Aus: Ausgabe vom 20.11.2017, Seite 6 / Ausland

Christlicher Scharia-Staat

In den USA will die christliche Rechte die Bibel zum höchsten Gesetz des Landes machen

Von Mumia Abu-Jamal
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In dem aufsehenerregenden Skandal um den republikanischen US-Richter Roy Moore, der derzeit für einen Sitz als Senator des Südstaats Alabama im Kongress kandidiert, geht es um Fragen der Macht. Auch wenn es den Anschein hat, als ginge es um Meldungen über einen reifen Mann mit einem schweren Lolita-Komplex, der von dem Verlangen nach kleinen Mädchen besessen ist, muss noch einmal betont werden: Es geht in diesem Fall um Macht, um politische Macht, um männliche Macht und die Vormachtstellung des christlichen Glaubens.

Soweit ich das beurteilen kann, hat sich bisher kein Kommentator des für diesen bezeichnenden Fall so zentralen Punkts angenommen. Er ergibt sich aus Moores wiederholtem Nichtbefolgen der Verfassung zugunsten seines Rückgriffs auf biblische Leitgedanken bei der Auslegung staatlicher Gesetze.

Ich bin nicht besonders bewandert in Fragen der Gesetzeslage in Alabama, aber zumindest in Pennsylvania ist es so, dass alle Richter einen Eid sowohl auf die Verfassung ihres Bundesstaats als auch auf die US-Verfassung ablegen müssen. Moore brach seinen Eid als Richter mindestens zweimal, als er es unterließ, sich in seiner Eigenschaft als Vorsitzender Richter am Obersten Gerichtshof des Bundesstaats Alabama Grundsatzentscheidungen des Obersten Gerichtshofs in Washington D.C. zu beugen. Statt dessen zeigte er sich beim Abfassen eigener juristischer Entscheidungen seinem religiösen Glauben verpflichtet. Er stellte die Religion über das Gesetz, und das stellt einen Verfassungsbruch dar.

2007 erschien in den USA unter dem Titel »American Fascists: The Christian Right and the War on America« (Amerikanische Faschisten: Die christliche Rechte und der Krieg gegen Amerika) ein Buch des vielfach ausgezeichneten Journalisten Chris Hedges. Der Autor analysiert die Bestrebungen von faschistischen Kräften mit christlichem Hintergrund, die USA in eine Theokratie zu verwandeln. In dieser wäre die Staatsgewalt ausschließlich religiös legitimiert. Analog zur islamischen Scharia würde eine der christlichen Gotteslehre verpflichtete Herrschaft errichtet werden.

Nach dem Willen der christlichen Rechten soll so die Bibellehre in den Rang des höchsten Gesetzes des Landes erhoben werden, als würde der futuristische Roman »The Handmaid’s Tale« Wirklichkeit werden. In der nach Margaret Atwoods Buch »Der Report der Magd« gedrehten US-Fernsehserie hat sich nach einer atomaren Apokalypse und katastrophalen Umweltzerstörungen der totalitäre christlich-fundamentalistische Staat »Gilead« konstituiert, in dem Frauen ganz und gar Besitz von Männern sind und ihnen als Sexualobjekte dienen. Konsequenterweise fängt man mit der Herausbildung dieses Herrschaftsverhältnisses doch am besten schon an, solange Frauen noch Kinder sind.

Genau für dieses Denken steht der heute 70jährige Richter Roy Moore, der beschuldigt wird, sich früher mehreren Minderjährigen »unangemessen genähert« und im Alter von 32 Jahren ein 14jähriges Mädchen missbraucht zu haben. Moores Wahlkampfmanager Dean Young wies die Beschuldigungen als »Fake News« zurück. Er bewertete den Bericht der Washington Post, die mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen war, als »politische Attacke« auf Moore, der »ein Glaubensgefecht« gegen »die Kräfte des Bösen« führe. Und Moore selbst sagte, die »Schoßhündchen der Obama-Clinton-Maschinerie in den liberalen Medien« hätten mit den Anschuldigungen gegen ihn »die bösartigste und unanständigste Runde von Angriffen gestartet, die ich je erlebt habe«. Wie gesagt, es geht weniger um einen »Sexskandal«. Es geht um Macht und Politik.

Übersetzung: Jürgen Heiser


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