Aus: Ausgabe vom 18.11.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Prinz auf Flucht nach vorn

Saudi-Arabien will Abhängigkeit vom Öl beenden. Mit dem Projekt NEOM soll das für alle Welt sichtbar werden. Realistisch?

Von Klaas Brinkhof
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NEOM-Geschäftsführer Klaus Kleinfeld (l.) und Kronprinz Mohammed bin Salman bei Vertragsunterzeichnung

Gute Nachrichten für das saudi-arabische Königshaus: Der japanische Telekommunikationskonzern Softbank will 25 Milliarden US-Dollar (gut 21 Milliarden Euro) in dem Wüstenstaat auf der arabischen Halbinsel investieren. Das meldete die US-Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg am Mittwoch. Der Betrag soll demnach in den kommenden drei bis vier Jahren in die Wirtschaft fließen.

Hauptsächlich werden die Japaner sich mit dem Geld am geplanten Technologiepark NEOM engagieren. Die Rede ist von 15 Milliarden Dollar. NEOM (ein zusammengebastelter Begriff aus dem griechischen »neo« (neu) und dem arabischen »Mustakbal« (Zukunft) ist ein Megaprojekt, das insgesamt 500 Milliarden Dollar kosten soll und am 24. Oktober offiziell vorgestellt worden war. Am Roten Meer, nahe an Jordanien und Ägypten, wollen die Saudis eine neue Stadt bauen, die das Zentrum einer 26.500 Quadratkilometer großen Freihandelszone werden soll. »Größer als Steiermark plus Kärnten«, stellte der österreichische Standard aus diesem Anlass erstaunt fest.

Als Projektleiter ist einem Bericht der Schweizer Handelszeitung vom 25. Oktober zufolge der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Siemens, Klaus Kleinfeld, vorgesehen. Auf den Topmanager wartet ein Wahnsinnsjob: Die Stadt soll das Musterbeispiel für Nachhaltigkeit werden, die ihre gesamte Energie aus erneuerbaren Quellen wie Sonne, Wasser und Wind bezieht. 2025 soll ein erster Teil fertiggestellt sein.

»Dies ist kein Ort für konventionelle Menschen und Firmen, sondern ein Ort für die Träumer dieser Welt«, sagte Regierungschef und Kronprinz Mohammed bin Salman (»MBS«) in Riad bei der Präsentation seiner Vision für NEOM. Am Golf von Akaba soll nicht weniger als ein arabisches Silicon Valley entstehen. Eine technologische Ideenschmiede, die auf der Welt ihresgleichen sucht. Träume können dennoch unterschiedlich ausfallen. Wer die Ideen dort schmieden soll, muss noch geklärt werden; gruselig klingt indes: Alle Dienst- und Serviceleistungen sollen Roboter erbringen. Drohnen spielen eine wichtige Rolle beim Transport.

Das klotzige Projekt hat einen ernsten Hintergrund: Ein Umbau der Wirtschaft ist dringend nötig. Saudi-Arabiens Reichtum begründet sich fast ausschließlich auf Erdöl. Doch das sprudelt einerseits nicht ewig und andererseits macht die inzwischen offenkundige Abhängigkeit das Land hochgradig anfällig für überraschende Entwicklungen am Markt. Das ist dem Königshaus in den zurückliegenden Jahren schmerzhaft bewusst geworden. Weil der Ölpreis lange sehr niedrig war – vor allem auch wegen der hohen Förderquote der Saudis, die damit die US-Konkurrenz der Fracking-Branche aus dem Geschäft drängen wollten – steht das Land inzwischen vor erheblichen finanziellen Problemen. Der Staat muss sparen und greift dabei zu bislang für unmöglich gehaltenen Mitteln: Die verhätschelten Untertanen müssen seit kurzem tatsächlich Steuern zahlen.

Einen Teil des NEOM-Projektes will das Königshaus finanzieren, indem es fünf Prozent des staatlichen Ölgiganten Saudi Aramco an die Börse bringt. Erwarteter Erlös: 100 Milliarden Dollar, denn die Saudis setzen den Börsenwert des Konzerns mit zwei Billionen Dollar an.

Die Jerusalem Post berichtete am 25. Oktober, dass auch israelische Betriebe Interesse bekunden. NEOM liegt nur wenige Kilometer von Eilat entfernt, Israels einzigem Hafen am Roten Meer. Angeblich werde hinter den Kulissen bereits diskret konferiert, denn offiziell unterhält Saudi Arabien keine Kontakte zum Nachbarn. Der israelische Geschäftsmann Erel Margalit stellt sich in ferner Zukunft gar ein gemeinsames Flughafenprojekt mit Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien vor. Mit einem gemeinsamen Terminal, von dem aus die Passagiere in die vier Länder einreisen können. Natürlich erst nach einem Frieden zwischen Israel und Palästina. Dazu passt die Meldung, die gerade im Nahen Osten für Aufregung sorgt: Angeblich wäre Saudi-Arabien für einen Frieden mit Israel bereit, das international garantierte Rückkehrrecht der Palästinenser zur Disposition zu stellen, wie die britische Nachrichtenseite Middle East Eye am Freitag berichtete. Das Ziel: Eine Allianz gegen den Iran.

Am Ende soll die Freihandelszone NEOM idealerweise den gesamten Golf von Akaba umspannen. Auch Gebiete in Jordanien und Ägypten sollen dazu gehören. Laut Angaben der Planer fließen zehn Prozent des gesamten Welthandels über den Meeresarm. Schon jetzt planen die Saudis die erste Landverbindung mit Ägypten. Eine gigantische Brücke über das Rote Meer. Ob sie die klerikal-feudalistische Monarchie in die Moderne führen wird, wie Kronprinz »MBS« gerne verkündet, bleibt abzuwarten.

Bislang ist das Projekt nur Augenwischerei. Die aufwendig gestaltete Reklame, die NEOM anpreist, gibt wenig von der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Saudi-Arabien wieder. Möglicherweise bleibt das Ganze auch ein »Potemkinsches Dorf«. »Bei Ansicht eines Werbevideos wundert man sich, dass überhaupt noch eine Frau mit Kopftuch vorkommt«, stellt der Standard aus Wien fest.


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