberalen NDR-Journalisten Baab und den konservativen US-Politikwissenschaftler Harkavy außer Frage. Im Fall Barschel können sie sich dabei auch auf den damaligen deutschen Chefermittler Heinrich Wille berufen. Barschel hatte am 11. Oktober 1987 – nach schmutzigen Wahlkampfmanövern und seinem Rücktritt als Ministerpräsident – tot in der Badewanne eines Hotelzimmers in Genf gelegen. In seinem Körper war ein Medikamentencocktail gefunden worden, den er sich laut Wille nicht alleine zugeführt haben kann, weil die letzte der vier Substanzen erst in seinen Körper gelangt sei, als er schon das Bewusstsein verloren hatte. Palme war eineinhalb Jahre zuvor Februar in Stockholm angeschossen worden und wenig später im Krankenhaus gestorben. Die Autoren gehen davon aus, dass kein Agent mit Beamtenstatus, sondern ein Handlanger der NATO-Geheimstruktur »Stay behind« den Finger am Abzug hatte. Einer, zu dem man notfalls jede Verbindung glaubhaft abstreiten konnte.

Während Barschel und Colby nach den hier vorliegenden Recherchen Täter waren, die zu Opfern wurden, könnte der schwedische Ministerpräsident nicht zuletzt wegen seiner Friedens- und Entspannungspolitik im Kalten Krieg umgebracht worden sein. Er wollte demnach bei einem geplanten Besuch bei Michail Gorbatschow in Moskau über ein neutrales Skandinavien und eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa sprechen. Zudem war Palme als Gegner von Waffengeschäften in den Iran bekannt.

Die Autoren bringen alle drei Morde mit der »Iran-Contra-Affäre« unter dem republikanischen US-Präsidenten Ronald Reagan in Verbindung. Mitte der 1980er Jahre waren Einnahmen aus geheimen Waffengeschäften mit dem Iran an die rechten Paramilitärs weitergeleitet worden, die damals die sandinistische Regierung Nicaraguas bekämpften, obwohl der Kongress die Unterstützung der »Contras« verboten hatte. Der damalige CIA-Chef Colby starb 1996 bei einem angeblichen Bootsunfall, als er zu einem Untersuchungsausschuss vorgeladen war.

Über welche Länder diesseits und jenseits des »Eisernen Vorhangs« diese Geschäfte angebahnt und abgewickelt wurden, wirkt auf den ersten Blick verwirrend. Baab und Harkavy erklären es zum Teil mit verfeindeten Fraktionen in den jeweiligen Staatsapparaten. Und für die entsprechende Reisetätigkeit Barschels gibt es reichlich Belege. Er führte demnach ein Doppelleben mit Abdeckung beider Seiten. Ein Motiv, sein brisantes Wissen durch Erpressung zu versilbern, hatte er nach dem Karriereknick allemal. Falls er dies tatsächlich versucht hat, könnte dies das Mordmotiv gewesen sein.

Für Leserinnen und Leser, die in den 1980er Jahren zu jung waren, um politische Nachrichten zu verfolgen, ist es keine leichte Lektüre. Ältere, die damals schon politisch interessiert waren, dürften den klaren Vorteil haben, zahlreiche Namen, Funktionen und Ereignisse aus der Erinnerung besser verknüpfen zu können und seltener überlegen zu müssen, wer das jetzt noch mal war.

Für die Seriosität der Autoren spricht, dass sie darauf hinweisen, an welchen Punkten sich ihre Quellen widersprechen. So zum Beispiel in einer Passage über ein Treffen Barschels mit einem mutmaßlichen Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad und einem Treuhänder in Zürich (S. 161). Auch bleibt nicht unerwähnt, dass ein wichtiger Hinweis auf Barschels eigene Rolle als Treuhänder und Vermittler bei den Waffengeschäften aufgrund des Schweizer Bankgeheimnisses nicht überprüft werden konnte.

Ihre Kernthesen haben Sie nach Aussage Patrik Baabs durch den Abgleich von Aktenmaterial mehrerer Geheimdienste, Interviews mit Zeitzeugen und den Memoiren einzelner Akteure abgesichert. Die Problematik, dass in diesem Milieu viel gelogen wird und investigative Journalisten auch mit Kuckuckseiern und Diskreditierungsversuchen rechnen müssen, wenn Geheimdienstler etwas »durchstechen«, sei ihnen bewusst gewesen, sagte Baab bei der Buchvorstellung in Berlin auf Nachfrage von junge Welt. Restzweifel sind hier sicher angebracht. Aber bei den staatstragenden Erklärungsansätzen reichen Restzweifel nicht. Die glaubhafte Abstreitbarkeit scheint bis heute System zu haben.

Patrik Baab, Robert E. Harkavy: Im Spinnennetz der Geheimdienste – Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet? Westend-Verlag, Frankfurt/M. 2017, 384 Seiten, 24 Euro

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