Aus: Ausgabe vom 13.11.2017, Seite 2 / Inland

»Beteiligung der Lehrer findet nicht statt«

Google und Co. versuchen, mit Sachspenden in die Schulen zu ­kommen. Programme nicht von Lehrplänen gedeckt. Gespräch mit Fabian Kaske

Interview: Ralf Wurzbacher
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»In Mecklenburg-Vorpommern sollen 2.500 Geräte von Calliope bezahlt werden. Geldgeber der Firma sind wiederum Spender wie etwa Google.« (Fabian Kaske, Campaigner beim Verein Lobbycontrol)

Der Einplatinencomputer »Calliope mini« ist gerade dabei, die Schulen zu erobern. An deutschen Grundschulen sollen Medienberichten zufolge bereits mehr als 16.000 dieser Minirechner im Einsatz sein. Was hat es mit dem Gerät auf sich?

Der »Calliope Mini« ist ein kleiner Computer ohne Bildschirm, aber mit LEDs, Lautsprecher und Sensoren ausgestattet. Mit ihm sollen Kinder die ersten Gehversuche beim Programmieren machen. Der Hersteller, die gemeinnützige Calliope Gmbh, tritt zur Zeit an die Bildungsministerien heran und bietet die Minirechner für Grundschulen an. Die Finanzierung ist je nach Bundesland unterschiedlich geregelt. In Mecklenburg-Vorpommern sollen 2.500 Geräte von Calliope bezahlt werden. Geldgeber der Firma sind wiederum Spender, wie etwa Google. Die Geräte werden dem Land dann geschenkt.

Ihr Verband beklagt, dass die Lehrpläne des Landes damit umgangen werden. Wie funktioniert das?

In den Lehrplänen für Grundschulen in Mecklenburg-Vorpommern ist Programmieren bisher nicht vorgesehen. Über die Schenkung wird das Thema als Unterrichtsinhalt direkt in die Schulen gebracht. Eine politische Beratung zu den Lerninhalten oder eine Beteiligung von Lehrerinnen und Lehrern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern findet dann einfach nicht statt.

Ist das überhaupt legal?

In Mecklenburg-Vorpommern regeln die »Empfehlungen zur Werbung, Erhebung von Geldspenden, wirtschaftlichen Betätigung und zu Sammlungen an öffentlichen Schulen« die entsprechenden Aktivitäten. Dort wird an einer Stelle von einer Gefährdung des Bildungs- und Erziehungsauftrags ausgegangen, wenn »mit einer Zuwendung versucht wird, Einfluss auf die inhaltliche Ausgestaltung von Unterricht und Erziehung zu nehmen«. Das trifft meiner Meinung nach hier eindeutig zu.

Trotzdem hat die Politik mit all dem kein Problem?

Die Politik lässt sich bei der Digitalisierung an Schulen von den Konzernen gerade vor sich hertreiben. Deswegen freut man sich in den Ministerien, dass jetzt endlich etwas in dem Bereich passiert. Problematisch ist das auch deshalb, weil damit eine Festlegung vorgenommen wird, was Digitalisierung in der Grundschule bedeutet. Die notwendige gesellschaftliche Diskussion, wie sie dort Einzug halten soll, wird dann nicht oder nur noch unzureichend geführt.

Im Saarland soll der Minirechner bald sogar flächendeckend eingeführt werden. Wie konnte es so schnell so weit kommen?

Im Saarland, als Modellbundesland, wurde der Calliope Mini schon sehr früh eingeführt. Auch dort wurden die Minicomputer dem Schulministerium geschenkt, genauso wie in einigen anderen Bundesländern. Das Projekt zielt auf eine massenhafte Verbreitung in allen Bundesländern. Wir befürchten, dass damit eine Verengung auf eine bestimmte Hardware stattfindet.

Der von der Bundesregierung angekündigte »Digitalpakt#D« für die Schulen kommt nicht so richtig in die Gänge (jW berichtete). Schafft die IT-Wirtschaft deshalb gleich selbst Fakten?

Ob Unterrichtsmaterialien wie der Calliope Mini vom Digitalpakt abgedeckt würden, ist bisher noch unklar. Dort geht es vor allem um die Infrastruktur, wie etwa den Breitbandausbau und WLAN an Schulen. Geräte werden wegen des Kooperationsverbots im Bildungsbereich eher nicht bezahlt. Die Konzerne scheinen zu merken, dass die Politik unter öffentlichen Druck gerät, etwas zu tun, und so intensivieren siehre Lobbybemühungen. Das zeigt sich beispielsweise auch in der »Google-Zukunftswerkstatt«, einem Bildungszentrum von Google, das Leistungen für Schulen zur Verfügung stellt.

Gibt es keinen Widerstand gegen derlei Machenschaften, etwa von Lehrern oder Eltern?

Auch Lehrerinnen und Lehrer bemerken natürlich die Zunahme an Lobbyaktivitäten. Aufgrund der schlechten finanziellen Ausstattung der Schulen greifen sie aber immer häufiger auf Sponsoring und Geschenke zurück. Die Lösung muss also in der ausreichenden Finanzierung der Schulen liegen. Wir bei Lobbycontrol beraten Lehrerinnen und Lehrer, wie sie sich gegen die Einflussnahme wehren können und machen gleichzeitig Druck, dass die Politik endlich genug Geld bereitstellt.

Fabian Kaske ist Campaigner beim Verein Lobbycontrol, der sich der Aufklärung über Einflussnahme, PR-Kampagnen und Denkfabriken verschrieben hat. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Lobbyismus an Schulen

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Wissen ist Macht Bildungsprivilegien und -benachteiligungen

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