Aus: Ausgabe vom 13.11.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Finanzsystem ermöglicht US-Militär«

Nach dem Ersten Weltkrieg stiegen die USA zur Weltmacht auf. Ihre Vorherrschaft basiert auf der Dominanz des Dollar. Ein Gespräch mit Michael Hudson

Von Simon Zeise
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Applaus an der Wall Street: US-Militärangehörige am »Veteran's Day« in der New Yorker Börse (November 2012)

Sie schreiben in Ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch »Finanzimperialismus. Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus«, dass Lenin und Karl Kautsky die Dominanz des staatsmonopolistischen Kapitalismus nach dem Ersten Weltkrieg nicht voraussehen konnten. Es war also nicht die Finanzoligarchie, die damals die Welt regierte?

Absolut nicht. Die Politik Washingtons, mit der die USA nach dem Ersten Weltkrieg ihre Dominanz erlangten, war nicht im Sinne der Finanzoligarchie – im Gegenteil. Lenin hatte sich vorgestellt, dass das Problem die nationale Staatsverschuldung wäre, es waren aber die Schuldverhältnisse zwischen Staaten. Niemand hätte das erwartet. Das Problem war, dass die USA die Kriegsschulden ihrer europäischen Verbündeten eintrieben, für die Waffen, die ihnen die Vereinigten Staaten zur Verfügung gestellt hatten, bevor sie selbst in den Ersten Weltkrieg eintraten. Und die Alliierten machten Deutschland Auflagen für Reparationen, die das Land an den Rand eines Bankrotts trieben. Wenn das Finanzkapital die Kontrolle in den USA besessen hätte, hätte es darauf gedrängt, das sich Europa und Deutschland entwickeln, damit Geld für Kredite und den Aktienmarkt zur Verfügung steht.

Wie lief das genau ab?

Die zwischenstaatliche Schuldenpolitik, die auf den Bankrott Europas zielte, blockierte die Möglichkeit für das Finanzkapital, Geld zu machen. Genauso wie der Versuch in den 1920ern, die US-Leitzinsen niedrig zu halten, um die Banken im Land zu stärken. US- Investoren kauften hochverzinste deutsche Anleihen, die deutschen Gemeinden tauschten die mit diesen Anleihen eingenommenen Dollar bei der Reichsbank in Reichsmark um, und die Zentralbank verwendete die Devisen zur Bezahlung der Reparationsschulden bei Großbritannien, Frankreich und anderen Alliierten, die mit dem Geld ihrerseits ihre Schulden bei den Vereinigten Staaten begleichen konnten. Diese Finanzpolitik vermieste privaten Investoren das Geschäft. Man kann also nicht sagen, dass es im Sinne der Wall Street war – es war Regierungspolitik.

Der monetäre Imperialismus der USA, wie Sie es nennen, änderte sich. Während die Vereinigten Staaten nach dem Ersten Weltkrieg der weltgrößte Gläubiger waren, sind sie heute der größte Schuldner auf globaler Ebene. Wie kam es dazu?

Nach dem Ersten Weltkrieg besaßen die USA etwa 50 Prozent der globalen Goldreserven. 1950 hatten sie 75 Prozent der weltweiten Bestände im Keller der Zentralbank gelagert. Ab dem Beginn des Koreakriegs im Juni 1950, war das gesamte US-Zahlungsbilanzdefizit den Ausgaben für das Militär geschuldet. Diese Entwicklung zum Schuldner wurde zunächst vom Rest der Welt begrüßt, denn endlich strömten Dollar in diese anderen Staaten, die dort als Reserven für die Zentralbanken dienten. Ab den 60ern, als die USA Krieg gegen Vietnam führten, überhäuften sie die übrige Welt mit Dollar, um ihr Haushaltsdefizit zu finanzieren. Frankreich und Deutschland begannen daraufhin Dollar in Gold zu tauschen.

Deshalb kündigte Präsident Richard Nixon die Konvertierbarkeit der US-Währung in Gold auf?

Genau. Die neue Form des monetären Imperialismus entstand 1971, als die USA die Dollar-Gold-Bindung aufgaben. Was können Zentralbanken seither tun? Mit den überschüssigen Dollar kaufen US-Militär und US-Investoren Unternehmen im Ausland. Das einzige, was Zentralbanken machen können, um ihre Währung zu stabilisieren, ist, US-Staatsanleihen zu kaufen. Das ist seit Anbeginn ein unfaires System. Bis 1971 waren alle Zentralbankreserven eine Anlage ohne Schulden. Aber seither repräsentieren sie die Schulden anderer Länder, besonders die der Vereinigten Staaten. Das globale Finanzsystem ist darauf ausgerichtet, die US-Militärausgaben zu ermöglichen. Es wurde zwar nicht so geplant, aber es entwickelte sich so.

Die Imperialisten wussten nicht, was sie taten?

Ja, als mein Buch erstmals 1972 veröffentlicht wurde, kaufte die CIA 2.000 Exemplare, und das US-Verteidigungsministerium gab unserem Institut einen Auftrag über 85.000 Dollar, damit ich ihnen erklärte, wie der Imperialismus funktioniert.

Ein Marxist, der Kurse für das US-Verteidigungsministerium anbietet?

Ich war überrascht, dass die Linke das Buch nicht derart zur Kenntnis nahm, und es verblüffte mich, dass nur die Wall Street Interesse zeigte – also weinte ich den ganzen Weg bis zur Bank, in der ich mein Honorar entgegennahm.

Sie legen dar, wie der US-Imperialismus die sozialistischen Staaten und deren Verbündete isolierte. Wie sah diese Strategie aus?

Für den Fall, dass die kommunistischen Länder ihr Geld nicht in Dollar steckten, sollte ihnen das gleiche Schicksal blühen wie dem Iran. Nachdem 1979 der Schah gestürzt wurde, wollte Teheran seine Auslandsschulden über die Chase Manhattan Bank bezahlen. Chase lehnte es ab, die Investoren auszuzahlen, die iranische Staatsanleihen hielten.

Der erste Schritt, den kommunistischen Block zu isolieren, war es, keine Finanzgeschäfte mit dem Westen zuzulassen. Übrigens sagte einmal der Vorsitzende der Auslandsabteilung des US-Finanzministeriums zu mir, solange wir einen Staat wie Deutschland haben, dessen Regierung komplett an unseren Zahlungen hängt, können wir Europa kontrollieren. Es sei besonders einfach in Deutschland, weil die Bundesregierung so korrupt sei. Man müsse sie nicht beschießen, man könne sie einfach auszahlen. Angela Merkels Handy wurde von der CIA überwacht, weil sie sicher gehen wollten, dass die Kanzlerin ihre Aufträge befolgt. Andernfalls würden sie sie ersetzen.

Sie schreiben, dass die Obama-Regierung die Regeln im Internationalen Währungsfonds änderte, um die Ukraine mit einem Drei-Milliarden-Dollar-Kredit zu versorgen, den sie niemals zurückzahlen wird. Warum wurde das gemacht?

Hillary Clintons Strategie war es, Russland zu einem Krieg zu provozieren, um daraufhin mit einem Nuklearschlag gegen Russland zu ziehen. Deswegen verlor sie die Präsidentschaftswahl und ist heute die nach Donald Trump am meisten gehasste Person in den USA. Washington versuchte, die Regierung in Kiew zu unterstützen, die sehr schnell pleite ging, nachdem sie mit Russland gebrochen hatte. Die Ukraine schuldete Russland Geld. Der IWF sagte, wenn ihr Russland eure Schulden nicht zurückzahlt, werden wir euch genug Geld leihen. Die Regierung in Kiew verfuhr nach demselben Prinzip, wie Donald Trump zu seinen Milliarden kam: Du zahlst Kredite nicht zurück und hältst die Gläubiger hin, immer und immer wieder. Dann lässt du sie gegen dich vor Gericht ziehen und hältst sie wieder hin. Das war der Versuch, Russland zu isolieren.

Ist die Strategie von Erfolg gekrönt?

Das Resultat ist, dass sich Russland, China und der Iran angenähert haben, etwa in der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit, und aus dem Dollar-Gebiet ausgebrochen sind. Diese Länder wollen die US-Währung nicht mehr nutzen, um ihren Handel abzuwickeln, und auch keine Dollar mehr in den Bilanzen ihrer Zentralbanken halten – bis auf ein Minimum, um die Währung stabil zu halten. Sie haben verstanden, dass das Horten von Dollar ihre eigene militärische Umzingelung finanziert. Aus ihrer Sicht operiert der IWF von einem sehr kleinen Apartment im Keller des Pentagon aus. Das ist ähnlich wie bei der Weltbank, deren Spitzenpersonal meistens direkt aus dem US-Verteidigungsministerium kommt, um andere Staaten zu kontrollieren.

Wird Donald Trump diese »Dollar-Strategie« auch verfolgen?

Er hat überhaupt keine Strategie. Er hat sein Leben bisher als Kleinkrimineller geführt. Und als Gauner vertraut er nur seinen Familienmitgliedern. Keiner von ihnen hat politische Erfahrung. Was macht Trump zu solch einem wundervollen Präsidenten für die USA? Es ist viel besser, einen inkompetenten aggressiven Präsidenten als eine kompetente aggressive Präsidentin, wie es Hillary Clinton gewesen wäre, an der Spitze des Staates zu haben.

Wir sprachen bereits über Deutschland. Warum sollten Leser hierzulande Ihr Buch zur Kenntnis nehmen?

Ich glaube, dass die meisten Menschen in Deutschland nicht verstanden haben, was in den 20er Jahren passierte. Es gab eine wundervolle ökonomische Debatte zwischen John Maynard Keynes auf der einen Seite, der die Meinung vertrat, Deutschland könne die hohen Reparationsforderungen nicht leisten und die Alliierten könnten ihre Auslandsschulden nicht bezahlen. Auf der andern Seite wurden Keynes und seine Mitstreiter herausgefordert von Ökonomen, bei denen sich herausstellen sollte, daß sie falsch lagen. Dazu zählen der Franzose Jacques Rueff, der Schwede Bertil Ohlin und der Österreicher Friedrich Hayek – sie alle hassten Deutschland. Aber ihre Theorie wird heute in deutschen Universitäten gelehrt. Ideen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Nichts damit, ob Länder imstande sind, ihre Schulden zurückzuzahlen.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Die deutsche Regierung hat nicht verstanden, dass das deutsche »Wirtschaftswunder« von 1947 darauf basierte, dass die Alliierten den westlichen Besatzungszonen die Schulden erlassen hatten, als Teil der Währungsreform. Streicht man Schulden nicht, findet man Zustände vor, wie sie in Griechenland gerade zu sehen sind. Erst wenn man in Deutschland die eigene Geschichte versteht, wird man auch verstehen, wie wichtig es ist, Schulden zu erlassen. Andernfalls wird die Wirtschaft schrumpfen, ohne dass ein Ende in Sicht kommt.

Nach diesem Muster wurde die Euro-Zone konstruiert. Die Europäische Zentralbank darf nicht ihre Mitgliedsstaaten finanzieren. Und die Regierungen dürfen kaum Schulden machen. Der einzige Weg, auf dem die EU eine Weltwährung aufbauen könnte, wäre es, den Staaten die Schuldenaufnahme zu gewähren und zu erlauben, Anleihen auszugeben, die von anderen Mitgliedsländern gekauft werden dürfen. Aber die USA sind dagegen. Sie vertreten gegenüber der EU, und Deutschland im besonderen, die Position: Wir wollen keinen Rivalen. Wir wollen, dass eure Wirtschaft schrumpft. Heute bezeichnet man das Euro-Wirtschaftsgebiet an der Wall Street als »Schuldenzone«. Die Verbindlichkeiten steigen und steigen, mehr und mehr Geld wird aus der Wirtschaft gezogen, auch bei niedrigen Leitzinsen. Das führt dazu, dass immer weniger Geld da ist, um Waren und Dienstleistungen zu erwerben. Der Binnenmarkt, nicht nur in Deutschland, sondern auch bei dessen Handelspartnern, schrumpft. Und soweit ich es überblicke, wird das auch so bleiben.

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Das große Schachspiel - Vom Gläubiger zum Schuldner der Welt: Michael Hudson schildert den Aufstieg des US-Finanzimperialismus

Michael Hudson lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Universität Missouri (Kansas City) und ist Präsident des Instituts für langfristige Wirtschaftsentwicklung (ISLET) in New York City.

Am Sonnabend ist sein Buch »Finanzimperialismus. Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus« erstmals auf Deutsch erschienen

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