Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Im Waffengebrauch unterrichten

Keine Revolution ohne Konterrevolution: Am 10. November 1917, drei Tage nach der Oktoberrevolution, holten reaktionäre Kräfte zum Gegenschlag aus

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Petrograd, 19. Juni 1920: Lenin bei einer Rede anlässlich der Grundsteinlegung für ein Denkmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Das Revolutionäre Militärkomitee beim Petrograder Sowjet wurde am 25. Oktober 1917 (wie alle weiteren Datumsangaben nach heute gültigem Kalender) auf Beschluss des Zentralkomitees der Partei der Bolschewiki zur Vorbereitung des bewaffneten Aufstands geschaffen. Am 11. November berief das Komitee eine Beratung der Regimentsvertreter der Petrograder Garnison ein, um sich über die Verteidigung der Stadt gegen bewaffnete Kräfte der Konterrevolution zu verständigen. Dazu waren etwa 40 Vertreter von Truppenteilen gekommen. Lenin hielt dort verschiedene Referate, zunächst eines zur aktuellen Lage:

Auf die politische Lage ausführlich einzugehen ist nicht nötig. Die politische Frage wird jetzt fast völlig zu einer militärischen Frage. Es ist ganz klar, dass (Alexander) Kerenski (1881–1970, Sozialrevolutionär, war seit Juli 1917 Chef der Provisorischen Regierung und floh vor der Oktoberrevolution aus Petrograd, jW) die Kornilowleute (Lawr Kornilow, 1870–1918, zaristischer General, unternahm Anfang September 1917 einen Putschversuch gegen die Provisorische Regierung, jW) herangezogen hat; er hat sonst niemanden, auf den er sich stützen könnte. In Moskau haben sie den Kreml besetzt, die Vorstädte aber, wo die Arbeiter und überhaupt die arme Bevölkerung wohnen, sind nicht in ihrer Gewalt. An der Front steht niemand hinter Kerenski. Sogar schwankende Elemente, wie zum Beispiel die Mitglieder des Eisenbahnerverbands, sprechen sich für das Dekret über den Frieden und den Grund und Boden aus.

Die gewaltige Mehrheit der Bauern, Soldaten und Arbeiter ist für die Politik des Friedens. (…)

Aber wir befinden uns jetzt in einem schwierigen Augenblick. Wir müssen energische Maßnahmen ergreifen zur Regelung der Lebensmittelversorgung, zur Beseitigung des Kriegselends. Wir können nicht warten, können keinen einzigen Tag den Aufstand Kerenskis dulden. Wenn die Kornilowleute einen neuen Vormarsch organisieren, so werden wir ihnen ebenso antworten, wie wir heute auf den Aufstand der Offiziersschüler geantwortet haben (am 10. November versuchten Offiziersschüler in Petrograd sowie eine von außen kommende improvisierte Kosakeneinheit, die Oktoberrevolution niederzuschlagen. Sie scheiterten an der Mobilisierung der bewaffneten Arbeiter und Matrosen der Stadt, die beide Angriffe zurückschlugen, jW). Mögen die Offiziersschüler die Schuld bei sich selber suchen. Wir haben die Macht fast ohne Blutvergießen ergriffen. Wenn es Opfer gegeben hat, so nur auf unserer Seite. Das ganze Volk hat gerade die Politik gewollt, die die neue Regierung betreibt. Sie hat diese Politik nicht von den Bolschewiki, sondern von den Soldaten an der Front, den Bauern auf dem Lande und den Arbeitern in den Städten übernommen.

Das Dekret über die Arbeiterkontrolle muss in diesen Tagen herauskommen. Ich wiederhole: Die politische Lage ist jetzt zur militärischen Lage geworden. Wir können einen Sieg Kerenskis nicht zulassen: dann würde es weder Frieden noch Land noch Freiheit geben. (…) Die politische und die militärische Aufgabe besteht in der Organisierung eines Stabs, der Konzentrierung der materiellen Kräfte, der Versorgung der Soldaten mit allem Notwendigen. Das muss man tun, ohne eine einzige Stunde, ohne eine einzige Minute zu verlieren, damit alles sich ebenso erfolgreich weiterentwickle wie bisher.

Rede über die Herstellung der Ordnung in der Stadt:

Einen Teil der Arbeit zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt müssen die Arbeiter übernehmen. Bei dieser gemeinsamen Arbeit werden die Soldaten die Arbeiter im Gebrauch der Waffen unterrichten. Unsere Aufgabe, die wir keinen Augenblick außer acht lassen dürfen, ist die allgemeine Bewaffnung des Volkes und die Abschaffung des stehenden Heeres. Wenn die Arbeiterbevölkerung hinzugezogen wird, wird die Arbeit leichter sein. Zweckmäßig ist der Vorschlag der Genossen, jeden Tag zusammenzukommen. Es ist richtig, dass die russische Revolution viel Neues bringt, das keine einzige Revolution aufzuweisen hatte. Ein solches Organ wie die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten hat es früher nicht gegeben. (…) Jeder Truppenteil muss zusammen mit der Arbeiterorganisation dafür sorgen, dass alles Notwendige für diesen euren Kampf herbeigeschafft werde, ohne erst auf Weisungen von oben zu warten. Von dieser Nacht an müsst ihr diese Aufgabe selbständig in Angriff nehmen. Wartet nicht auf Direktiven vom Stab, die Truppenteile mögen selbst Vorschläge machen. Ihr habt ein Mittel, das die Bourgeoisie niemals gekannt hat: Sie hat nur ein Mittel – sie kann kaufen; ihr aber könnt euch mit den Arbeitern selbst in Verbindung setzen, die alles das produzieren.

Beratung der Regimentsvertreter der Petrograder Garnison, 29. Oktober (11. November 1917). Zeitungsbericht. Zuerst erschienen in Prawda Nr. 171, 13. November 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 26. Dietz Verlag, Berlin 1974, Seiten 260–262 sowie Seite 264


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